IV. Superstromleitung Doetinchem-Wesel

Der niederländische Übertragungsnetzbetreiber TenneT, der am bereits erwähnten „Energiekrieg“ rund um den Windpark Riffgat beteiligt ist, spielt auch im nächsten Beispiel für Kooperation und Konflikt in der Grenzregion eine Hauptrolle.

Als grenzüberschreitender Netzbetreiber, der zum einen daran interessiert ist, ein stabiles Netz bieten zu können, und zum anderen die Transportkapazitäten zwischen Deutschland und den Niederlanden erhöhen möchte, um am Stromimport und -export zu verdienen, plant TenneT, gemeinsam mit der deutschen Amprion GmbH eine 380 Kilovolt-Höchstspannungsleitung zwischen dem niederländischen Doetinchem und dem deutschen Wesel zu bauen. Hierdurch soll eine weitere (die vierte) Verbindung zwischen dem deutschen und dem niederländischen Übertragungsnetz geschaffen werden.

Länge: circa 57 Kilometer, davon 22 Kilometer in den Niederlanden. Kapazität: 2 x 2.635 Megavoltampere.  Das sind die nüchternen Eckdaten zur geplanten Stromtrasse. Doch hinter der Stromleitung steckt sowohl für die Netzbetreiber als auch für die betroffenen Gebietsbewohner viel mehr als diese Zahlen.

Von günstigsten Preisen profitieren

„Die geplante 380.000-Volt-Höchstspannungsleitung von Wesel nach Doetinchem in den Niederlanden wird die Transportkapazität zwischen den Übertragungsnetzen von Amprion und TenneT zwischen 25 und 50 Prozent erhöhen“[1], so Amprion auf der eigenen Website. Die regionalen Märkte wüchsen dadurch stärker zusammen und zugleich werde die Systemsicherheit erheblich gesteigert.

TenneT verspricht, dass die Stromleitung nach Deutschland für einen sicheren Zugang zu nachhaltig erzeugter und günstiger Energie sorge: „Ein internationaler Energiemarkt bietet die Möglichkeit, einen starken Energiesektor aufzubauen, wobei die Niederlande Strom exportieren oder importieren, um dadurch immer von den günstigsten Preisen profitieren zu können.“ Oder wie es das Algemeen Dagblad in einem Artikel zur geplanten Superstromleitung formuliert: „Es passiert immer häufiger, dass bei unseren östlichen Nachbarn Überkapazitäten an Wind- und Sonnenenergie erzeugt werden. Ein Teil dieses Überschusses an subventioniertem grünen Strom wird bereits jetzt zu stark reduzierten Tarifen auf dem niederländischen Markt verhökert.“[2]

Bürger für Erdverkabelung

An der deutsch-niederländischen Grenze bei Isselburg wollen die Betreiber eine so genannte Übergabestelle einrichten. Hier treffen die 22 niederländischen Kilometer Stromleitung auf die 35 deutschen Kilometer. Die Isselburger sind nicht per se gegen eine Stromleitung, nur wollen viele, dass der Strom nicht überirdisch, sondern unterirdisch transportiert wird. Die Bürgerinitiative Isselburg 21 macht sich deshalb gemeinsam mit der niederländischen Stiftung „Achterhoek voor 380 kv ondergronds“ gegen eine oberirdische Leitungsführung und für eine Erdverkabelung stark.

Stromimport und -export

Obwohl Deutschland im Gegensatz zu den Niederlanden als rohstoffarmes Land gilt, war es 2012 Nettoexporteur von Elektrizität, während die Niederlande im selben Jahr mehr Strom einführten als sie ausführten.

Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2012 43,8 Terawattstunden (TWh) über die europäischen Stromnetze nach Deutschland eingeführt. Im gleichen Zeitraum führte Deutschland 66,6 TWh aus, woraus sich ein Überschuss von 22,8 TWh ergab. Die wichtigsten Abnehmer für Strom aus Deutschland waren die Niederlande (22,6 TWh), und die beiden Alpennachbarn Österreich (15,9 TWh) und die Schweiz (12,7 TWh).

Die Niederlande galten seit 2009 ebenfalls als Netto-Elektrizitäts-Exporteur. 2011 nahm der Import jedoch wieder zu und die Zahlen von 2012 zeigen, dass die Niederlande doppelt so viel Strom importierten (32,2 TWh) wie exportierten (15,1 TWh). Vor allem aus Deutschland wurde 2012 deutlich mehr Elektrizität importiert als im Vorjahr, so das Centraal Bureau voor de Statistiek. Grund hierfür seien die geringeren Preise gewesen.

