VII. Weitere Projekte

Grenzüberschreitender Tierseuchenschutz

Im deutsch-niederländischen Grenzgebiet wird intensive Landwirtschaft mit hoher Viehdichte betrieben. Die Absatzmärkte in den urbanen Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte liegen räumlich nicht weit entfernt. Diese Kombination birgt eine Reihe von Konflikten zwischen freiem Handel und schwer kalkulierbaren Risiken im Verbraucherschutz. Mit dem Interreg-IV-A-Projekt Safeguard sollen diese Risiken minimiert werden. Die grenzüberschreitende Krisenprävention gilt als Voraussetzung für Standortsicherung und einen gemeinschaftlichen Verbraucherschutz.

Die Prävention von Zoonosen und Tierseuchen sowie die Stärkung des Control of control-Prinzips in der risiko-orientierten Lebensmittelüberwachung sehen sowohl die Wirtschaftsunternehmen als auch die behördlichen Einrichtungen der Grenzregion als gemeinsame Aufgaben an, heißt es in der Projektbeschreibung. Unterstützt von Forschungseinrichtungen und durch die gezielte Förderung des Wissenstransfers arbeiten 20 deutsche und niederländische Teams teils parallel, teils zeitversetzt über fünf Jahre an gemeinsamen Problemlösungen. Die Gesamtkoordination hat die Public-Private-Partnership Organisation GIQS übernommen. Mehr als 39 Institutionen bilden den Kern eines grenzüberschreitenden Krisenpräventionsnetzwerkes, das im Laufe des Vorhabens weiter ausgebaut werden soll. Neben der organisatorischen Innovation in der Art der Zusammenarbeit sind es die technischen Innovationen hinsichtlich der Analyse- und Prognoseinstrumente, die Vorbildcharakter weit über das Fördergebiet hinaus haben werden, heißt es in der Projektbeschreibung.

TIMP: binationales Netzwerk in der Medizin- und Reha-Technik

Die Zusammenarbeit im grenzüberschreitenden Gesundheitsbereich erstreckt sich im deutsch-niederländischen Raum nicht nur auf die unmittelbare Behandlung von Patienten. Auch im Bereich der Medizin- und Rehabilitationstechnik haben sich Unternehmen und Forschungsinstitutionen zusammengefunden und bündeln ihre Kräfte.

Ein Großteil des Marktes in diesem Segment wird von internationalen Konzernen beherrscht wie Siemens oder Philips, deren Forschungs- und Entwicklungs-Abteilungen über Millionenetats verfügen. Doch es bleiben Nischen, in denen sich kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) erfolgreich tummeln können. Vor allem, wenn sie mit Forschungseinrichtungen, wie zum Beispiel Hochschulen, zusammenarbeiten und sich gegenseitig bei der Entwicklung unterstützen.

Traditionell verfolgen niederländische mittelständische Entwickler und Zulieferer diesen Ansatz mit Erfolg. Typisch sind flache Hierarchien, hohe Flexibilität, ein ausgeprägtes Dienstleistungsbewusstsein, Handelsgeist, Offenheit und innovative Ideen. Der Ansatz für das euregionale Unternehmensnetzwerk TIMP (Transnationale Initiative für Medizinische Produktentwicklung) kam denn auch aus der Region Twente. Dort hatten sich bereits 1996 Unternehmen zusammengeschlossen, die auf dem Markt für Medizin- und Rehatechnik tätig waren – und vom Kuchen, den sich die Global Player allein untereinander aufzuteilen drohten, auch ein Stück abbekommen wollten. Anfang 2004 wurde das Projekt binational. Einmal, weil sich die niederländischen Unternehmen davon einen Zugang zum deutschen Markt erhofften, zum andern aber auch, um die Plattform um deutsche Firmen und Institutionen zu erweitern und den Wissenstransfer zwischen deutschen und niederländischen Unternehmen und Hochschulen in der EUREGIO in Gang zu bringen. Die Europäische Union, die Niederlande und die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen förderten im Rahmen der Gemeinschaftsinitiative INTERREG-IIIA seit Januar 2004 die weitere Entwicklung.

Über 20 Unternehmen und Hochschuleinrichtungen wie die Fachhochschule Münster am Standort Steinfurt sind an TIMP beteiligt. Sie bieten den Kunden Gesamtlösungen an, arbeiten aber auch weiterhin eigenständig. Beispiele für gemeinsam entwickelte Produkte sind eine flexible Armstütze für Operateure, eine Computertastatur für Blinde, ein Autositz für behinderte Kinder oder eine Positionsunterstützung für Kinder beim Röntgen.

Derartige Ideen entstehen in den sogenannten Fokusgruppen. Diese internen Spezialistenteams sind aus jeweils drei bis vier TIMP-Partnern aufgebaut. Sie bündeln die notwendige Fachkompetenz für die unterschiedlichen Marktsegmente wie Diagnostikzubehör, Heimpflegetechnik oder Krankenhausinfrastruktur. Die einzelnen TIMP-Fokusgruppen nutzen Messen wie MEDICA und REHA, um sich bei potenziellen Kunden bekannt zu machen. Die thematische Vielfalt der Lösungen, die die TIMP-Unternehmen entwickelt haben, sind im Demo-Center in Steinfurt zu sehen, das 2006 eröffnet wurde.

