VIII. Energie ohne Grenzen – INTERREG-Projekte

Wer nach deutsch-niederländischen Kooperationen zum Thema Energie sucht, die keinen Konflikt mit sich gebracht haben, der sucht etwas länger. Dass es so etwas dennoch gibt – oder besser gab, zeigt das deutsch-niederländische INTERREG IV A Projekt CONGRES IEM 2.0. Congres IEM steht dabei für die etwas umständliche englische Umschreibung „cross-border cooperation between Netherlands and Germany for the use of renewable energy sources on base of integral energy management“. Sowohl die Website als auch das Facebook-Account des Projektes gingen unter dem weit griffigeren Namen „Energie ohne Grenzen/energie zonder grenzen“ an den Start.

Unter diesem Namen arbeiteten von 2009 bis 2012 die deutschen Städten Geldern und Straelen, die niederländischen Gemeinden Peel en Maas und Venray, die Regio Venlo sowie die bhu Unternehmensberatung aus Paderborn zusammen, um das bestehende Potenzial erneuerbarer Energien in der Region zu untersuchen, und drei Pilotprojekte zum Thema anzustoßen: Pilotprojekt Venray, Pilotprojekt Geldern und Pilotprojekt Peel und Maas

"Bemerkenswert", fand die niederländische Regionalzeitung De Limburger das Projekt. Denn nachhaltige Energie sei einer der wenigen Punkte bei denen sich Deutschland und die Niederlande sichtbar unterschieden. „Auf dieser Seite der Grenze kann man bisher nur ab und zu Solarzellen auf dem Dach eines Hauses oder eines Betriebes sehen. Und Windräder? Tja, die findet man nur als Skizzen in Plänen, die Gegenstand leidenschaftlicher Diskussionen sind. Aber fahr ein Stückchen nach Deutschland rein und das erste was auffällt, ist das ‚grüne‘ Bewusstsein im Land.“ [1]

Nicht so einfach umzusetzen, wie erhofft

Doch was sagen die Beteiligten selbst? Der letzte Post auf der Facebookseite von Energie ohne Grenzen ist aus dem Juli 2012 und die Website lässt sich nicht mehr aufrufen, doch wer ein wenig nachbohrt, bekommt schnell Tim van Hees-Clanzett von der Stadt Geldern ans Telefon. Die Stadt Geldern war „Leadpartner“ des Projektes, sozusagen Initiator, und hat die anderen Projektpartner mit ins Boot geholt. Van Hees-Clanzett war Projektkoordinator. „Die Zusammenarbeit über die deutsch-niederländische Grenze hinweg ist nicht schwieriger gewesen als bei rein deutschen Projekten“, sagt er. Natürlich gebe es unterschiedliche gesetzliche Anforderungen an die deutschen und an die niederländischen Kommunen; auch eine kommunale Neugliederung auf niederländischer Seite während des laufenden Projektes hätte für eine gewisse Verzögerung gesorgt, doch alles in allem sei man zufrieden.

Etwas kritischer äußerte sich der Venrayer Beisitzer Lucien Peeters in der Lokalzeitung De Limburger im September 2012. „Über Potenzial und Ideen kann man nicht klagen,“ so Peeters. „Doch die erworbenen Erkenntnisse sind nicht so einfach umzusetzen, wie erhofft. Die Gesetzgebungen in den Niederlanden und Deutschland behindern viele Projekte.“ So könnten große Sonnenenergieprojekte in den Niederlanden mit dem selbsterzeugten Strom ihre Stromrechnung nicht drücken, weil dies gesetzlich nicht geregelt sei. Bei Windenergieprojekten rege sich häufig Widerstand in der Bevölkerung. Auch die Landesgrenze stelle häufig ein Hindernis dar, wenn es darum ginge, euregionale Energieprojekte zu beginnen. „Als Beisitzer für den Bereich Nachhaltigkeit finde ich es sehr schade, dass wir hierdurch nicht weiterkommen“, so Peeters. [2]

Zusammenarbeit wird fortgesetzt

Trotzdem unterschrieb Peeters gemeinsam mit den Projektpartnern eine Kooperationsvereinbarung, die eine Fortführung der Zusammenarbeit vorsieht. Die Gemeinden erklärten darin, man wolle weiterhin in den Bereichen grenzüberschreitender Klimaschutz, CO2-Einsparungen und nachhaltiger Wirtschaft zusammenarbeiten. „Nach der Kooperation ist vor der Kooperation“, kommentierte die Rheinische Post. [3]

Ein grenzüberschreitender runder Tisch solle zur Verstetigung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit führen, heißt es in der Kooperationsvereinbarung. Das Netzwerk solle gepflegt und die Ansätze aus der Energiepotenzialstudie sollen aktiv weiterverfolgt werden.

Energiepotenzialstudie

Besagte Energiepotenzialstudie im Rahmen des Projekts hat ergeben, dass es prinzipiell möglich wäre, alle 90.000 Haushalte in der Region bis zum Jahr 2020 mit nachhaltig gewonnenem Strom zu versorgen. Die SynergieKomm Agentur für Nachhaltigkeit und das Planungsbüro Heide und Eberhard aus Bonn haben die Potenziale der erneuerbaren Energieträger in der GrenzRegio Maas-Niers ermittelt und dargestellt, inwiefern man sie „im Sinne einer grenzüberschreitenden Regionalentwicklung“ nutzen könnte. [4]

Bis zum Jahr 2020 könnte die Windenergie nach Einschätzung der Experten mit 220.000 Megawattstunden pro Jahr den größten Einzelbeitrag zur erneuerbaren Versorgung der Region liefern. Die Photovoltaik läge mit ca. 130.000 Megawattstunden pro Jahr (MWh/a) an zweiter Stelle. „Ein mit der Windenergie vergleichbares, leicht nutzbares und sehr effizientes Energiepotenzial wird bei der Wärme zukünftig am ehesten die Geothermie bieten können“[5], heißt es in der Studie.

