I. Einleitung

Spätestens seit dem Reaktor-Unglück in Tschernobyl wissen die Europäer, dass energiepolitische Beschlüsse und damit verbundene Auswirkungen vor nationalen Grenzen keinen Halt machen.Die Entscheidung der Sowjetunion aus dem Jahr 1970, im Norden der Ukraine ein Atomkraftwerk zu bauen, bedeutete 16 Jahre später für weite Teile Europas eine atomenergetische Katastrophe. Die erste Wolke mit radioaktivem Fallout zog über Skandinavien, Polen, Tschechien, Österreich, Süddeutschland und Norditalien. Auch der Balkan, Griechenland und die Türkei waren betroffen. Innerhalb dieser Länder wurde der Boden je nach regionalen Regenfällen unterschiedlich hoch radioaktiv belastet.[1]

Rund 30 Jahre später wundert es deshalb niemanden, dass ein Atomkraftwerk im belgischen Tihange – nur rund 50 Kilometer hinter der niederländischen und 75 Kilometer hinter der deutschen Grenze gelegen – die Bewohner der Region grenzüberschreitend beunruhigt (siehe Kapitel V. Atomkraftwerk Tihange). Im Januar 2013 demonstrierten Atomkraftgegnerinnen und -gegner gemeinsam für die Schließung der 1975 errichteten Anlage. Mehr als 1.500 Menschen aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland trafen sich dafür in Maastricht zu einem Protestmarsch. [2]

Dies ist nur eins von vielen aktuellen Beispielen für energiepolitisch begründete Konflikte in der Grenzregion Deutschland-BeNeLux. Auch aus wirtschaftlicher Perspektive zunächst begrüßenswerte internationale Kooperationen zwischen Energiebetrieben führten in letzter Zeit vermehrt zu Streitigkeiten. 2012 staunte man in Deutschland nicht schlecht, als die Medien meldeten, ein niederländisches Staatsunternehmen entwickle sich mehr und mehr zum größten Hindernis der deutschen Energiewende: Der niederländische Stromnetzbetreiber TenneT, verantwortlich für alle Leitungen auf den deutschen Meeren – und somit dafür, die Offshore-Windanlagen anzubinden – komme seinen Verpflichtungen nicht nach. Deutschland sah deshalb Handlungsbedarf auf höchster Ebene und schickte zur Klärung des „Energiestreits“ den damaligen Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) nach Den Haag (NiederlandeNet berichtete, siehe auch Kapitel III. Offshore-Windpark Riffgat).

Dabei bestehen in puncto Energiepolitik sonst enge Beziehungen zwischen den Ländern, vor allem beim Stromimport und –export. 2012 importierten die Niederlande über 22 Milliarden Kilowattstunden an elektrischer Energie aus Deutschland und waren damit der wichtigste Abnehmer für diese Handelsware[3] (Weitere Zahlen finden Sie in der Infobox Stromimport und -export in Kapitel IV. Superstromleitung Doetinchem-Wesel).

Der Energieimport und -export zwischen den beiden Ländern soll sogar noch ausgebaut werden. Eine neue 380 Kilovolt-Hochspannungsleitung auf der 57 Kilometer langen Strecke vom niederländischen Doetinchem bis ins deutsche Wesel soll es möglich machen. 2014 rechneten die Betreiber noch damit, die Leitung 2016 in Betrieb nehmen zu können. [4] Im Dezember 2017 war man aber immer noch mit dem Bau beschäftigt. Ein weiteres Beispiel für die enge Kooperation zwischen beiden Ländern im Energiesektor – und gleichzeitig ein weiterer Konfliktherd. Denn die Anwohner der betreffenden Region wollen die potente Hochspannungsleitung vor der Haustür aus Furcht vor den negativen gesundheitlichen Folgen nicht haben (siehe Kapitel IV. Superstromleitung Doetinchem-Wesel).

Über derartige Konflikte im Grenzbereich Deutschland-BeNeLux möchte das vorliegende Dossier informieren. Dabei sollen neben aktuellen grenzübergreifenden Streitfällen auch seit Jahren schwelende Konflikte in der Grenzregion (vor allem im Zusammenhang mit Atomenergie, siehe Kapitel V. Atomkraftwerk Tihange) sowie das Konfliktfeld Schiefergasbohrung/Fracking Beachtung finden 

Neben Zahlen zum Elektrizitätsimport und -export liefert dieses Dossier auch kurze Portraits der entsprechenden Wirtschaftsakteure, denn Energiebetriebe wie TenneT, Urenco oder Essent sind maßgeblich an der Gestaltung der aktuellen und zukünftigen Energieversorgung im Grenzgebiet beteiligt.


[1] VROM-Inspectie: Veertig Jaar Nucleair Toezicht, Den Haag 2008, S. 40 (Stand: 02.06.2014).
[2] Christian Rein: Mit der Kraft der Masse gegen das Kernkraftwerk, in: Aachener Nachrichten (14. Januar 2013), S. 3  (Stand: 02.06.2014).
[3] CBS: Sterke daling elektriciteitsproductie (18. Juli 2013), Pressemitteilung, (Stand: 02.06.2014).
[4] Website zum Projekt, verantwortlich: Wirtschaftsministerium Niederlande und TenneT, URL: https://www.doetinchem-wesel380kv.nl/ (Stand: 22.02.2018)


Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt: Juli 2014
Aktualisiert: Februar 2018, Katrin Uhlenbruck