Sterbehilfe in den Niederlanden


XI. Missverständnisse in Deutschland


Dammbruch

„Gerade die offene Debatte über Euthanasie und die allgemeine Akzeptanz führen doch zum Dammbruch! Der Tabubruch ist ohnehin schon da.“

In der Tat: die Enttabuisierung hat die offene und öffentliche Debatte über das Lebensende und über lebensbeendendes Handeln überhaupt ermöglicht. Die allgemeine Akzeptanz, die sich zwischen Zustimmung und Duldung der bedingten Zulässigkeit von Lebensbeendigung bewegt, ist das Ergebnis dieser Debatte. Zahlenmäßige Hinweise auf einen Dammbruch im quantitativen Sinne gibt es nicht: weder die Umfragen noch die Jahresberichte der Kontrollkommissionen geben Anlass zu solche Befürchtungen. In der fortlaufenden öffentlichen Debatte und insbesondere auch in der Rechtsprechung findet eine ständige Überprüfung der Einhaltung der Grenzen statt. Ein Beispiel dafür, ist die Entscheidung zur „fertig-mit-dem-Leben“-Problematik. Ein anderes Beispiel ist die Diskussion über die Gültigkeit von Willenserklärungen mit Euthanasiewunsch im Falle von Demenz: die Ergebnisse der Umfrage 2001/2002 zeigen, dass 72% aller Ärzte (und 87% der Pflegeheimärzte) hier eine deutliche Grenze ziehen und meinen, dass der Zeitpunkt der Einwilligung – wie vom Patienten als er noch gesund war gewünscht – sich nicht bestimmen lässt.

Demenz

„Mit der Anerkennung schriftlicher Euthanasie-Erklärungen wird doch die Tötung von nicht-einwillungsfähigen Patienten – und insbesondere von Patienten mit Demenzerkrankungen – Tür und Tor geöffnet?“

Die Anerkennung der grundsätzlichen Gültigkeit schriftlicher Willenserklärungen ermöglicht theoretisch die Einwilligung eines für diesen Fall festgelegten Euthanasiewunsches eines dementen Patienten. Die Praxis sieht aber anders aus: 67% aller Ärzte (und 87% der Pflegeheimärzte) betrachten Demenz an sich nicht als Grund (im Sinne der Sorgfaltskriterien: aussichtloses und unerträgliches Leiden) für Euthanasie. Laut der Umfrage 2001/2002 kommt Euthanasie bei dementen Patienten extrem selten vor. Werden damit die Willenserklärungen missachtet? Vielleicht manchmal ja; jedoch gibt auch eine Willenserklärung kein Recht auf Euthanasie. Die Praxis zeigt eindringlich, dass Ärzte nicht leichtfertig zur Lebensbeendigung übergehen.
Dies bleibt in der Diskussion ein schwieriger Punkt. Man kann für die Fälle, in denen man seinen Willen nicht mehr kund tun kann, eine Willenserklärung abgeben. Es ist für Ärzte jedoch oftmals schwer einzuschätzen, ob eine bestimmte Situation genau der entspricht, die ein Patient gemeint hatte. In diesen Fällen setzen sie die Willensbekundung häufig um. Auch ist das Ausmaß der Unerträglichkeit des Leidens bei Alzheimer-Patienten manchmal schwer einzuschätzen. Die nahen Angehörigen empfinden es oft als problematisch, wenn ein Arzt unter solchen Umständen der Willenserklärung nicht entspricht.

Leichtfertig

„In den Niederlanden hat die Gewöhnung an Euthanasie zu einen leichtfertigen Umgang mit dieser Praxis geführt.“

Erstens wird das in keiner einzigen Untersuchung von den Zahlen belegt. Zweitens stellt Euthanasie oder Hilfe bei der Selbsttötung immer eine Ausnahme vom normalen ärztlichen Handeln dar. Beides ist immer eine Grenzüberschreitung. Aus den Berichten von Ärzten und auch vom Pflegepersonal geht eindeutig hervor, dass die Beteiligung an diesen Handlungen als extrem belastend erlebt wird: von Leichtfertigkeit kann daher keinesfalls die Rede sein. Es wird alles getan um zu vermeiden, dass es soweit kommt und man hofft immer, dass der Patient doch noch vorher ruhig eines natürlichen Todes stirbt.

