V. Atomkraftwerk Tihange

Nach dem Konflikt um Offshore-Windkraftanlagen in der Nordsee wirkt das folgende Kapitel über das belgische Atomkraftwerk Tihange fast schon etwas angestaubt: Doch tatsächlich sind Proteste gegen Atomkraft seit dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima 2011 wieder hochaktuell.

Nur rund 50 Kilometer hinter der niederländischen und 75 Kilometer hinter der deutschen Grenze liegt das belgische Atomkraftwerk Tihange mit seinen drei Reaktorblöcken. Seit Jahren werden immer wieder Zwischenfälle von dort gemeldet, seit dem Sommer 2012 war Tihange 2 sogar aufgrund von Haarrissen im Betonmantel bis auf weiteres stillgelegt. Ein Jahr darauf konnte der Betreiber Electrabel die Anlage wieder hochfahren – obwohl Tihange bei den EU-weiten Stresstests, die nach der Katastrophe von Fukushima durchgeführt wurden schlechte Ergebnisse erzielt hatte. Tihange 1 soll laut belgischer Regierung noch bis 2025 am Netz bleiben. Ursprünglich geplant war eine Stilllegung im Jahr 2015.

Noch sich in Benutzung befindliche Atomkraftwerke, Forschungsreaktoren und Anlagen zur Kernbrennstoffver- und -entsorgung im räumlicher Nähe zu Landesgrenzen, Raum Benelux
Noch sich in Benutzung befindliche Atomkraftwerke, Forschungsreaktoren und Anlagen zur Kernbrennstoffver- und -entsorgung im räumlicher Nähe zu Landesgrenzen, Raum Benelux
© Eigene Darstellung nach Bundesamt für Strahlenschutz

„Stop Tihange!“

Gründe genug für die Bewohner der Region sich gemeinsam grenzüberschreitend für die Schließung der 1975 errichteten Anlage einzusetzen. Unter dem Motto „Stop Tihange!“ haben sich deutsche, belgische und niederländische Atomkraftgegner zusammengeschlossen. Auf der Homepage www.stop-tihange.org informiert das Bündnis über die nächsten Demonstrationstermine und bietet Flyer und Anti-Atom-Aufkleber in deutscher, niederländischer und französischer Sprache an.

In Deutschland habe man den Atomausstieg zwar beschlossen, doch „wenn das, was vor einem halben Jahr in Fukushima passiert ist, in Tihange passieren würde, wäre die Aachener Region – meine Heimat – unmittelbar betroffen“, erklärte der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer von den Grünen gegenüber dem belgischen Rundfunk BRF während einer Anti-Tihange-Demonstration im September 2011. „Ich unterstütze die belgischen Kollegen, die sich dafür engagieren, dass auch Belgien aus der Atomkraft aussteigt“, so Krischer. Claudia Niessen von der belgischen Partei Ecolo freute sich über die deutsche Schützenhilfe. Mit der gemeinsamen Demo setze man ein grenzüberschreitendes Signal: Man zeige, „dass die Atomenergie eine Energie von gestern ist.“[1]

Grenzüberschreitender Katastrophenschutz?

Und wenn der Ausstieg aus der Atomenergie noch auf sich warten lässt, dann muss wenigstens beim Katastrophenschutz für Kernkraftwerke stärker grenzüberschreitend zusammengearbeitet werden, fordern die Atomkraftgegner. Katastrophenschutzpläne beschränken sich momentan meist auf den jeweiligen Zuständigkeitsbereich. 

„Wir wollen erreichen, dass für einen Umkreis von 80 Kilometern um den potentiellen Unfallort Pläne für Schutzräume, Evakuierung und die Verteilung von Jodtabletten entwickelt werden. Außerdem fordern wir grenzüberschreitende Katastrophenübungen im Falle einer nuklearen Katastrophe sowie eine schnelle Schließung der tickenden Zeitbombe Tihange“, so Provinzialstaaten-Abgeordneter Gert-Jan Krabbendam (GroenLinks) im Januar 2013 gegenüber der belgischen Zeitung De Wereld Morgen.[2] Onno Hoes, Bürgermeister von Maastricht, versprach daraufhin zwar eine euregionale Schutzübung. Doch es scheint, als es bis dahin noch ein weiter Weg.[3]

2014 verabschiedete das Land NRW eine Vereinbarung mit den Niederlanden „bezüglich grenzüberschreitender Zusammenarbeit im Katastrophenschutz“ [4]. Eine ähnliche Vereinbarung mit Belgien sowie nähere Ausführungen, wie im Falle eines Atomunglücks zu reagieren ist, fehlen aber bisher. Immerhin sind bei einem Atomunglück viele Parteien betroffen. So hat z.B. immer auch der Betreiber eines Atomkraftwerks spezielle Pflichten, die jedoch in jedem Staat unterschiedlich geregelt sind.

Bei weiterer Recherche zum Thema lässt sich ein 2015 für den deutschen Bundestag verfasster Bericht finden, der sich explizit mit der Frage der Zuständigkeit bei Atomunfällen beschäftigt und auch die Rechtslage in den deutschen Nachbarstaaten, darunter auch die Niederlande und Belgien, wiedergibt. Unter anderem schlussfolgert der Bericht, „dass es sich im Rahmen des Atomnotfallschutzes auch in den Nachbarländern um eine komplexe und schwer zugängliche Materie handelt.“ [5] Ähnlich komplex ist dies allerdings auch in Deutschland geregelt, wo die einzelnen Bundesländer mit dem Katastrophenschutz betraut sind. Es überrascht also nicht, dass sich Kooperation über Ländergrenzen hinweg als schwierig herausstellt, wenn schon innerhalb eines Landes schwer zu durchschauen ist, welche Stellen wofür verantwortlich sind.

