VIII. Zusammenarbeit in der Notfallversorgung: Traumazentren, Feuerwehr und Rettungsdienst

Gemeinsame Arbeit der Traumazentren

Nach einem Unfall mit Schwerverletzten zählt jede Minute. Eine schnelle, qualifizierte Versorgung ist notwendig, damit die Überlebenschancen für die Opfer steigen. Grenzen dürfen da keine Rolle spielen. Das ist die Meinung von Marianne Lensink. Sie ist Vorstandsmitglied des Medisch Spectrum Twente (MST), einer Klinik in Enschede, die über Fachabteilungen wie Traumatologie, Neurochirurgie, Allgemein- und Abdominal- und Gefäßchirurgie sowie Herz-Thoraxchirurgie verfügt. Das MST hält über 1000 Betten bereit, hat 4000 Mitarbeiter (darunter 200 Fachärzte), in seinem Versorgungsgebiet leben rund 264.000 Einwohner. Hier ist auch das Traumazentrum Euregio angesiedelt, an dem drei weitere Krankenhäuser, zwei Rettungsdienste und zwei Organisationen für Katastrophenschutz in der Region Twente beteiligt sind.

Das Traumazentrum will die Zusammenarbeit mit den entsprechenden Einrichtungen auf der deutschen Seite der Grenze ausbauen. „Unfälle kennen bekanntlich keine Grenzen. Warum sollte es also für den Rettungsdienst und die Traumaversorgung anders sein?“, fragt Lensink. „Für Patienten darf es keine Grenzen geben. Gemeinsam müssen wir dafür sorgen, dass schwer verletzte Unfallopfer auf beiden Seiten der Grenze die bestmögliche Hilfe erhalten. Unabhängig von ihrer Nationalität und unabhängig davon, auf welchem Hoheitsgebiet sie sich zum Zeitpunkt ihres Unfalls befinden.“

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit? Ja und nein. Bei der Notfallversorgung existieren bereits Vereinbarungen zwischen Organisationen. Zum Beispiel kann der Rettungswagen aus Gronau angefordert werden, wenn der Ambulancedienst in Enschede keine Kapazitäten zur Verfügung hat. Laut Dr. Paul Bertelink, Unfallchirurg am MST, fuhr der Rettungswagen mit dem Notarzt aus Gronau 2008 zu 100 Einsätzen über die Grenze. Ähnliches gilt für den Rettungshubschrauber Christoph 2 Europa. Der in Rheine stationierte Helikopter hatte 2008 44 Einsätze, bei denen er niederländisches Staatsgebiet anflog.

Von einer strukturellen, umfassenden Kooperation konnte anno 2009 jedoch noch keine Rede sein. „Dafür ist es notwendig, dass alle an der Notfallversorgung beteiligten Parteien im Grenzgebiet miteinander ins Gespräch kommen, sich gegenseitig über die jeweiligen Versorgungssysteme informieren und Vereinbarungen über gemeinsame Vorgehensweisen treffen“, sagte Lensink im Mai 2009 bei einer Veranstaltung für deutsche Ärzte in Enschede.

Bei den in Deutschland Verantwortlichen stoßen die Bemühungen auf offene Ohren. Die Unfallchirurgie der Universität Münster mit an der Spitze Prof. Dr. Michael Raschke unterhält schon seit längerer Zeit Kontakt zu den Enschedern. Der Kooperationsradius könnte sich noch vergrößern, da sich erst kürzlich 55 Kliniken aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zum „Traumanetzwerk NordWest“ zusammengeschlossen haben. Das gemeinsame Ziel der Netzwerkpartner ist es, Unfallopfer innerhalb von 30 Minuten in eine aufnahmebereite Klinik zur weiteren medizinischen Versorgung zu bringen. Und dazu gehören zwei niederländische Einrichtungen.

