IV. Niederländischer Atomstrom

Das in den nächsten Dekaden zu erwartende Versiegen der Gasquellen haben in den Niederlanden Überlegungen in die Diskussion gebracht, wie man dem Schrumpfungsprozess entgegentreten könnte. Die niederländische Regierung geht davon aus, dass bis zum Jahr 2030 das Niveau der heutigen Gasproduktion gehalten werden kann. Danach wird es abnehmen und im Notfall müssen dann die Niederländer wie auch die anderen Europäer auf Quellen zurückgreifen, die in Ländern liegen, die politisch instabil sind und von denen man nicht abhängig werden will.

Zurzeit heißt die Antwort auf den erwartbaren Gasmangel: Atom. Nur vier Prozent vom gesamten Energieangebot macht heute die Atomenergie aus. Nach derzeitiger Überlegung soll schon im kommenden Jahr mit dem Bau eines weiteren Atomkraftwerkes begonnen werden, an dem sich die deutsche RWE beteiligen wird. Angedacht ist ein Meiler in einer Größenordnung von 1.000 bis 1.600 Megawatt. Baukosten: bis zu fünf Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das größte deutsche Atomkraftwerk, Isar 2, hat eine Bruttoleistung von 1.485 Megawatt.

Das einzig heute existierende Kraftwerk in den Niederlanden ist Borssele – seit 1973 in Betrieb – und steht 180 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Es hat eine Kapazität von 485 MW und wird von der Elektriciteits-Productiemaatschappij Zuid-Nederland (EPZ) betrieben. Die Reaktorleistung ist nicht groß. Dennoch gab es in den Niederlanden selbst gegen dieses kleine Kernkraftwerk immer wieder Proteste. Lange Zeit, spätestens seit Tschernobyl, hatte eine starke Opposition der Sozialdemokraten und anderer Linker den Bau weiterer Kernkraftprojekte in den Niederlanden undenkbar gemacht. Und es gab sogar Zeiten, in denen die Niederlande vor dem kompletten Atomkraftausstieg standen: 1994 hat die Regierung beschlossen, Borssele 2004 zu schließen. Doch wurde 2002 das Schließungsdatum auf 2013 verschoben. 2006 wurde entschieden, die Laufzeit zu verlängern, das Kraftwerk bis 2033 zu betreiben und die Kapazität von 452 auf 485 MW zu erhöhen. 

2009 stimmte die deutsche RWE zu, Essent, den führenden niederländischen Energieversorger, dem die EPZ zur Hälfte gehört, für 8,35 Milliarden Euro zu kaufen und weitere Nuklearkapazitäten in den Niederlanden zu bauen. Der Kauf kam schließlich zustande, jedoch ohne dass es der RWE gelang, die EPZ-Anteile zu kaufen. Borssele kam damit schließlich in ein neues Unternehmen – die Energy Rexource Holding (ERH), deren Besitzer Region und Kommunen sind. Im Mai 2011 schließlich ließ die seeländische Energie-Unternehmensgruppe Delta zu, dass RWE weitere 20 Prozent Anteile an der EPZ und damit dem Atomkraftwerk Borssele kaufen konnte.

Rückblick auf die Atomhistorie der Niederlande: Schon in den 1930er Jahren hatten Forscher an der Technologischen Universität Delft das Potenzial nuklearer Energie erforscht. In den frühen 1950er Jahren waren diese Forschungen der Anlass, mit dem norwegischen Institut für Energietechnologie (Institute for Energy Technology, HFR) in Petten (Provinz Nordholland). Er wurde zunächst konstruiert, um mehr über das Wesen der Nukleartechnologie zu erfahren.[1] Das eigentliche Ziel aber war, irgendwann selbst nukleare Energie als Ergänzung zu den fossilen Energien zur Verfügung zu haben. Im Mai 1965 begann der Bau des ersten Atomreaktors in den Niederlanden in Dodewaard (Provinz Gelderland). Federführend für die Umsetzung und die Inbetriebnahme zeigte sich die Joint Nuclear Power Plant Netherlands Ltd (GKN) verantwortlich – bis zum Jahr 1997. Damals wurde das AKW aus ökonomischen Gründen abgeschaltet und geschlossen.

Das zweite Atomkraftwerk entstand schließlich in Borssele im Südwesten des Landes. Der Bau begann 1969, von Juli 1973 an produzierte es Energie. Entworfen und gebaut wurde es von Siemens. Den Betrieb übernahm die niederländische EPZ.

Im September 2008 kündigte Delta, Besitzer von 50 Prozent der Anteile an RWE als weiterer Teilhaber ins Spiel gebracht und will 20 Prozent an dem Projekt gewinnen. Zurzeit sieht es so aus, dass ein möglicher Bau 2015 beginnen könnte, der Reaktor könnte dann ab 2018/19 ans Netz gehen.

Die niederländische Regierung spricht sogar vom Bau eines dritten Reaktors. Weitere Details dazu sind aber nicht bekannt. Auch bei Eemshaven bei Emden könnte möglicherweise ein neuer Meiler entstehen. Dort hat sich jedenfalls der Energiekonzern Electrabel bereits genügend Fläche gesichert. Doch egal wo er steht – laut Planung könnte der zukünftige Meiler im jedem Fall auch Strom nach Deutschland liefern.


[1] Vgl. www.world-nuclear.org

Autor: Martin Roos
Erstellt: Juli 2011