I. Einführung

Traditionell ist das Wohnen in den Niederlanden stark reguliert. In wohl kaum einem anderen Land begegnet man auf diesem Gebiet so zahlreichen staatlichen Regeln, was zu einer Konstellation führt, die sich nur schwer mit anderen Ländern vergleichen lässt. Dieses Dossier soll den Ursprung dieser spezifisch niederländischen Gesetzgebung klären. Es will nachvollziehen, wie sich das System im Laufe der Jahrzehnte bis zur gegenwärtigen Konstellation entwickelt hat, in der es zu immer mehr Blockaden kommt und worin diese Blockaden bestehen. Weiterhin sollen Reformvorschläge vorgestellt und diskutiert werden.

Das Kapitel zum sozialen Wohnungsbau eröffnet eine historische Perspektive, die zeigt, wie durch rigorose Reformen zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine katastrophale Situation auf dem Wohnungsmarkt verbessert werden konnte. Durch die enorme Nachfrage nach Wohnraum war dem Missbrauch der Wohnungsnot durch Vermieter Tür und Tor geöffnet gewesen. Mit dem „Wohnungsgesetz“ führte der Staat ein Instrument ein, mit dessen Hilfe der unhaltbaren Situation Einhalt geboten werden sollte. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges war die staatliche Förderung von bezahlbarem Wohnraum ein wichtiges politisches Ziel, denn durch die Kriegsschäden war dieser knapp geworden. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung, was zu groß angelegten Bauprojekten in der Wiederaufbauzeit führte.

Im Verlauf der 1990er Jahre fand eine Zeitenwende statt: Die direkte Förderung für den Bau von Sozialwohnungen wurde eingestellt und die Wohnungsbaugesellschaften wurden selbständige Stiftungen, die kostendeckend arbeiten mussten.

Während die Wartelisten für Sozialwohnungen in den begehrten Gegenden immer länger wurden, stiegen die Preise für Eigentumswohnungen bis in die 2000er Jahre auf Rekordhöhen. Von Mitte bis Ende der 1990er Jahre war eine jährliche Wertsteigerung von 20 Prozent nichts Ungewöhnliches. Die Preissteigerung sorgte auf der anderen Seite auch für eine rasant ansteigende Privatverschuldung. Dieser Anstieg wurde zu Zeiten der Finanzmarktkrise 2008 jäh gestoppt. Der Wert der Wohnungen ging teilweise um über 14 % zurück. Eine schlechte Situation für alle, die sich für eine Eigentumswohnung verschuldet hatten: Mit Schulden von 650 Milliarden Euro lagen die niederländischen Haushalte im Jahr 2013 weltweit ganz vorn in der Statistik.

Anno 2018 haben sich die Preise zwar langsam wieder erholt. Dafür ist die Wohnungsnot, vor allem in Großstädten wie Amsterdam, zunehmend zum Problem geworden - eine Entwicklung wie sie in vielen europäischen Städten zu beobachten ist. Amsterdam, mit einer relativ kleinen Stadtfläche, tritt es aber besonders hart. Immobilienspekulanten und Wohnungen, die nur an Touristen vermietet werden, verschärfen die Lage zusätzlich.

Das Kapitel zum Häusermarkt beschäftigt sich mit der Frage, wie der Immobilien-Boom entstanden ist und wie sich die Situation in Zeiten der Finanzkrise gewandelt hat. Ein Interview mit dem Stadtplaner und Geografen Dr. Manuel Aalbers (Universität Amsterdam) erweitert die Perspektive auf den Hausmarkt von einer rein ökonomischen Sichtweise auf komplexere gesellschaftliche und stadtplanerische Zusammenhänge. Ein zweites Interview mit der Planologin Dr. Leonie Janssen-Jansen (Universität Amsterdam) beschäftigt sich mit der Spekulation mit Gewerberäumen, die mittlerweile zu einem auffällig hohen Leerstand von Bürogebäuden geführt hat, der zusehends für Probleme sorgt.


Autoren: Katja van Driel und Frederik Hartig
Erstellt: März 2013
Aktualisiert: März 2018 von Katrin Uhlenbruck