Die größten Potenziale lägen in der Regio Venlo, dort könne die Photovoltaik mit mehr als 45.000 MWh/a den höchsten Beitrag leisten. Die Windenergie könne dafür in Straelen (fast 68.000 MWh/a) und in Geldern (knapp 47.000 MWh/a) sehr stark ausgebaut werden. Das größte Einzelpotenzial für Wärme findet sich laut Studienergebnis in Venray. Aus der dort möglichen landwirtschaftlichen Biogasnutzung können bis zu 40.000 MWh/a erzeugt werden.

Geldern und Venray

Über die Nutzung von Geothermie wurde auch beim Pilotprojekt Nierspark (Geldern) nachgedacht. Der Nierspark, ein Neubaugebiet, sollte Klimaschutzsiedlung werden, so die Planer. „Wir wollen einen zukunftsorientierten Stadtteil schaffen, mit klimaschützenden Maßnahmen, die über den gesetzlichen Rahmen hinausgehen“, so van Hees-Clanzett damals gegenüber der Rheinischen Post. [6] Zusätzliche Gebäudedämmung, umweltfreundliche Heizungssysteme und Photovoltaikanlagen sowie die gezielte Gestaltung des Baugebiets sollten eine bessere Energieeffizienz schaffen. Die ersten Bauherren sind im Herbst 2012 in ihre Häuser gezogen – häufig mit Photovoltaikanlage auf dem Dach - und die Siedlung wächst noch stets.

Das Pilotprojekt Venray hingegen zeigt, dass es manchmal nicht am Potenzial scheitern kann, sondern an den Rahmenbedingungen. Bei diesem Projekt ging es ausschließlich um die Nutzung von Wärmeenergie. Der Kartoffelverarbeitungsbetrieb Rixona-Aviko wolle seine Restwärme vier Betrieben im Industriegebiet De Blakt liefern, hieß es im Juni 2011 im Lokalblatt De Limburger. Ein Jahr später berichtete die Zeitung dann, Untersuchungen hätten gezeigt, dass solch ein Wärmenetzwerk den Betrieb zu viel kosten würde. Zudem habe Rixona-Aviko keine Garantie, dass die Unternehmen im Gebiet De Blakt mitmachten. „Erdgas ist sicherer. Es ist Standard, dass jeder Betrieb ans Gasnetz angeschlossen ist. Das können wir mit der Restwärme nicht leisten“, wurde Firmensprecher Henrie van Laarhoven zitiert. [7]

INTERREG Deutschland-Niederlande: Zusammenarbeit stetig gefördert

Die Förderung aus dem INTERREG-Programm ist nach wie vor ein wichtiges Element in der Förderung der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit, auch und gerade, wenn es um das Thema Energie geht. Mit dem Programm INTERREG V (Zeitraum 2014 – 2020) werden viele unterschiedliche Projekte in diesem Sektor finanziert. Beim Blick in die Projektdatenbank lassen sich aktuell 20 Projekte zum Thema Energie finden. [8] Dieser große Umfang an Projekten ist auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Energie zu der ersten Priorität „Erhöhung der Innovationskraft“ des Programms gezählt wird. Allein auf diese erste Priorität verfallen rund 65 % der Mittel. Im Ziel 2: „Energie und die CO2-Arme Wirtschaft“ richtet sich das Programm expliziert an Projektideen, die die Nutzung nachhaltiger Ressourcen fördern, indem z.B. neue Technologien entwickelt werden. [9]

Interessiert man sich für die neuesten Entwicklungen in diesen energiespezifischen Projekten, empfiehlt sich der Blick in die Projektdatenbank. Hier gelangt man schnell zu den unterschiedlichen Websites der Projekte.


[1] Seuren, Eric: De groene droom, in: Dagblad De Limburger (04. Januar 2012), S. 2.
[2] Energieproject staat op laag pitje, in: Dagblad De Limburger (29. September 2012), S. 4.
[3] Cattelaens, Marc: Geldern: Millionen für Klima-Projekte, in: Rheinische Post Online (29. September 2012), Onlineartikel (Stand: 02.06.2014).
[4] SynergieKomm/Planungsbüro Heide und Eberhard: Grenzüberschreitende Potenzialstudie zur Nutzung erneuerbarer Energien in der GrenzRegio Maas-Niers (Raum Geldern - Straelen - Regio Venlo), 01. Januar 2012, S. 9.
[5] Ebd., S. 137.
[6] Riemen, Matthias: Energiesparen im Nierspark, in: Rheinische Post Online (21. September 2011), Onlineartikel (Stand: 02.06.2014).
[7] Geen eigen warmtenet voor Blakt. Energieplan Aviko kost te veel, in: Dagblad De Limburger (19. Juni 2012), S. 2.
[8] Stand: Januar 2018.
[9]INTERREG Deutschland-Niederlande: Priorität 1. Grenzüberschreitende Innovationskraft stärken. Stand: Januar 2018, online unter  https://www.deutschland-nederland.eu/ihr-interreg/prioritaet-1/


Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt: Juli 2014
Aktualisiert: 2018, Katrin Uhlenbruck