In einer Stellungnahme weisen die Aktivisten neben ökologischen Folgen auf die potentiellen gesundheitlichen Gefahren hin, die den Anwohnern durch die geplante 380 Kilovolt-Trasse drohen: „Aus den Medien kann man zahlreichen Berichten und Studien entnehmen, dass eine 380 KV Freileitungstrasse sehr wahrscheinlich negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen hat. Genannt werden hier die signifikant steigenden Risiken, an Kinderleukämie, Lungen- oder Hirntumoren, Fehlgeburten, Brustkrebs und Alzheimer zu erkranken.“.[3] TenneT hält dagegen: „Seit den 70er Jahren wurde der Einfluss magnetischer Felder auf die Gesundheit erforscht. Das Ergebnis: Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass die elektrische und magnetischen Felder, die durch Hochspannungsleitungen verursacht werden schädlich für die Gesundheit sind.“[4]

Weitere Gründe, die aus ihrer Sicht für Erdkabel sprechen hat die Bürgerinitiative in einer kleinen Liste aufgezählt: Erdkabel erzeugen kein magnetisches Feld und keine störenden Geräusche. Sie sind unsichtbar und haben einen geringeren Flächenbedarf als Hochspannungsmasten. Zudem entsteht keine Wertminderung von Land oder Immobilien.

Technisch möglich, aber nicht empfohlen

Auch auf das Argument der Bauherren, eine Erdverkabelung sei ungleich teurer, haben die Aktivisten eine Antwort. Auch wenn die Baukosten für einen Kilometer 3.000 MW Freileitung mit rund 0,8 Mio. Euro weit unter den Kosten für kunststoffisolierte Erdkabeltrassen liegen (ca. 3,2 Millionen Euro pro Kilometer), würden nach der Berechnung der Bürgerbewegung die Betriebskosten bei Erdkabeln pro Jahr deutlich geringer ausfallen (1.000 Euro) als bei Freileitungen (3.000 Euro). Auch die Kosten für Stromverluste beim Transport liegen bei Erdkabeln mit 68.000 Euro pro Jahr und Kilometer deutlich unter den Kosten bei Freileitungen (153.000 Euro/Jahr/km).

Doch die Berechnungen, Protestbriefe, Unterschriftensammlungen und Stellungnahmen der Anwohner laufen ins Leere. Kleine Siege der Strommasten-Gegner verwandelten sich in Niederlagen. So auch das von „Achterhoek voor 380 kv ondergronds“ angestrengte Gutachten zu der Frage, ob eine Erdverkabelung nicht sinnvoller wäre. Die Untersuchung im Auftrag des niederländischen Wirtschaftsministeriums wurde vom belgischen Ingenieursbüro Tractabel durchgeführt. Tractabel kam zu dem Schluss, dass eine unterirdische Gleichstromverbindung zwar technisch möglich sei, aber nicht empfohlen werde. Als wichtigste Gründe wurden eine geringere Stabilität für das Netzwerk, höherer Energieverlust und ein zu großer Flächenverbrauch durch die benötigten Konverter-Stationen genannt. Die Studie sei von falschen Voraussetzungen ausgegangen, so die wütende Reaktion der Stichting „Achterhoek voor 380 kv ondergronds“ im Dezember 2013. Tractabel habe nur die 22 niederländischen Kilometer in die Berechnungen einbezogen. Die Erdverkabelung lohne sich – jedoch nur dann, wenn die gesamte Trasse, also auch die 35 Kilometer in Deutschland, in die Berechnung aufgenommen würde. Des Weiteren sei Tractabel von einer höheren Transportkapazität der Leitungen ausgegangen als in der ursprünglichen Planung angegeben.