Mord

„Es heißt, dass in den Niederlanden bereits Ärzte wegen Mordes verurteilt wurden – wie ist das überhaupt möglich?“

Wenn ein Arzt die Sorgfaltskriterien missachtet, findet der Strafausschließungsgrund keine Anwendung. Kommt es zur Anzeige, so muss mit einer Anklage wegen Mordes gerechnet werden. Die Erklärung liegt in der Definition der so genannten Mordmerkmale: nach deutschem Recht müssen u.a. niedere Beweggründe vorliegen, wenn eine Tötungshandlung als Mord qualifiziert werden soll. Im niederländischen Strafrecht ist das anders: jede Tötungshandlung, die vorbereitet und geplant war, gilt als Mord und wird dementsprechend geahndet – es sei denn, ein Strafausschließungsgrund liegt vor.

Bevormundung

„Die Rede ist von Selbstbestimmung, aber es heißt, dass nur etwa einem Drittel der Bitten um Euthanasie entsprochen wird – ist das nicht bevormundend?“

Nein, keinesfalls: Es belegt vielmehr, dass Patienten in den Niederlanden oft schon in der frühen Phase einer schweren Krankheit offen mit ihrem Arzt über den weiteren Verlauf und auch über das Lebensende sprechen. Die Möglichkeit zum offenen Gespräch ist für viele dieser Menschen eine derartige Beruhigung, dass es bis zu ihrem natürlichen Tod gar nicht zu der konkreten Frage um Lebensbeendigung kommt. In einem weiteren Drittel der Fälle, in denen der Patient um Euthanasie bittet, muss der Arzt dem Patienten erklären, dass seine Situation nicht den vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Kriterien entspricht – zum Beispiel, weil die palliativen Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft sind.

Recht & Pflicht

„In den Niederlanden müssen Ärzte dazu bereit sein, Euthanasie durchzuführen; es ist gesetzlich erlaubt und gehört zum ärztlichen Handeln.“

Das stimmt nicht: Es gibt kein Recht auf Euthanasie oder auf Hilfe bei der Selbsttötung auf der Seite des Patienten und es gibt keinerlei Pflicht – gesetzlich oder standesethisch – für Ärzte, solche Handlungen durchzuführen oder daran mitzuwirken. Die niederländische Ärztegesellschaft (KNMG) stellt sich auf dem Standpunkt, dass Euthanasie und Hilfe bei der Selbsttötung nicht zum normalen ärztlichen Handeln gehören. Aus der Studie von van de Wal u.a. (2003) geht hervor, dass etwa 10% der niederländischen Ärzte grundsätzlich niemals Euthanasie oder Hilfe bei der Selbsttötung leisten werden – hinzu kommen 1% der Ärzte, die den Patienten dazu auch niemals an einen Kollegen überweisen würden.

„Bei immer knapperen Mitteln – Geld und Personal – im Gesundheitswesen kann Euthanasie leicht zur kostensparenden Alternative werden.“

Lebensbeendendes Handeln ist keine „Billiglösung“: weder emotional – als Ausweg aus einer schwierigen Situation –, noch finanziell – als verkappte Sparmaßnahme. Ganz im Gegenteil: die besonders intensive ärztliche Versorgung und Pflege sowie die Ausschöpfung aller denkbaren Alternativen sind mit hohen Kosten verbunden. Außerdem stellen auch das Melde- und Kontrollverfahren sowie die wissenschaftliche Begleitforschung einen beträchtlichen Kostenposten für den öffentlichen Haushalt dar.

Autoren: Jeantine Lunshof und Jaap Visser
Erstellt: Februar 2004
Aktualisiert: Juni 2009 


Links

Wichtige Links im Bereich Soziales finden Sie unter Institutionen

Nld. Jusitzministerium zum Thema Euthanasie Ministerie van Justitie

Niederländisches Gesundheitsministerium zum Thema Euthanasie Ministerie van Volksgezondheid, Welzijn en Sport (Minvws)

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Düwell, Marcus / Feikema, Liesbeth: Über die niederländische Euthanasiepolitik und -praxis Mehr Info

Ministerie van Buitenlandse Zaken: FAQ Sterbehilfe 2010, Den Haag 2010. Onlineversion

Niederländische Regierung: Wet toetsing levensbeëindiging op verzoek en hulp bij zelfdoding Onlineversion

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