I. Einleitung

Die Grenzen zwischen den Niederlanden und Deutschland sind in den vergangenen Jahren immer durchlässiger geworden. Jedenfalls für Personen, Waren und Dienstleistungen – genauer: nicht-medizinische Dienstleistungen. Der Gesundheitssektor hinkte lange Zeit hinterher – und tut es immer noch. Das ist auf mehrere Ursachen zurückzuführen: Die Unterschiede in den nationalen Systemen erschweren eine Harmonisierung. Manches bürokratische Problem erweist sich als Hemmschuh. Es müssen Fragen über die jeweiligen medizinischen Standards geklärt werden. Wie steht es um die Qualität und den Service der Krankenhäuser, Ärzte, Pflege- und Reha-Einrichtungen? Und: Müssen Patienten selbst in die Tasche greifen, wenn sie im Nachbarland zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen, oder übernehmen die Kassen die Kosten?

Der Druck wächst

Der Druck auf die Instanzen im Gesundheitswesen stärker zusammenzuarbeiten, ist im gleichen Maße gewachsen, wie die Grenzen durchlässiger geworden sind. Die Beschränkungen, die es Patienten erschweren oder gar unmöglich machen, sich im Nachbarland behandeln zu lassen, werden immer stärker als Anachronismus empfunden. Aus Sicht der Patienten ist es schließlich nicht einzusehen, dass man beispielsweise im eigenen Land wochenlang auf einen Operationstermin warten muss, während nur wenige Kilometer weiter im Krankenhaus des Nachbarlands Kapazitäten frei sind. Oder warum ein Verletzter oder ein Schlaganfallpatient zur Rehabilitation in weit entfernte Kliniken reisen muss, während eine gleich oder besser qualifizierte Einrichtung quasi vor der Haustür liegt – nur eben durch eine Staatsgrenze getrennt. Eine Umfrage, die vom damaligen Euregionalen Servicezentrum für Gesundheit (ESG) gemeinsam mit der niederländischen Patientenorganisation „Zorgbelang Overijssel“ im Jahre 2008 durchgeführt wurde, zeigte, dass allein fast 60 Prozent der befragten Niederländer an deutschen Gesundheitsleistungen interessiert sind. Sie würden eine medizinische Behandlung in Deutschland in Erwägung ziehen.
Die politisch erwünschte Mobilität der Arbeitnehmer innerhalb der Europäischen Union wird durch Hürden in der Sozialgesetzgebung ebenfalls erschwert. Dem Grenzgänger stellt sich die Lage als komplex und unübersichtlich dar. Ein Problem, das durch die Reformen der nationalen Gesundheitssysteme in den vergangenen Jahren nicht erleichtert wurde.

Vom Nachbarn lernen?

Unterschiedliche Ansätze in der Versorgung von Patienten bergen jedoch auch Chancen: Welches System ist erfolgreicher? Kann man vom Nachbarn vielleicht etwas lernen? Die Antwort lautet: ja. Trotz der Nähe der beiden Länder, haben sich in einigen Bereichen unterschiedliche Herangehensweisen und Traditionen erhalten. So verzeichnen die niederländischen Krankenhäuser bei der Bekämpfung von multiresistenten Keimen große Erfolge. Nordrhein-Westfalen will an den Erfahrungen partizipieren. Universitäten, Ärzte, Gesundheitsämter und Patienteninitiativen arbeiten in diesem Bereich grenzüberschreitend zusammen.

Kooperation bei Katastrophen

Bei sogenannten Großschadensereignissen hörte die Zuständigkeit der Rettungskräfte noch zu Beginn dieses Jahrhunderts offiziell an der Grenze auf. Die Feuerwerkskatastrophe im Mai 2000 in Enschede führte das Manko deutlich vor Augen: Deutsche Rettungskräfte eilten zwar zum Unglücksort; doch von einer koordinierten Zusammenarbeit der deutschen und niederländischen Helfer von Feuerwehren, Rettungsdiensten, Polizei und Technischem Hilfswerk konnte keine Rede sein. Nach dem Ereignis kam im Katastrophenschutz einiges ins Rollen. Verträge wurden geschlossen, gemeinsame Übungen abgehalten.
Auch im grenzüberschreitenden Gesundheitswesen sind zweifellos Fortschritte erzielt worden. Ermutigend ist in dem Zusammenhang ein weiteres Ergebnis der oben genannten ESG-Umfrage: Knapp 70 Prozent der Befragten, die bereits auf der anderen Seite der Grenze behandelt wurden, sagten aus, dass es dabei keine Probleme gegeben habe. Einige wenige nannten Schwierigkeiten bei der Abrechnung mit der Krankenkasse, ungenügende Informationen und einen unverhältnismäßig hohen administrativen Aufwand als negative Punkte.
 Dieses Dossier blickt zurück auf die Geschichte der grenzüberschreitenden Kooperation im Gesundheitswesen und beim Katastrophenschutz und zeigt anhand von einigen Beispielen den derzeitigen Stand auf.

Autor: Martin Borck
Erstellt: Dezember 2009