„Wir wollen versuchen, die bestehenden Versorgungsstrukturen beider Länder noch besser miteinander zu verbinden“, steckte Lensink die Ziele. „Dabei geht es nicht darum, die Versorgung an bestimmten Krankenhäusern zu konzentrieren. Vielmehr sollen regionale Vereinbarungen getroffen werden, damit Patienten so schnell wie möglich zum richtigen Ort gelangen. Das muss nicht immer das größte Krankenhaus sein. Je nach der Situation des Verletzten und abhängig von den Fachrichtungen, der Ausstattung und dem Standort der Krankenhäuser in der Region, muss der jeweils passende Ort ausgewählt werden. Und der kann mal auf der einen und mal auf der anderen Seite der Grenze liegen.“

Der Wille ist da, der Weg bis zu einer vollständigen Umsetzung des Vorhabens jedoch noch nicht bereitet. So unterscheidet sich die Ausbildung der Rettungsdienstmitarbeiter beider Länder (in Deutschland gibt es das „Notarzt-System“ in den Niederlanden das „Paramedic-System). Es muss geklärt werden, wer welche Schritte durchführen darf, aus juristischen und versicherungstechnischen Gründen.

Um Fehler zu vermeiden, die auf sprachliche Mängel zurückzuführen sind, führen EuroHealthConnect und das Traumazentrum Euregio Workshops durch. Mittels realistischer Rollenspiele werden die Mitarbeiter der niederländischen Leitstellen, Rettungswagen, der Krankenstationen und Intensiv-Abteilungen auf die sprachlichen Anforderungen im Kontakt mit deutschen Ärzten, Rettungsdiensten und Patienten und deren Angehörigen vorbereitet.

Die Rettungshubschrauber Christoph 1 und 2 Europa

Christoph heißen alle in Deutschland stationierten Rettungshubschrauber – nach dem Schutzpatron der Reisenden. Außerdem haben sie eine Nummer. Die am Marien-Hospital Rheine und am Flughafen Aachen-Merzbrück in Würselen stationierten Helikopter tragen zusätzlich ihre Bestimmung im Namen: Europa. Christoph Europa 1 und 2 machen nämlich bei ihren Einsätzen weder vor Länder- noch Staatsgrenzen halt.

Sie können von den Leitstellen (meldkamers) der Rettungswachen angefordert werden, wenn das in grenznahen niederländischen Gebieten erforderlich ist. Auch bei der Verlegung von Patienten werden sie eingesetzt, wenn Eile geboten ist oder ein Transport mit Rettungswagen für den Patienten unzumutbar wäre. Schließlich bringen die Hubschrauber auch lebensrettende Organe und Blutkonserven zu den Empfängern.

Beide Rettungshubschrauber absolvieren jährlich je über 1000 Einsätze. Christoph Europa 1 ist im Jahr 2016 sogar über 2000 Mal zum Einsatz gerufen worden. Bei über der Hälfte der Einsätze handelte es sich um internistische Notfälle wie akute Herzerkrankungen oder Schlaganfälle. Der Einsatzradius von Christoph Europa 2 erstreckt sich bis zu 70 Kilometer um Rheine – somit erfasst er auch die Region rund um Enschede. Zur Veranschaulichung des grenzüberschreitenden Einsatzes: Von den 1994 Einsätzen insgesamt gingen 2008 genau 44 zu Notfällen in die Niederlande. „Bei schweren Unfällen oder anderen Ereignissen mit schwerwiegenden Verletzungen im Raum Enschede sind wir tagsüber das Rettungsmittel der Wahl“, erläutert der Rheiner Notarzt Ulrich Brandt.[1]

Von den Helikoptern mit ihren Notarztbesatzungen profitieren auch Unfallopfer und Patienten, die auf der deutschen Seite des Einsatzgebietes Hilfe benötigen. Denn oft genug sind Kliniken wie das Medisch Spectrum Twente in Enschede die nächstliegenden Orte, an denen eine angemessene Versorgung durchgeführt werden kann. Die Unfallklinik dort ist von Rheine in wenigen Minuten zu erreichen.

Der ADAC-Luftrettungsstützpunkt Rheine ist Arbeitsplatz für drei Piloten und neun Rettungsassistenten der Feuerwehr Rheine, die in einem Speziallehrgang ausgebildet wurden. Zudem stellt das Mathias-Spital zehn bis zwölf Notärzte. Seit über zehn Jahren fliegen die „Gelben Engel“ in Rheine mit dem Eurocopter EC 135. Nach kleinen Kinderkrankheiten bei der Einführung arbeitet der Hubschrauber „sehr zuverlässig“, sagte Pilot Dirk Brinkmann.

