IV. Der Mietmarkt in den Niederlanden: Eine Übersicht

In den Niederlanden hat der soziale Wohnungsbau eine lange Tradition. Um die Wohnungsnot unter den Arbeitern, die in den großen Städten herrschte, systematisch zu lösen, griff der Staat seit Anfang des 20. Jahrhunderts massiv in den Wohnungsmarkt ein. Durch Förderung von Bauprojekten und Wohnungsbaugesellschaften entstand eine große Zahl an Sozialwohnungen, die den niederländischen Markt stärker bestimmen als die Märkte in allen anderen Ländern der Euro-Zone. Um das Jahr 2013 waren ca. 33 Prozent der insgesamt 7,4 Millionen Wohnungen Sozialwohnungen. Mit dieser Quote lagen die Niederlande EU-weit an der Spitze. 60 Prozent des Wohnraumes waren Privateigentum. Durch gezielte politische Weichenstellungen ist dieser Prozentsatz in den vergangenen drei Jahrzehnten deutlich größer geworden: 1980 waren nur 42 Prozent der Wohnungen Privateigentum. Im europäischen Vergleich ist der Anteil dennoch nach wie vor relativ niedrig.

Zwei Drittel aller Mieter mieten bei einer Wohnungsbaugesellschaft. Nur rund 14 Prozent der Wohnungen werden privat vermietet, wobei auch bei der Hälfte dieser Wohnungen staatliche Bestimmungen über die Höhe des Mietpreises gelten. So legt eine Mietkommission (nl. huurcommissie) anhand einer Punkteliste (nl. puntensysteem) fest, wie hoch die Miete für eine Wohnung sein darf. Dabei werden Punkte für die Lage, den Zustand und die Ausstattung einer Wohnung vergeben. Die maximale Anzahl Punkte für eine freistehende Wohnung liegt bei 250, was einem Mietpreis von monatlich 1.195,18 Euro entspricht. Erst über dieser Grenze dürfen Vermieter für ihre Wohnungen so viel Geld verlangen, wie sie wollen. Dieser Markt ist mit sieben Prozent allerdings relativ unbedeutend.

Da die Mieten der Sozialwohnungen reguliert sind, sind sie für viele attraktiv und wird die Nachfrage nicht durch den Mietpreis beeinflusst. Die Gesellschaften arbeiten deswegen mit Wartelisten, wobei in Städten wie Utrecht und Amsterdam mit einer Wartezeit von bis zu 12 Jahren gerechnet werden muss. Zahlreiche Sozialwohnungen werden zudem von Mietern bewohnt, die ihrem Einkommen nach nicht mehr in die Zielgruppe für diese Wohnungen gehören, aber aufgrund der hohen Differenz der Mietpreise nicht zum freien Sektor wechseln (nl. scheefwonen). Gegenwärtig wird beim Abschluss neuer Mietverträge eine Einkommensobergrenze von 34.085 Euro festgelegt, von der es einige wenige Ausnahmen gibt. Wer allerdings einmal eine Sozialwohnung hat, darf dort nach geltender Gesetzeslage wohnen bleiben, auch wenn sein Einkommen im Laufe der Jahre gestiegen ist.

Wer nicht so lange warten möchte und auch nicht genug Geld für eine Wohnung auf dem freien Markt hat, muss die Zeit mit zeitweiligen Mietverträgen überbrücken, die den Mietern oft kaum Rechte einräumen. Am populärsten ist die so genannte „Anti-Kraak-Regeling“ (dt. „Anti-Hausbesetzer-Regelung“). Darüber werden leerstehende Gebäude über eine Vermittlungsagentur zu günstigen Preisen weiter vermietet. Dadurch spart der Vermieter Kosten für die Überwachung und der Mieter hat zumindest zeitweilig ein bezahlbares Dach über dem Kopf. Allerdings beträgt die Kündigungsfrist für diese Verträge auch nur einen Monat.

Nicht nur durch die staatlich regulierte Miethöhe, sondern auch durch direkte Förderung werden Mieter in den Niederlanden unterstützt. Bis zu einer bestimmten Miethöhe von kann beim Finanzamt Mietzuschlag (nl. huurtoeslag) beantragt werden. Dieser wird dann abhängig von der Höhe des Einkommens und der Miete berechnet und wird im Vergleich zum deutschen Wohngeld relativ häufig vergeben.

Ähnlich wie in Deutschland, wird auch in den Niederlanden das Wohnen in den Städten immer attraktiver: Immerhin sind die meisten Jobs in Großstädten zu finden – ein Anziehungspunkt für viele. Aber auch das Flair der Großstadt wollen viele einmal erlebt haben und sei es nur als Tourist. Obwohl diese auch Geld in die Stadt bringen, wird der immer größer werdende Strom an Touristen, z.B. in der beliebten Metropole Amsterdam zu einem immer größer werdenden Problem. Eigentümer, die eine Wohnung besitzen, vermieten diese als Ferienwohnungen an Touristen. So kann es im Extremfall passieren, dass ganze Häuser leer stehen und nur zu den Ferienzeiten von Touristen genutzt werden. Sehr zu Leitwesen der Anwohner, denn Touristen bringen nicht nur Geld. In Amsterdam als Party-Metropole zeigt sich oft auch die hässliche Seite des Tourismus – viel Lärm, Schmutz und fehlende Gemeinschaft in den Ortsteilen verschärfen die Situation zusätzlich zu dem Fakt, das gerade kleine und mittlere Einkommensgruppen keine Wohnung mehr in der Stadt finden. Die Stadt Amsterdam versucht daher mit verschiedenen Gesetzen, das Vermieten von Wohnungen an Touristen einzuschränken, denn im Amsterdam rechnet man anno 2018 mit einem enormen Anstieg der Touristenzahlen: von derzeit ca. 17 Million im jahr 2017 auf zukünftig bis zu 30 Millionen pro Jahr. Zum Vergleich: Berlin ist mit fast 900 km2 fast viermal so groß wie Amsterdam, hat aber ca. ein Drittel weniger Touristen im Jahr. „Amsterdam ist halt eine Weltstadt aber im Dorfformat“, sagt Robin Labrijn, Einwohner der historischen Innenstadt Amsterdams und Aktivist in einer Arte-Reportage zum Thema:

https://www.youtube.com/watch?v=Rbsa5oHj2Fk


Autorin: Katja van Driel
Erstellt: März 2013
Aktualisiert: 2018 von Katrin Uhlenbruck