Mehrfach im Jahr treffen sich die TIMP-Mitglieder zu informellen Meetings. Sie tauschen Informationen untereinander und mit Forschungseinrichtungen aus und besprechen gemeinsame Projekte. Ein jährliches Fachsymposium unterstützt den Wissenstransfer über die Region hinaus. Um für die Mitglieder langfristig einen deutlichen Wettbewerbsvorteil zu sichern, organisiert TIMP außerdem Strategiegespräche mit wichtigen externen Produzenten aus dem Bereich Medizin- und Rehabilitationstechnik.

MIAS

Die Lebenserwartung der Menschen steigt und damit gewinnen Medizingeräte, die ein selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden unterstützen, immer mehr an Bedeutung.

Die Fachhochschule Münster ist Träger von „MIAS" (platform for medical technology innovation for an aging society), einem Projekt, zu dem 13 Unternehmen, Forschungseinrichtungen sowie Wirtschaftsförderungsgesellschaften und Technologietransfereinrichtungen auf deutscher und niederländischer Seite gehören. Ziel ist es, die Chancen einer innovativen Medizintechnik für eine höhere Lebensqualität im Alter umzusetzen.

Das Projekt wird mit Fördermitteln in Höhe von 4,7 Millionen Euro von der Europäischen Union, dem Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Energie des Landes NRW sowie der Provinz Overijssel über vier Jahre lang gefördert. „Die großen Herausforderungen für die Hersteller von Medizinprodukten bestehen vor allem darin, mit Hilfe ihrer Produkte, die Lebensqualität chronisch kranker Menschen zu verbessern und alten Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen", erklärte Carsten Schröder, Präsidiumsbeauftragter der FH Münster.[1]

Der Markt für Medizintechnik sei in den letzten Jahren sehr stabil gewesen, was gerade derzeit für Unternehmen ein wichtiger Aspekt sei, so Schröder weiter. „Um diesen Markt weiter erfolgreich bespielen zu können, bedarf es aber innovativer Produkte und Dienstleistungen. Hierbei kommt gerade der Weiterentwicklung von Schlüsseltechnologien eine große Bedeutung zu.

Das Projekt beinhaltet erstens den Aufbau bzw. Ausbau einer grenzübergreifenden Innovationsplattform für Medizintechnik und zweitens die konkrete Förderung von Kooperationen zwischen KMU und Forschungseinrichtungen. Die Innovationsplattform fördert den grenzübergreifenden Wissens- und Technologietransfer, die grenzübergreifende Clusterbildung in der Medizintechnik sowie die weitere Vernetzung der Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen.

Da sich hier Gesundheitsförderung und Wirtschaftsinteressen überschneiden, ist es wohl nicht verwunderlich, dass es auch im Bereich der Medizintechnik stets neue Entwicklungen gibt, die von dem europäischen Förderprogramm Interreg gefördert werden. Ein Blick in die Projektdatenbank von Interreg empfiehlt sich also auch bei Interesse an diesem Gebiet.

Grenzüberschreitendes Wohn- und Pflegehaus

Seit 2008 betreibt das Ev. Johanneswerk das erste grenzüberscheitende Wohn- und Pflegehaus in Europa. Das Bültenhaus steht im Grenzgebiet zwischen der deutschen Stadt Bocholt und der niederländischen Gemeinde Aalten. „Diese Projekte zeigen neue Wege abseits des Üblichen auf“, lobte Dr. Marion Gierden-Jülich, Staatssekretärin im Generationenministerium Nordrhein-Westfalen, im Dezember 2009 anlässlich der Übergabe des Robert-Jungk-Preises an die Einrichtung. Mit diesem wichtigen landesweiten Zukunftspreis werden herausragende Projekte, Initiativen und Firmen ausgezeichnet, die mit bürgerschaftlichem Engagement kreative und zukunftsweisende Konzepte zur Gestaltung des demografischen Wandels entwickelt haben.

Im Bocholter Stadtteil Suderwick steht das Bültenhaus, das in zwölf Wohneinheiten des betreuten Wohnens und in einer Wohngemeinschaft für ältere Menschen Pflege- und Versorgungsdienste anbietet. Die Besonderheit ist, dass das Bültenhaus mit dem niederländischen Appartement-Komplex des Careaz Dr. Jenny Woonzorgcentrums über eine Brücke verbunden ist. In diesem Herzstück der Einrichtung befinden sich das Wohnzimmer einer binationalen Wohngemeinschaft sowie ein Begegnungszentrum der Kulturen. Das Gemeinschaftsprojekt ermöglicht insbesondere Suderwicker Bürgern, eine wohnortnahe Versorgung im Alter in Anspruch zu nehmen.

Kraamzorg

Hausgeburten sind in den Niederlanden die Regel. Den Frauen steht dabei eine Hebamme und gegebenenfalls ein Arzt zur Seite. Danach hilft eine sogenannte Kraamverzorgster der Mutter eine Woche lang bei der Versorgung des Neugeborenen und im Haushalt. Vor allem berät sie die Mutter in allen aufkommenden Fragen der Kindespflege und -ernährung. Das System „kraamzorg“ wird im Rahmen eines Interreg-Projekts auch in Deutschland eingeführt. In der Grafschaft Bentheim wurden Frauen entsprechend ausgebildet. Folge ist ein kürzerer Aufenthalt im Krankenhaus nach der Entbindung. Davon versprechen sich die Beteiligten niedrigere Kosten.

Autor: Martin Borck
Erstellt: Dezember 2009
Aktualisiert: 2018, Katrin Uhlenbruck


[1] Vgl. Fachhochschule Münster: Die Lebensqualität im Alter durch Medizingeräte erhöhen, Pressemitteilung vom 5. März 2009, online.