Nach der Feuerwerkskatastrophe von Enschede

Als der akute Handlungsdruck verschwunden war, in der Nacht nach der Feuerwerkskatastrophe von Enschede am 13. Mai 2000, kam der damalige Borkener Kreisbrandmeister Heinz Tenspolde heftig ins Grübeln. Was wäre gewesen, wenn einer der deutschen Feuerwehrleute, die an den Katastrophenort geeilt waren, verletzt oder gar getötet worden wäre? Der wahrlich nicht ungefährliche Einsatz in Enschede war quasi auf eigene Faust, ohne Einhaltung des offiziellen Dienstwegs, erfolgt. Hätte er, Tenspolde, zur Rechenschaft gezogen werden können?

Die Sorge erwies sich im Nachhinein als unbegründet. Alle vorgesetzten Instanzen lobten und würdigten die nach gesundem Menschenverstand getroffene Entscheidung der deutschen Einsatzkräfte. Doch das Problem war nicht aus der Welt: Wie kann man grenzüberschreitende Einsätze bei Katastrophen auf eine rechtsverbindliche Grundlage stellen? Wie können diese Einsätze künftig besser koordiniert werden? Und wie steht es eigentlich um die Versicherung der Feuerwehrleute und um die Kosten eines Einsatzes? Kurz: Eine vertragliche Regelung musste her.

2001 legten der Kreis Borken, die Grafschaft Bentheim, die Regio Twente und die Regio Achterhoek (heute Veiligheidsregio Noord- en Oost-Gelderland) mit der „Erklärung über die grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei Großschadens-/Katastrophenereignissen“ den Grundstein für eine gemeinsame Gefahrenabwehrplanung. Wobei ausdrücklich vermerkt wurde, dass die Vereinbarung nicht nur im Katastrophenfall, sondern auch in Fällen der allgemeinen Gefahrenabwehr und nachbarschaftlichen Hilfe gelte.

Nachbarschaftshilfe schon in der 1950er Jahren

Nicht dass die Feuerwehren und Rettungsdienste nicht schon vor „Enschede“ zusammengearbeitet hätten. Deutsche und niederländische Feuerwehrleute bekämpften schon in den 1950er Jahren Seite an Seite Brände. Wehren entlang der gesamten Grenze führten gemeinsame Übungen durch und halfen sich gegenseitig. Teilweise bestanden Verträge zwischen den einzelnen Wehren, oder sie wurden im Laufe der Jahre unterzeichnet.

Ein praktisches Ergebnis der konkreten Kooperation waren übrigens die in Eigenarbeit erstellten Adapter für Feuerwehrschläuche. Bereits 1963 entwickelten Feuerwehrmänner aus Kerkrade und Herzogenrath ein derartiges Übergangsstück.[2] Vorher hatten die deutschen Schläuche wegen unterschiedliche Durchmesser nicht an die niederländischen gekoppelt werden können.

Wie schnell und unbürokratisch im Ernstfall reagiert wurde, zeigte sich auch im August 1988 beim Gladbecker Geiseldrama. Als sich abzeichnete, das die Gangster mit ihren Geiseln über den Grenzübergang Gronau-Glanerbrücke wieder in die Bundesrepublik einreisen würden, „haben wir innerhalb weniger Minuten eine Standleitung zwischen den beiden Leitstellen aufgebaut“, erinnerte Gronaus Bürgermeister Holtwisch anlässlich der Unterzeichnung eines Kooperationsvertrags der Feuerwehren zwischen Gronau und Enschede.[3]

Im Bereich der Rettungsdienste gibt es bereits seit längerem einen Vertrag zwischen dem Kreis Borken und der Regio Achterhoek. „In Isselburg-Anholt ist ein Rettungswagen stationiert, während die Amabulance auf niederländischer Seite eines Tages abgezogen wurde“, sagt Egbert Gördes, beim Kreis Borken zuständiger Sachbearbeiter. Im Rahmen eines Pilotprojekts wurde der deutsche Rettungswagen mit niederländischem Funk ausgestattet, und die Mitarbeiter wurden sprachlich geschult. „Mittlerweile fährt der Rettungswagen zu rund 100 Einsätzen jährlich über die Grenze“, sagt Gördes. Auch der Rettungswagen aus Gronau bietet grenzüberschreitend Hilfe in Losser und Enschede.

