VI. INTERREG-Projekte

Die Euregios fördern im Gesundheitsbereich zahlreiche konkrete grenzüberschreitende Projekte im Rahmen des Interreg-Programms der EU. Bis zu 50 Prozent der Kosten werden dabei von der EU übernommen. Den Rest teilen sich je nach Absprache Bundesländer, Provinzen, der niederländische Staat, sowie die Projektträger.

Eine Übersicht über die aktuellen Interreg-Projekte (nicht nur im Gesundheitswesen) ist unter www.deutschland-nederland.eu zu finden.

Es folgt nun eine Auswahl von einigen Projekten zur Gesundheitsförderung über die Grenze hinweg, die einen Einblick in die Bandbreite der INTERREG-Projekte liefern soll.

„EurSafety health-net“: Euregionales Netzwerk für Patientensicherheit und Infektionsschutz

„Verglichen mit der Gefahr, sich im Krankenhaus mit gefährlichen Keimen zu infizieren, ist das öffentliche Drama um die Schweinegrippe lachhaft.“ Das sagte Klaus-Dieter Zastrow, Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene laut einem Bericht der Frankfurter Rundschau[1].

Er beziffert die Zahl der Todesfälle, die auf Entzündungen zurückzuführen sind, die sich Menschen im Krankenhaus zuziehen, auf jährlich 40.000. Vor allem die Gefahr durch den Multiresistenten Staphylococcus Aureus (MRSA) ist hoch. Dieser Hautkeim ist für Gesunde in der Regel harmlos – nach Operationen und bei offenen Wunden aber kann er zu lebensgefährlichen Komplikationen führen.

Das müsste nicht sein: In den niederländischen Hospitälern ist die Rate der Infizierten um den Faktor 20 kleiner. „Die deutschen Kliniken sind – aus niederländischer Sicht – regelrecht verseucht“, sagt Prof. Dr. Alexander Friedrich vom Institut für Hygiene der Universität Münster. Er ist gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Ron Hendrix vom Institut für Verhaltensforschung der Universität Twente Projektleiter in einem grenzüberschreitenden Projekt mit dem Namen „EurSafety health-net“. Es hat sich neben dem Schutz vor Infektionen (nicht nur antibiotikaresistente Erreger werden bekämpft, auch Durchfallerkrankungen, Noroviren, die Neue Grippe und andere) die grenzüberschreitende Patientensicherheit auf die Fahnen geschrieben. Verbindliche Kriterien sollen einen hohen Standard garantieren.

 Bei einem Besuch in Enschede am 09.11.2009 ließ der damalige NRW - Gesundheitsminister wissen, dass das Projekt einen hohen Stellenwert einnimmt: „Das Gesundheitsministerium ist daran stark interessiert“,. „Nordrhein-Westfalen hat ein großes Problem mit MRSA. Die Niederlande haben das Krankenhaus-Virus durch verbindliche Kriterien unter anderem in der Hygiene eingedämmt. Das rechnet sich - auch wirtschaftlich.“ Allein schon vor dem Hintergrund dieser Aussicht könne man das finanzielle Engagement des Landes an dem Projekt rechtfertigen. Wichtiger noch sei jedoch, dass menschliches Leid vermieden werde.

„Stop Schmuddel Fritze“

Hygiene gehört zu den wichtigsten Themen bei der praktischen Umsetzung des Projekts. Nicht nur in den Krankenhäusern und nicht nur gegen MRSA. Auch die Schulen sollen für das Thema sensibilisiert werden, um gegen Grippe und andere Infektionskrankheiten vorzubeugen. So startete im Oktober 2009 die Aktion „Stop Schmuddel Fritze“ (auf niederländischer Seite „Stop Vuile Fred“) in der Region Wesel/Nimwegen. Sie zielt auf eine bessere Hust-, Nies- und Handhygiene an den Schulen. „Handhygiene ist das A und O bei der Grippeprävention. Und die Kampagne ‚Stop Schmuddel Fritze’ bietet eine kindgerechte Herangehensweise an das Thema“, so Dr. Rüdiger Rau (Fachbereich Gesundheitswesen Kreis Wesel). Ziel der Aktion ist es vor allen Dingen, Schülerinnen und Schülern, aber auch Lehrkräften und Eltern, zu verdeutlichen, wie wichtig Hygiene ist, um Erkältungserkrankungen an Schulen vorzubeugen.

Professor Andreas Voss, der an der Universität Nimwegen die Professur für Infektionsprävention inne hat, ist Initiator der Kampagne. „Ich habe aus eigenen Beobachtungen an niederländischen und deutschen Schulen den Schluss gezogen, dass die Hygiene unter Schulkindern katastrophal ist. Gerade bei Schulkindern können viele Krankheitsübertragungen durch gute Handhygiene verhindert werden. ‚Stop Schmuddel Fritze’ soll den Grundstein für ein grundlegendes Hygienebewusstsein legen.“

EUREGIO-MRSA-net

Als Vorläufer des „EurSafety Health-net“ diente ein Projekt mit dem Namen EUREGIO-MRSA-net. Von 2005 bis 2008 wurden in 40 deutschen Krankenhäusern in der EUREGIO Abstriche von der Nasenschleimhaut aller neu eingelieferten Patienten gemacht, das sogenannte Screening. Wer das MRSA aufwies, wurde von den anderen Patienten isoliert, um Ansteckung zu verhindern. Deutsche Patienten, die stationär in niederländische Krankenhäuser aufgenommen werden, kommen in Quarantäne, bis geklärt ist, dass sie MRSA-negativ sind.