Hoffnung bestand noch, denn man dachte, dass sich die Meinung der Behördendurch eine sogenannte Planfeststellung der Bezirksregierung Münster im Februar 2014 vielleicht doch noch ändern würde. Diese sieht vor, zwischen der Kabelübergangsstelle Löchte bis zur Kabelübergangsstelle Diestegge die Leitung als Erdkabel zu führen. „Die Planunterlagen werden nach ortsüblicher Bekanntmachung in den von der Leitungstrasse und den landschaftspflegerischen Begleitmaßnahmen berührten Städten Borken, Gescher und Isselburg und in den Gemeinden Raesfeld und Schermbeck in der Zeit vom 28.Februar bis zum 13. März 2014 öffentlich ausgelegt“, so zu lesen auf der Website der Bezirksregierung. [5]

Der Baubeginn ist auf niederländischer Seite erst für das Jahr 2015 geplant. Bis dahin sollen die Pläne zur Einsicht ausgelegt werden, Einsprüche geprüft und die nötigen Genehmigungen beantragt werden. Die deutschen und niederländischen Behörden versuchen zwar, die größtmögliche Parallelität der Verfahrensschritte zu gewährleisten,[6] doch manche Beobachter befürchten ein ähnliches Chaos wie beim grenzüberschreitenden Bau der Güterzugstrecke Betuweroute (Siehe Vertiefungstext Betuweroute). Während im Juli 2012 auf niederländischer Seite der so genannte Vorbereitungsbeschluss des Wirtschafts- sowie des Infrastruktur- und Umweltministeriums bereits vorlag, waren auf deutscher Seite die Antragsunterlagen von Amprion noch nicht mal bei der Bezirksregierung eingereicht.

Trotz Protesten – Projekt wird realisiert

Ein so großes Projekt birgt viele Hindernisse, bis es realisiert werden kann. Erst zu Beginn des Jahres 2016 begannen die Betreiber auf niederländischer Seite mit dem tatsächlichen Bau der Leitungen, allen Protesten zum Trotz, denn der höchste niederländische Gerichtshof (sog. Raad van State) hat letztendlich alle Einwände abgewiesen.

Auf deutscher Seite waren zwei Bezirksregierungen, die Bezirksregierung Düsseldorf und Münster, damit beauftragt, den sachgemäßen Bau zu überwachen und alle Einwände zu prüfen. Auch hier hatten die zahlreichen Bürgerinitiativen keinen Erfolg. Ende 2016 wurde auch auf deutscher Seite mit dem Bau begonnen. [7] Man erwartet inzwischen, dass im Laufe des Jahres 2018, spätestens jedoch Ende 2018, die komplette Leitung in Betrieb genommen werden kann. [8]


[1] Amprion: Wesel-Niederlande (Stand: 02.06.2014).
[2] TenneT: meer goedkope stroom uit Duitsland, in: Algemeen Dagblad (17. September 2013), S.19.
[3] Brief von Isselburg 21 an Netzentwicklungsplan Strom (03. Juli 2012): Geplante 380 KV Leitung zwischen Wesel (D) und Doetinchem (NL). Forderung einer Erdverkabelung (Stand: 04.01.2014).
[4] TenneT/Ministerie van Economische Zaken: Hoogspanning en gezondheid, Link, (Stand: 15.01.2014).
[5] Bezirksregierung Münster: Neubau der 380-kV-Höchstspannungsleitung Wesel-Meppen im Bereich Raesfeld (18. Februar 2014) (Stand: 02.07.2014).
[6] Vgl. Bezirksregierung Münster Regionalplanungsbehörde: Raumordnungsverfahren für die 380kV-Hochspannungsleitung Wesel (Umspannwerk Niederrhein) bis zur Bundesgrenze (Stadt Isselburg/Gemeente Oude-Ijsselstreek). Raumordnerische Beurteilung einschließlich Begründung (24. August 2011), S. 10 (Stand: 15.01.2014).
[7] Bundesnetzagentur:  EnLAG –Monitoring. Stand der Vorhaben aus dem Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG) nach dem dritten Quartal 2017, S. 28 – 29. Online unter https://www.netzausbau.de/SharedDocs/Downloads/DE/Vorhaben/EnLAG/EnLAG-Bericht.pdf?__blob=publicationFile.
[8] Ebd., Außerdem informiert der Betreiber TenneT auf seiner Website über den Verlauf des Projektes und gibt für den Verlauf auf beiden Seiten der Grenze Prognosen ab. Aktuell plant man die Inbetriebnahme auf niederländischer Seite auch zu Beginn von 2018. Website zum Projekt des Betreibers (niederländisch) TenneT: https://www.doetinchem-wesel380kv.nl/

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt: Juli 2014
Aktualisiert: 2017, Katrin Uhlenbruck