Electrabel und Urenco

Electrabel ist Teil der GDF SUEZ-Gruppe, einem international tätigen Energieversorgungskonzern. Electrabel ist mit einem Marktführer in Belgien und den Benelux. Mit über 5.000 Mitarbeitern ist das Unternehmen auch einer der größten Arbeitgeber des Landes. Im Jahr 2013 machte Electrabel laut eigenen Angaben einen Umsatz von 12.4 Milliarden Euro.[a] Electrabel erzeugt rund 70 Prozent des Atomstroms in Belgien. Neben dem Kernkraftwerk Tihange gehört auch das Atomkraftwerk Doel zu Electrabel.

Urenco wurde 1970 zwischen Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden gegründet. Standorte sind Capenhurst (UK), Almelo (NL) und Gronau (DE). Die Urenco Gruppe produzieren zum einen Zentrifugenanlagen, zum anderen reichert die Firma Uran an, das in Kernkraftwerken Verwendung findet.

Großbritannien und die Niederlande halten je ein Drittel der Anteile. 2013 erwog der niederländische Staat, seine Urenco-Anteile zu verkaufen, tat dies aber dann doch nicht. [b] Die deutschen Atomkraftwerksbetreiber RWE und E.ON besitzen jeweils ein Sechstel der Anteile.

Die Einkünfte der Firmengruppe lagen 2013 bei 1,5 Milliarden Euro.[c]

[a] Electrabel: Kerncijfers 2013, Electrabel in België (Stand: 30.06.2014).

[b] Rijksoverheid:Staat wil aandelen Urenco verkopen (23. Mai 2013), Pressemitteilung
[c] Urenco: annual report and accounts 2013, Trusted to deliver (Stand: 30.06.2014).

Grenzüberschreitende Antiatom-Bewegung

Dabei wäre ein grenzüberschreitender Katastrophenschutz für das Grenzgebiet Deutschland-BeNeLux [6] nicht nur im Falle des belgischen AKW Tihange sicher sinnvoll. Auf deutscher Seite der Grenze stehen das Kernkraftwerk Emsland in Lingen, das Atomversuchskraftwerk Jülich, die Urananreicherungsanlage Gronau und das Zwischenlager Ahaus.

Die niederländische Urananreicherungsanlage in Almelo ist keine 40 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, die Kerncentrale Borssele befindet sich in der unmittelbaren Nähe zu Belgien, im Gegenzug haben auch die Belgier ihre AKWs in Grenznähe aufgebaut: Neben Tihange gibt es auch noch die Kerncentrale Doel. Außerdem steht in Mol das älteste belgische Kernkraftwerk BR1, mit dem angeschlossenen Studiecentrum voor kernenergie SCK•CEN. Auch das französische AKW Cattenom befindet sich in unmittelbarer Nähe zur luxemburgischen und deutschen Grenze.

Die belgische Wiederaufbereitungsanlage Belgonucleaire in Dessel wird seit 2009 abgebaut – geplantes Abbauende war zunächst 2014, jedoch dauern die Arbeiten bis heute [Stand Januar 2018] an. Man rechnet mit insgesamt 1.000 Tonnen industriellem, 200 Kubikmeter plutoniumhaltigen und weiteren 80 Kubikmetern radioaktivem Abfall. [7]

Im Gegensatz zu den politisch Verantwortlichen in der Region ziehen die Atomkraftgegner bereits längst grenzüberschreitend an einem Strang. Nicht nur in Tihange: 2011 feierte der Arbeitskreis Umwelt in Gronau das 25-jährige Bestehen der Sonntagsspaziergänge der deutsch-niederländischen Anti-Atomkraft-Bewegung.


[1]Zimmermann, Manuel Proteste von Atomkraftgegnern in Tihange, in: BRF (19. September 2011), Link zum Video
[2] Molenberghs, Jan: Internationale protestmars 'Stop Tihange, in: De Wereld Morgen (13. Januar 2013).
[3] Vgl.: Tihange: Niederlande übt Ernstfall – Belgien sieht keine Veranlassung, in: BRF (13. April 2013), Onlineartikel
[4] Ministerialblatt (MBI. NRW.) Ausgabe 2014 Nr. 17 vom 5.6.2014, S. 299 – 316. Online unter https://recht.nrw.de/lmi/owa/br_vbl_detail_text?anw_nr=7&vd_id=14425.  
[5] Wissenschaftliche Dienste: Zuständigkeitsfragen zum Notfallschutz bei Atomunfällen. Aktenzeichen WD 3 – 3000 – 078/15, vom 10.06.2016, S. 16, online unter https://www.bundestag.de/blob/411874/30cd4dd618858c57537b62bb79d439a0/wd-3-078-15-pdf-data.pdf
[6] Bereits 2014 gab Wirtschaftsminister Henk Kamp bekannt, die Niederlande werde ihre Katastrophenschutzpläne künftig mit Belgien und Deutschland abstimmen: Brief des Ministerie van Economische Zaken an De Voorzitter van de Tweede Kamer (Den Haag, 02. Juli 2014): Harmonisatie van de voorbereiding op, en maatregelen bij kernongevallen in Nederland en onze buurlanden, Onlineversion (PDF), (Stand: 07.07.2014).
[7] Van Gestel, Saskia: Belgonucleaire moet in 2014 ontmanteld zijn, in: Nieuwsblad (25. Mai 2013), Onlineartikel

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt: Juli 2014
Aktualisiert: 2018, Katrin Uhlenbruck