Die Umsetzung der Hygienevorschriften in niederländischen Krankenhäusern gilt als vorbildlich. Als weiteren Grund für den niederländischen Erfolg im Kampf gegen MRSA nennt Professor Friedrich den zurückhaltenderen Einsatz von Antibiotika. Um das Wissen und die Erfahrungen auszutauschen, werden die Projektpartner – Krankenhäuser, Labore, Gesundheitsämter und Ärzte – Fortbildungen über die Grenze hinweg durchführen.
Daneben werden auch die Patienten selbst die Möglichkeit haben, im Projekt mitzuwirken. Die Patienteninitiative EPECS soll Ansprechpartner und Brücke zwischen Patienten und den Experten des Projekts an beiden Seiten der Grenze sein.
Wer erfolgreich am Kampf gegen Krankenhausinfektionen teilgenommen hat und die hohen Standards erfüllt, kann das mit einem euregionalen Siegel demonstrieren. Die Zusammenarbeit soll die Qualität der Gesundheitsversorgung nachhaltig stärken. Letztendlich wird erst durch bessere Qualität ermöglicht, dass Patienten die Gesundheitsinfrastruktur grenzüberschreitend nutzen können. Das Versorgungsangebot steigt, letztendlich sinken die Kosten.

Die Westfälische Wilhelms-Universität Münster (WWU) und die Universiteit Twente in Enschede gehören zu den Projektpartnern bei „EurSafety health-net“. „Es sind komplementäre Hochschulen“, sagte Münsters Rektorin Prof. Dr. Ursula Nelles, „die ihr Know-how vernetzen. Die Forschungsstärke und -vielfalt der WWU mit ihren Kliniken wird durch die wissenschaftlich-technische und auf gesellschaftliche Relevanz ausgerichtete Orientierung der Niederländer ergänzt.“

Die Europäische Union fördert das „EurSafety Health-net“- Projekt mit fast 6 Millionen Euro aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung. Das Land NRW und weitere Partner schießen insgesamt über 2 Millionen Euro zu.

Plötzlicher Kindstod

Der „Plötzliche Kindstod“ ist in Deutschland die häufigste Todesursache bei Babys im Alter von 28 Tagen bis zum Ende des ersten Lebensjahres. In Nordrhein-Westfalen kommen auf 1000 Lebendgeburten in dieser Periode 0,65 Fälle von „Plötzlichem Kindstod“. In den Niederlanden liegt die Rate mit 0,06 Fällen deutlich niedriger. Was verursacht diese deutlichen Unterschiede? Wie kann die Zahl der Todesfälle vermindert werden? Die medizinischen Fakultäten der Universitäten Münster, Duisburg-Essen, Twente und Groningen sowie zwei weitere Gesundheitseinrichtungen nehmen sich dieses Themas an.

In den Niederlanden hat eine Arbeitsgruppe bereits zum „Plötzlichen Kindstod“ geforscht. Ihre Kenntnisse und Erfahrungen sollen in eine Informationsbroschüre einfließen, die die wichtigsten Risikofaktoren benennt. In einem ersten Schritt werden jedoch zunächst Hebammen, Kinderkrankenschwestern, Ärzte und Mitarbeiter von Mütterberatungststellen im Münsterland und der Grafschaft Bentheim über die Risikofaktoren aufgeklärt werden.

Das Ziel lautet: Halbierung der Fälle „Plötzlichen Kindstods“ bis zum Jahr 2012 im deutschen EUREGIO-Gebiet, heißt es in der Projektbeschreibung.

In einem nächsten Schritt werden die Wissenschaftler den zeitlichen Rahmen des Untersuchungsobjekts erweitern: Die Ursachen, die in der Zeit von der Geburt bis zum 28. Lebenstag und vom Ende des ersten bis zum Ende des zweiten Lebensjahrs zum Tode von Kindern führen, sollen sowohl im deutschen als auch im  niederländischen Teil des EUREGIO-Gebiets erfasst werden. Von den Ergebnissen dieser Arbeit soll auch die niederländische Seite profitieren. Denn dort sterben zwischen der Geburt und dem 28. Lebenstag, der sogenannten perinatalen Phase, so viele Säuglinge wie in keinem anderen Land Europas.

Die Erkenntnisse sollen anschließend in Informationsmaterialien für die Zielgruppen einfließen. Die Durchführung des Projekts kostet knapp 810.000 Euro. Die Hälfte der Mittel fließen im Rahmen des INTERREG IV A-Programms aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung. Das Ministerium für Wirtschaft des Landes Nordrhein-Westfalen kofinanziert es mit 10 Prozent.

Autor: Martin Borck
Erstellt: Dezember 2009
Aktualisiert: 2018, Katrin Uhlenbruck


[1] Brigitta vom Lehn: Tödliche Keimflut, in: Frankfurter Rundschau vom 31. Oktober 2009, S. 14.