VI. Gasspeicher Jemgum

„Der Erdgasspeicher in Jemgum zeichnet sich durch seine exzellente Lage im deutschen und niederländischen Erdgasmarkt aus“, wirbt die EWE Gasspeicher GmbH in einem Flyer. Dass die Lage der kleinen ostfriesischen Gemeinde Jemgum, die nur rund 15 Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt ist, seit Neuestem als „exzellent“ gilt, ist für manchen Bewohner sicher nicht ohne Komik. Erst 1989 wurde die Gemeinde durch die A31 ans deutsche Autobahnnetz angeschlossen, Jobs für alle im Ort gibt es nicht: Viele pendeln. Und die jungen Leute wollen weg: Die Einwohnerzahl sinkt beständig.

Doch vielleicht ändert sich jetzt alles, denn seit vergangenem Jahr gibt es in Jemgum einen neuen Wirtschaftszweig, der einiges an Gewerbesteuer in die Haushaltskasse der Gemeinde spülen dürfte: Die Unternehmen EWE Gasspeicher und astora betreiben hier einen Erdgasspeicher. Die ersten vier Kavernen wurden im Mai 2013 in Betrieb genommen, weitere sollen folgen. Die Vorräte in den großen unterirdischen Speichern sollen jahreszeitliche Bedarfsschwankungen und Lieferengpässe ausgleichen.

Dies wird immer wichtiger, wie z.B. die Gaskrise zwischen Russland und der Ukraine 2009 verdeutlicht hat. Der damalige EU-Energiekommissar Andris Piebalgs kündigte an, Europa wolle sich vom russischen Gas unabhängiger machen. Die Europäer sollten sich mit Gasspeichern und besser vernetzten Leitungen für künftige Krisenfälle wappnen.[1]

Bodenabsenkung, Vernässung und Explosionsgefahr?

Soweit die Politik. Doch im Einklang mit den Anwohnern wurde das Projekt Gasspeicherausbau nicht durchgeführt. Einige von ihnen schlossen sich 2011 zur Bürgerinitiative Rheiderland up Stee zusammen. Die Zielstellung der Initiative wird auf der Website nicht nur in deutscher, sondern auch in niederländischer Sprache dargestellt.

Denn auf beiden Seiten der Grenze fürchtet man, dass der Bau der Gasspeicher eine mögliche Bodenabsenkung und damit eine Vernässung des Gebietes zur Folge haben könnte. Auch Häuser und Straßen könnten durch eine solche Absenkung Schaden nehmen, fürchtet die Bürgerinitiative. Außerdem sei nicht geklärt, wie sich Kavernen unterhalb von Deichen für die Sturmflutsicherheit auswirken. Neben diesen Umweltschutzbedenken wirft die Bürgerinitiative den Betreibern Profitstreben vor. Die offizielle Inbetriebnahme durch EWE-Konzernchef Werner Brinker und Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies wurde von (kleineren) Protesten begleitet.[2]

Doch die Betreiber versuchen zu beruhigen: „Die Unternehmen tun alles, um die Beeinträchtigung der Natur und der Menschen zu minimieren“, heißt es auf der offiziellen Website. „Die Gegend um Jemgum ist durch die unterirdischen Salzstöcke für die Speicherung von Erdgas besonders gut geeignet. […] Die Salzwände schließen besonders dicht ab. Kavernenspeicher eignen sich besonders für das schnelle Ein- und Ausspeichern von Erdgas.“ Zudem liege die Gemeinde strategisch günstig im Erdgasnetz. Eine Anschlussleitung an die Ostsee-Pipeline „Nord Stream“, an der auch Deutschland und die Niederlande beteiligt sind (NiederlandeNet berichtete), ist geplant. „Keine Frage“, heißt es im Werbetext, „Speicher, wie der in Jemgum, sind ein Beispiel dafür, dass Natur und Technik so vereinbar sind, dass jeder davon profitieren kann.“[3]