Projekt „Verbesserung der grenzüberschreitenden Hilfeleistung“ (2000-2006)

Um den 2001 geschlossenen Vertrag zwischen den Kreisen Borken und Grafschaft Bentheim sowie den Regios Achterhoek und Twente mit Leben zu füllen, wurde er praxisnah in eine grenzüberschreitende Einsatzplanung für Großschadensereignisse umgesetzt. Das geschah im Rahmen eines Interreg-III-A-Projekts der EUREGIO und erfolgte anhand von konkreten Fragestellungen und Problemen, die es aus dem Weg zu räumen galt. Handlungsabläufe wurden durchgespielt, um Schwachstellen aufzudecken. Der Endbericht zum Projekt „Verbesserung der grenzüberschreitenden Hilfeleistung“ benennt diese Schwachstellen und beschreibt, wie sie gelöst wurden. Parallel zur Entwicklung von Lösungsansätzen wurden gegenseitige Besuche der Leitstellen durchgeführt, um einander persönlich sowie die Arbeitsweise der anderen Seite besser kennenzulernen.

Alarmierung

Die  grenzüberschreitende Alarmierung dauerte vor Beginn der Kooperation deutlich zu lang, heißt es im Abschlussbericht. Fünf bis sechs Minuten brauchte man, bis die Anforderung von Hilfskräften bei der zuständigen Stelle im Nachbarland ankam. Die Verarbeitungszeit einer inländischen Meldung liegt bei nur rund einer Minute. Die Lösung des Problems bestand darin, die deutschen Leitstellen mit niederländischem Digitalfunk und Pagingalarmierung zu versehen. Dabei werden die Alarmierungen weitgehend automatisiert. Der Disponent braucht daher nicht einmal die abweichenden Alarmierungsverfahren im Nachbarland zu kennen. Die Alarmierung erfolgt per Text, was eventuelle Fehler zum Beispiel bei der Nennung von Adressen minimiert. Dieses System verkürzt die Alarmierungszeit auf etwa eine Minute.

Funk und digitale Geokarten

Die Kommunikationsprobleme waren dadurch noch nicht aus der Welt. In Deutschland ist der digitale Funk für Einsatzkräfte noch nicht eingeführt. Bei der Anfahrt zu einem Einsatzort waren die Kräfte von der Kommunikation abgeschnitten – bis zwei Funkmasten an der Grenze mit Kuppelstationen versehen wurden, die die beiden Funknetze miteinander verbinden.

Als nächstes stellten die Wehren einander digitale Geokarten über das jeweilige Einsatzgebiet zur Verfügung. Die Daten wurden in die eigenen Systeme eingegeben, in Koordinaten umgesetzt und werden jetzt automatisch in die Navigationsgeräte der Einsatzfahrzeuge übertragen. Dadurch werden die Kräfte bis auf 50 Meter genau an die Einsatzstelle herangeführt. Das System ermittelt zudem die schnellste Route, so dass wertvolle Zeit gewonnen wird.

Umgang mit Risikos und Risikobetrieben an der Grenze

Die Feuerwerkskatastrophe hatte deutlich gemacht, dass Informationen über Risikobetriebe im potenziellen Einsatzgebiet auch für die ausländischen Einsatzkräfte erforderlich sind, um sich auf mögliche Risiken vorbereiten zu können. Auch die europäische Richtlinie 2012/18/EU „zur Beherrschung der Gefahren bei schweren Unfällen mit gefährlichen Stoffen“ (löste die sog. Seveso-II-Richtlinie 96/82/EG ab) sieht derartige Informationen vor. Die Experten in der Grenzregion gaben einander daraufhin Einsicht in die Gefahrenabwehrpläne und benannten die Betriebe, die unter die Richtlinie fallen. Dabei handelte es sich unter andere um kerntechnische Anlagen wie das Atomkraftwerk Lingen, die Urananreicherungsanlage in Gronau und grenznahe Autogas-Tankstellen.

