Sterbehilfe in den Niederlanden


I. Einleitung: Tradition, Toleranz und Konsensfindung

Die Niederlande sind ein Land mit einer langen Tradition öffentlich geführter theologischer und gesellschaftspolitischer Diskussionen. Die Gewohnheit, das Vorhandensein von Konflikten einzugestehen und offen anzusprechen, hat uns im Laufe der Jahrhunderte gelehrt, dass ein konstruktives Zusammenleben, trotz heftiger theologischer und lebensanschaulicher Gegensätze, hervorragend möglich ist. Allerdings werden Offenheit und gegenseitige Toleranz vorausgesetzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand eine rasche Entkonfessionalisierung und damit Säkularisierung der niederländischen Gesellschaft statt. Dies hat unter anderem dazu geführt, dass die Menschen selbst die Verantwortung für Entscheidungen über die persönliche Lebensgestaltung und über das eigene Lebensende übernommen haben. Eine Verantwortung, die früher der Kirche oder auch der Ärzteschaft oblag.

Die niederländische Gesellschaft ist von großem Respekt vor dem menschlichen Leben geprägt und gleichzeitig pragmatisch ausgerichtet: Ziel ist immer, einen Konsens herzustellen, auch im Umgang mit schwierigen Fragen. So versucht man auch zum Beispiel über Fragen von Lebensanfang und Lebensende einen Konsens zu erreichen und diesen in einem geeigneten gesetzlichen Rahmen zu verankern.

Tötung auf Verlangen: Ein Thema für die Gesellschaft

Die öffentliche Diskussion über die Tötung auf Verlangen und, allerdings erst an zweiter Stelle, die Beihilfe zur Selbsttötung hatte in den frühen 70er Jahren ihren Anfang. Bereits 1970 hatte die Regierung den Gesundheitsrat (Gezondheidsraad) mit der Erstellung eines Berichtes über Euthanasie beauftragt. Der Bericht erschien 1973. Eine breite öffentliche Debatte wurde im gleichen Jahr durch den Aufsehen erregenden Strafprozess gegen Frau Postma-Van Boven ausgelöst. Frau Postma-Van Boven war eine Ärztin, die ihre eigene Mutter, auf deren ausdrückliches Verlangen hin, tötete.

Als der ärztliche Kollege, der die Leichenschau vornahm, keine Erklärung eines natürlichen Todes abgab, wurde die Strafverfolgung eingeleitet. Im Rahmen dieses Strafprozesses wurden zum ersten Mal Kriterien in Bezug auf lebensbeendendes Handeln durch Ärzte formuliert. Frau Postma-Van Boven wurde zu einer Woche Haft auf Bewährung verurteilt.

Die öffentliche Anteilnahme an dem Strafprozess war überwältigend, das Ehepaar Postma – Herr Postma war ebenfalls Hausarzt – erhielt Sympathiebekundungen aus dem In- und Ausland. Die Ereignisse waren der Anlass für die Gründung der „Niederländischen Vereinigung für Freiwillige Euthanasie“ (NVVE) im Jahre 1973, die heute den Namen „Niederländische Vereinigung für ein Freiwilliges Lebensende“ trägt.

Sowohl die Bewertung der Tötung auf Verlangen generell wie auch die in diesem Prozess vorgebrachten Argumente und Kriterien wurden Gegenstand fortlaufender Diskussionen in den Medien und unter den Angehörigen der beteiligten Berufsgruppen der Ärzte, Pflegenden, Seelsorger, Juristen, und Ethiker. Die öffentliche Debatte, die bis heute in erster Linie vollständig in den Medien ausgetragen wird, erhält vor allem aus der Rechtsprechung anlässlich konkreter Fälle immer wieder neue Impulse und Argumente. Die weitgehende Tabufreiheit und die große Offenheit seitens der Ärzte und auch seitens der staatlichen Organe und Behörden, die sich an der Diskussion beteiligen, bilden seit den Anfängen die Grundlage für das sehr hohe Maß an gesellschaftlicher Transparenz. 

Autoren: Jeantine Lunshof und Jaap Visser
Erstellt:
Februar 2004
Aktualisiert: Juni 2009


Links

Wichtige Links im Bereich Soziales finden Sie unter Institutionen

Nld. Statistisches Amt zum Thema Sterbehilfe Central Bureau voor de Statistiek (CBS)

Nld. Gesundheitsrat Gezondheidsraad

Niederländisches Gesundheitsministerium zum Thema Euthanasie Ministerie van Volksgezondheid, Welzijn en Sport (Minvws)

Nld. Jusitzministerium zum Thema Euthanasie Ministerie van Jusitite

Nld. Vereinigung für freiwillige Lebensbeendigung Nederlandse Vereniging voor ein vrijwillig levenseinde (NVVE)

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ministerie van Buitenlandse Zaken: FAQ Sterbehilfe 2010, Den Haag 2010. Onlineversion

Niederländische Regierung: Wet toetsing levensbeëindiging op verzoek en hulp bij zelfdoding Onlineversion

Düwell, Marcus / Feikema, Liesbeth: Über die niederländische Euthanasiepolitik und -praxis Mehr Info

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Soziales Personen A-Z


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