Dass ein derart großer Erdgasspeicher trotz alle Beschwichtigung nicht ohne Risiko ist, darüber berichtete zuletzt der NDR. Dieser beruft sich auf einen Bericht des Bundesverbandes Erdöl und Erdgas, dem Lobbyorganisation der hier zuständigen Betreiberfirma, der wohl irrtümlich ins Internet gestellt wurde. Hieraus werde deutlich, dass es sehr wohl für möglich gehalten werde, dass Gas ungehindert ausströmen könne, sodass ein hochexplosives Sauerstoff-Gas-Gemisch entstünde, dass die nur 100 Meter entfernten Häuser gefährden würde. Trotzdem hält die Betreiberfirma solch einen Vorfall für so gut wie ausgeschlossen. „Es müsste schon ein Flugzeug oder Meteorit auf ein Kavernenfeld stürzen“, zitiert der NDR Hans Joachim Schweinsberg, Vorsitzender des Arbeitskreises Kavernen des Lobbyverbandes. Daher wird der nötige Sicherheitsabstand zu Wohnhäusern, der auch den unwahrscheinlichsten Störfall abdeckt, nicht eingehalten. Die schlichte Begründung des Betreibers: Zu unwahrscheinlich. Dass der Lobbyverband im Gegensatz zum Betreiber aber ein solches Risiko sehr wohl einkalkuliert, stößt verständlicherweise auf viel Unverständnis und Ärger bei den Anwohnern und rief zuletzt das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie auf den Plan, das einen neuen Sicherheitsbericht vom Betreiber fordert. [4]


[1] Energiestreit mit der Ukraine: Russland liefert wieder Gas nach Europa, in: Spiegel Online (13. Januar 2009), Onlineartikel, (Stand: 02.06.2014).
[2] Kavernen: Premiere mit Protestfahnen. EWE nimmt Jemgumer Erdgasspeicher in Betrieb - Proteste vor Minister-Besuch, in: Rheiderland-Zeitung (16. Mai 2013). Artikel als PDF
[3] astora GmbH & Co.KG und EWE GASSPEICHER GmbH: Erdgasspeicher Jemgum: in guter Nachbarschaft, Link
[4] Kretschmer, Olaf: Etzel und das Leben auf dem Pulverfass. auf: NDR.de, 01.04.2017, online unter https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Etzel-und-das-Leben-auf-dem-Pulverfass,etzel388.html

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt: Juli 2014
Aktualisiert: 2018, Katrin Uhlenbruck


Fracking - Konfliktfeld um die unkonventionelle Gasförderung


Ein paar Kilometer weiter westlich, in der niederländischen Provinz Groningen, assoziierten die Menschen mit dem Stichwort „Erdgas“ ganz andere Probleme. Hier sollte das Gas nicht in den Boden hinein, sondern aus dem Boden heraus. Doch die Erdgasförderung in der Region sorgte für immer mehr und immer stärkere Erdbeben. Zwischen 2010 und 2012 hatte sich die Zahl der Erdbeben in der Region verdoppelt. Werte bis zu 3,0 auf der Richterskala sorgen immer wieder für Sachschäden. (NiederlandeNet berichtete)

Was ist Fracking überhaupt?

Bei der unkonventionellen Gasförderung wird Schiefergas (niederländisch Schaliegas), das tief in der Erde lagert, zu Tage gefördert. Um es zu gewinnen, wird eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien in die Erde gepumpt, die das Gas freisetzen soll. In Deutschland nennt man diesen Vorgang meist Fracking, in den Niederlanden spricht man auch von Fraccen. Diese Art der Gasgewinnung ist umstritten. Kritiker fürchten unter anderem die Verschmutzung des Grundwassers, Folgen für die Umwelt und Landschaft und seismische Effekte.