Feuerwehr-Wörterbuch

Mangelnde Sprachkenntnisse erschweren die Rettungsarbeiten. Um dem abzuhelfen, wurde eine zweisprachige Wörterliste mit etwa 1000 Fachbegriffen und Abkürzungen zusammengestellt, sowohl deutsch-niederländisch als auch niederländisch-deutsch. Alle Feuerwehren, Leitstellen und Krisenstäbe im Grenzgebiet erhielten ein Exemplar. Mittlerweile wurden mehr als 1000 Stück gedruckt.[4]

Dynamische Einsatzgrenzen

In vielen Grenzorten existieren Viertel und Straßenzüge, die bei einem Notfall schneller von der Feuerwehr aus dem Nachbarland als von den eigentlich zuständigen Kräften aus dem eigenen Ort erreicht werden können. Auch in diesen Fällen wurden pragmatische Lösungen gefunden, die die Staatsgrenze de facto außer Kraft setzen: Es wurde vereinbart, dass immer das Fahrzeug alarmiert wird, das am schnellsten vor Ort sein kann. So wird die Drehleiter der Feuerwehr Gronau in den niederländischen Grenzdörfern Overdinkel und Glane (Gemeente Losser) und im Süden Lossers eingesetzt. Tanklöschfahrzeuge aus Losser kommen im Gegenzug, wenn es im Norden Gronaus brennt, und die Löschfahrzeuge aus Glanerbrug werden im Westen Gronaus eingesetzt. Die Alstätter Wehr fährt zu Einsätzen im Osten von Buurse. Die Alarmierung für diese Fahrzeuge verläuft automatisch. Werden weitere Spezialeinheiten benötigt, können sie angefordert werden.

Gemeinsame Übungen Feuerwehr und THW

Gemeinsame Übungen der Feuerwehren finden regelmäßig statt. Dabei nutzen die deutschen Wehren zum Beispiel die Enscheder Atemübungsstrecke, eine Anlage, wie es sie in der Form in Nordrhein-Westfalen nicht gibt. Im Gegenzug proben niederländische Rettungskräfte mit Unterstützung des Technischen Hilfswerks die Bergung von Verschütteten. Die Zusammenarbeit zwischen THW und den Feuerwehren in Twente, Gelderland und Limburg wird ebenfalls intensiviert. Die vorhandenen Übungseinrichtungen sollen effektiv genutzt werden können, wie die sehr gut ausgestatteten Übungsplätze des THW in Wesel und Nordhorn. Kostenerstattung und Versicherung

Vereinbart wurde, auf eine Kostenerstattung weitgehend zu verzichten. Lediglich der Einsatz von teuren Schaummitteln bei Löscharbeiten soll bezahlt werden. Die Sorgen, dass Rettungskräfte bei einem grenzüberschreitenden Einsatz nicht versichert wären, erwies sich als unbegründet. „Anfragen an die Versicherungen haben ergeben, dass der Versicherungsschutz der deutschen Kräfte auch bei einem Einsatz in den Niederlanden gegeben ist“, so Ebert Gördes vom Kreis Borken.

Kooperation im Raum Aachen

Auch im Süden des Landes NRW wird die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Rettungsdienst und in der medizinischen Katastrophenhilfe intensiv praktiziert. Wie es im Rettungsdienstbedarfsplan des Kreises Aachen 2008 (S.138-141) heißt, „ist die Kooperation trotz abweichender Systeme und Kompetenzen durchaus möglich“. Im Laufe eines Pilot-Projektes wurden die Probleme einer derartigen Zusammenarbeit deutlich, darunter solche auf Grund gesetzlicher Unterschiede im Zusammenhang mit der Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen und den entsprechenden Befugnissen, Unklarheiten im Hinblick auf das Führen von akustischen und optischen Signalen, sowie in der Ausrüstung der Einsatzfahrzeuge.

