V. Probleme bei der Nutzung von Einrichtungen im Nachbarland

Auch deutsche Patienten aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen haben mittlerweile die Möglichkeiten entdeckt, die die Grenznähe bietet. Auf der Liste der Top 3 der Behandlungen stehen hier Rehabilitation, Kardiologie und Psychologie/Geriatrie. Vor allem das Revalidatiecentrum Het Roessingh, aber auch das Medisch Spectrum Twente (MST) in Enschede haben bei deutschen Patienten einen guten Ruf. Für die Menschen spielt die Nähe zum Wohnort eine wichtige Rolle. Herzpatienten aus dem Westmünsterland zum Beispiel sind derzeit auf Behandlungen in Münster, Bad Rothenfelde oder Bad Oeynhausen angewiesen. Außerdem bestehen für bestimmte Eingriffe Wartezeiten, sagt Annette Dwars vom EHC. Im Thoraxzentrum sind Patienten meist innerhalb von drei Wochen an der Reihe. Für Manager Henny Voss vom MST ist die deutsche Grenzregion daher ein potenzielles Versorgungsgebiet.

Auch das Reha-Zentrum Het Roessingh kann auf lange Erfahrungen mit deutschen Patienten  zurückblicken. Die Einrichtung in Enschede bietet eine ausgezeichnete Versorgung  und Behandlung im neurologischen Bereich. Querschnittsgelähmten und Menschen nach schweren Schlaganfällen sind in Het Roessingh wirklich gut aufgehoben, erkennen auch die deutschen Krankenkassen an. Dennoch hat zum Beispiel die BARMER keinen festen Vertrag mit der Reha-Klinik über stationäre Behandlungen abgeschlossen. „Mit Het Roessingh haben wir eine lose Vereinbarung über die Kostenübernahme“, berichtet Jürgen Siemen von der BARMER in Borken. Konkret handelt es sich aber bislang nur um drei Fälle. Auch mit dem MST gibt es bislang außer einer derartigen eher losen Absprache keine festen Verträge, wie sie zum Beispiel Menzis mit den deutschen Krankenhäusern geschlossen hat.

Das hat mehrere Gründe. Siemen, der am ESG-Projekt über Patientenmobilität aktiv beteiligt war, würde am liebsten eine idealistische Sichtweise umsetzten: Jeder Patient darf sich dort behandeln lassen, wo er möchte. „In den Grenzregionen haben die Bewohner bei den Behandlungsangeboten schließlich nur einen eingeschränkten Radius.“ Eine Hürde sind die nun einmal die real existierenden Systemunterschiede. Sie führen zu einer Schieflage, derzufolge sich Kooperationen für die niederländischen Krankenkassen eher rechnen als für die deutschen. Siemen nennt ein Beispiel: Eine Hüft- oder eine Knie-Operation kostet die Kasse in den Niederlanden mit rund 15.000 Euro etwa doppelt so viel wie in einer deutschen Klinik. Niederländische Versicherer haben daher allein schon aus diesem Grund ein Interesse daran, in den für sie günstigeren deutschen Häusern operieren zu lassen.

Unterschiede in der Krankenhaus-Finanzierung

Dass es zu diesen immensen Differenzen kommt, resultiert aus den unterschiedlichen Investitionsarten im Krankenhaus-Wesen. In Deutschland wird die duale Finanzierung angewandt, bei der die Bundesländer die Investitionen der Krankenhäuser, die im Krankenhausplan enthalten sind, übernehmen. Die Niederlande dagegen finanzieren monistisch: Hier werden auch die Investitionskosten für die Krankenhäuser von den Kassen verantwortet, und in die Behandlungspreise eingepflegt. Die Folge: Eine deutsche Krankenkasse beteiligt sich mit jeder Übernahme von Operationskosten an diesen Investitionen niederländischer Kliniken. Diese Ungleichheit erschwert natürlich vertragliche Regelungen.

Hinzu kommt ein weiterer Zielkonflikt: In NRW befindet sich die Zahl der Krankenhausbetten auf relativ hohem Niveau. Nach Ansicht der Krankenkassen, die mit den Häusern regelmäßig um die Höhe der Budgets ringen, müssten die Hospitäler den Bestand eigentlich abbauen. Wenn die Kassen vor diesem Hintergrund Verträge mit niederländischen Krankenhäusern abschließen würden, hätte das möglicherweise eine noch geringere Auslastung der deutschen Krankenhausbetten zur Folge (da sich ja weniger Patienten hier zu Lande behandeln lassen würden). Das wäre den Kliniken nicht zu vermitteln.

Auch wenn die Verhandlungen bislang nicht zu strukturellen Ergebnissen führten, ist Jürgen Siemen froh über das informelle Netz, das er und seine Gesprächspartner geknüpft haben. Einzelfallentscheidungen können pragmatisch getroffen werden.

Autor: Martin Borck
Erstellt: Dezember 2009
Aktualisiert: 2018, Katrin Uhlenbruck