Fracking an der deutsch-niederländischen Grenze

Während in den Niederlanden Fracking bereits ernsthaft erwogen  und damit den einen weiteren grenzüberschreitenden energiepolitischen Konflikt ausgelöst wurde (NiederlandeNet berichtete), haben sich die Umweltminister der Länder in Deutschland aufgrund der ungeklärten Risiken Ende 2012 gegen die Technologie ausgesprochen. Nordrhein-Westfalen forderte sogar ein bundesweites Verbot. Zunächst wurde erwartet, dass die Bundesregierung ein bundesweites Gesetz über ein Fracking-Verbot erlässt. Zuletzt einigte sich die Große Koalition von SPD und CDU/CSU jedoch nur darauf, dass die Länder darüber entscheiden können, ob Probebohrungen zugelassen werden oder nicht. [1] Obwohl hier ein gewisser Spielraum zugestanden wird, gibt es für NRW bisher keine Anzeichen, Probebohrungen genehmigt werden könnten. Auch die neue Landesregierung unter Führung der CDU hat bisher nicht vor, bestehende Regelungen zu lockern. [2]

Trotzdem ist das Thema in NRW erstmal nicht vom Tisch gewesen, da Fracking in den Niederlanden ja immer noch diskutiert wurde. Die damalige Landesregierung in NRW forderte die Niederlande auch auf, genauere Informationen zu den niederländischen Fracking-Plänen zu liefern (NiederlandeNet berichtete). Zuletzt stimmt die Zweite Kammer im Dezember 2014 gegen die Schiefergasförderung (NiederlandeNet berichtete) bis zum Ende der Legislaturperiode 2017. Das heißt aber nicht, dass zukünftig nicht wieder untersucht wird, in wie fern unkonventionelle Erdgasförderung in Frage kommt. Immerhin hatte Ministerpräsident Rutte schon in der Koalition mit der PvdA (2012 - 2017) die Möglichkeit, Probebohrungen zu erlauben, nicht ausgeschlossen. Bisher (Stand Januar 2018) sind jedoch keine konkreten Pläne mehr veröffentlicht worden.

Fracking in den anderen Benelux-Ländern

Auch in Luxemburg ist man eher vorsichtig, wenn es um diese Art der Gasgewinnung geht. Der Luxemburger Europaabgeordnete Robert Goebbels kritisiert jedoch diese Zurückhaltung. Auch wenn die Luxemburger Schiefergas-Vorkommen auf rund 100 Millionen Kubikmeter geschätzt würden, wage in Luxemburg niemand anzudenken, diese Ressource zu nutzen. Parteienübergreifend bestünde ein Denkverbot. 2013 stimmte das Parlament jedoch aufgrund umweltschutzrechtlicher Bedenken gegen die Förderung von Schiefergas. [3]

Die Belgier hingegen sind noch unentschlossen. Hin- und hergerissen zwischen der Angst vor den Risiken und der Angst davor, den wirtschaftlichen Anschluss zu verpassen, hat sich die belgische Regierung nach langem Zögern im Januar 2014 zu einer Studie durchgerungen. Die Katholieke Universiteit Leuven soll untersuchen, ob und wo Schiefergas in Belgien lagert und in wie fern es rentabel ist, diese zu fördern. Ergebnisse stehen bisher noch aus. [4] Jedoch hat sich zumindest die Regierung Flanderns bereits Ende 2014 gegen das Fördern von Schiefergas ausgesprochen. [5]



[1] Koalition überlässt Ländern Entscheidung über Fracking, in: Zeit online vom 21.06.2016, online unter http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-06/fracking-entscheidung-bundeslaender-umweltschutz
[2] Laschets neue Regierung steht hinter Fracking-Verbot. auf: WDR.de, vom 14.08.2017, online unter https://www1.wdr.de/nachrichten/landespolitik/neue-nrw-regierung-fracking-verbot-100.html
[3] No fracking of shale gas in Luxembourg, in: Louxembourg Times, 09.04.2013, online unter https://luxtimes.lu/archives/23819-no-fracking-of-shale-gas-in-luxembourg
[4] Onderzoeksportaal KU Leuven. Geologische en geomechanische karakterisering van de Westfalen in het Campine Basin (NE België). Online unter https://www.kuleuven.be/onderzoek/portaal/#/projecten/3E140116
[5] Flandern sagt „Nein!“ zum Fracking, BRF-Nachrichten vom 31.10.2014, online unter https://brf.be/national/814846/

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt: Juli 2014
Aktualisiert: 2018, Katrin Uhlenbruck