Zur Verbesserung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bestehen mehrere Arbeitskreise. Der Kreis Aachen unterstützt dabei die Initiativen der anderen Partner, auch im Rettungsdienst noch bestehende Hürden abzubauen. Ein Erfolg sei die Berücksichtigung der Niederlande und Belgiens bei der Zusammensetzung der Trägergemeinschaft für den Rettungshubschrauber Christoph Europa 1 durch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW gewesen.[5]

Kooperation in der Euregio Rhein-Waal

Auch in der Euregio Rhein-Waal besteht schon länger eine Kooperation der Feuerwehren über die Grenz hinweg. So gab es bereits in den 1970er Jahren gemeinsame Einsätze der Feuerwehr Millingen am Rijn und der Freiwilligen Feuerwehr Kleve. Im Rahmen des „People- to People“- Projekts (Laufzeit bis Ende 2018), dass über das INTERREG-Programm mit knapp 50.000 € finanziert wird, sollen die bereits bestehenden Kontakte professionalisiert werden. Trotz der langen Zusammenarbeit ist das auch bitter nötig, denn „ [...] eigentlich können die beiden Wehren gar nicht miteinander reden.“, erklärt Ralf Benkel, Feuerwehrchef Ralf Benkel. Das liegt aber nicht an unzureichenden Sprachkenntnissen der Feuerwehrleute, sondern eher an der Funktionsweise der Kommunikationsgeräte. Die Systeme sind nach wie vor einfach nicht kompatibel. Ähnlich sieht es auch mit der anderen technischen Ausrüstung aus: „Wir arbeiten mit Storz-Anschlüssen und mit einem ganz anderen Wasserdruck“, so Florian Pose, Feuerwehrsprecher in Kleve in der Rheinischen Post. Trotzdem weiß man sich zu helfen und nimmt technisches Equipment mit über die Grenze, die beide Ausrüstungen kompatibel macht. [6]

Verlässliche Regelungen weiter notwendig

Die beschriebenen Maßnahmen zur Gesundheitszusammenarbeit in Grenzgebiet Niederlande-Deutschland sollen nur eine Auswahl darstellen und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Gerade wenn es um die Notfallversorgung geht, kennen beide Länder eine lange Geschichte der gegenseitigen Unterstützung, oft unbürokratisch und zielorientiert, dafür aber auch oft ohne rechtliche Sicherheiten. Nach wie vor werden INTERREG-Projekte auf den Weg gebracht, um diese Hürden nach und nach zu identifizieren und langfristig abzubauen. Leider haben diese Projekte oft nur eine begrenzte Laufzeit. Langfristig wird es auch in dem so gut vernetzen deutsch-niederländischen Grenzgebiet darum gehen, dauerhafte Lösungen zu schaffen. Im Zuge der europäischen Einigung, liegt es aber vor allem an der EU diese zu beseitigen. Sicherlich kann die deutsch-niederländische Grenzregion, mit allem, was hier bereits erreicht wurde, einen Modellcharakter für andere Grenzgebiete haben.

Autor: Martin Borck
Erstellt: Dezember 2009
Aktualisiert: 2018, Katrin Uhlenbruck


[1] Vgl. Münsterländische Volkszeitung Rheine vom 21. Januar 2009.
[2] Vgl. Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Deutschland-Niederlande. Heiter bis wolkig, Bonn 2001, S. 131.
[3] Vgl. Westfälische Nachrichten Gronau vom 11. Februar 2005.
[4] Vgl. Feuerwehrwörterliste Deutsch-Niederländisch, online.
[5] Vgl. Marian Ramakers/Tom Bindels/Jan Wellding: Grenzüberschreitende Hilfeleistung in der Euregio Maas-Rhein, 2007, online.
[6] Vgl. Grass, Matthias, Feuerwehr über Grenze von Euregio gefördert. Rheinische Post vom 09.02.2017, online unter: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/kleve/feuerwehr-ueber-grenze-von-euregio-gefoerdert-aid-1.6593569