Sterbehilfe in den Niederlanden


X. Evaluation und Umfragen


Kontrolle, Erfassung und Evaluation

Wann immer im Ausland über die niederländische Praxis der Sterbehilfe gesprochen wird, spielen „die Zahlen“ eine große Rolle. In der gesellschaftlichen Diskussion in den Niederlanden selbst haben die Zahlen nicht diese überragende Bedeutung. Dennoch wird von Seiten des Staates – konkret: vom Gesundheits- und vom Justizministerium – großer Wert auf die Erhebung empirischer Daten gelegt, damit die Umsetzung der gesetzlichen Regelungen in der Praxis nachvollziehbar ist. Darüber hinaus wird dadurch auch Handlungs- bzw. Regelungsbedarf rechtzeitig erkannt. Die Datenerfassung dient somit der Evaluation der Regulierung. Es gibt zwei unterschiedliche Datenquellen: 1) die großen Umfragen unter der Ärzteschaft – neuerdings unter Einbeziehung weiterer Gruppen – von 1990/1991, 1995/1996, 2001/2002 und 2005/2006 über medizinische Entscheidungen am Lebensende.

Wichtig: Es handelt sich um sozialwissenschaftliche, empirische Untersuchungen einer Vielfalt von Aspekten jeglicher Art lebensbeendenden Handelns. 2) Die Jahresberichte der Regionalen Kontrollkommissionen. Der erste Bericht erschien 1999 und enthält die Daten aus dem ersten Arbeitsjahr der Kommissionen, die in dieser Form ihre Arbeit 1998 aufnahmen.
Wichtig: Es handelt sich hier um die Berichterstattung über die den Kommissionen gemeldeten Fälle von Euthanasie und Beihilfe zur Selbsttötung in dem betreffenden Berichtsjahr.

Die letzte landesweite Umfrage unter Ärzten (2005/2006) bezog sich auf die Situation ab 2002, also nach dem Inkrafttreten des Gesetzes über die Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und der Hilfe bei der Selbsttötung.

Die Niederlande waren weltweit das erste Land, das mit Hilfe empirischer Erhebungen einen faktischen Überblick über die Lage auf dem Feld der Euthanasie und anderer Formen der Lebensbeendigung gewonnen hat und auf dieser Grundlage Maßnahmen ergreifen konnte, die den Ärzten zu mehr Klarheit verhalfen.
Gleichzeitig muss mit Nachdruck festgestellt werden, dass die über Jahre hinweg andauernden Diskussionen bei den Ärzten das Bewusstsein für die Problematik des Handelns im Zusammenhang mit dem Lebensende geschärft haben. Dadurch haben sich die Sorgfalt in der Entscheidungsfindung und die Qualität des Handelns erheblich verbessert!

Die Umfragen 1990/1991 und 1995/1996

Die Hauptfragestellung dieser beiden Untersuchungen lautete: „Wie oft und unter welchen Bedingungen werden in den Niederlanden medizinische Entscheidungen über das Lebensende getroffen und wie oft wird Euthanasie durchgeführt?“

Die Untersuchungen umfassten drei Teilstudien: 1) eine mündliche Befragung von Ärzten (repräsentative Stichprobe); 2) eine Ärztebefragung im Rahmen einer Todesfallanalyse durchgeführt durch das Zentralamt für Statistik; 3) eine prospektive Studie über alle Todesfälle in einem halben Jahr aus einer repräsentativen Stichprobe von Ärzten.

Berücksichtigt wurden:

  • Euthanasie
  • Hilfe bei der Selbsttötung
  • Lebensbeendendes Handeln ohne ausdrückliches Verlangen des Patienten
  • Schmerz- und Symptomlinderung
  • Behandlungsabbruch und Behandlungsverzicht

Ein wichtiges konkretes Ergebnis der Studie von 1995/1996 war die grundsätzliche Änderung des Meldeverfahrens bei Euthanasie und assistierter Selbsttötung. Bis 1991 war nur die Staatsanwaltschaft zuständig. Die Studie 1990/1991 zeigte, dass nur etwa 18 % der Fälle gemeldet wurde. Daraufhin wurden – allerdings ohne gesetzliche Grundlage – Vorläufer der Regionalen Kontrollkommissionen eingerichtet um zu versuchen, durch die Einbeziehung der Berufsgruppe die Meldebereitschaft der Ärzte zu erhöhen. 1994 wurde die Tätigkeit dieser Beratungsgremien offiziell geregelt. Die Erhebung von 1995/1996 zeigte einen Anstieg der Zahl der Meldungen auf 41 %. Seit 1998 funktionieren die Regionalen Kontrollkommissionen in ihrer heutigen Form – allerdings bis März 2002 mit eingeschränktem Mandat. Die Zahl der Meldungen stieg auf 54 % im Jahr 2001. Mit Inkrafttreten des neuen Gesetzes im Jahr 2002 bekamen die Regionalen Kontrollkommissionen die Befugnis, die Meldungen selbstständig abschließend zu beurteilen.

Die Umfrage 2001/2002

Die Umfrage 2001/2002 hatte eine erweiterte Fragestellung. An erster Stelle stand die Wiederholung der Datenerhebung der vorangegangenen Studien, um einen zuverlässigen Vergleich zu ermöglichen. Schwerpunkt war aber die Evaluation des Melde- und Prüfungsprozederes. Die offizielle, vom Parlament in Auftrag gegebene Hauptfragestellung lautete: „Erfüllt das Kontrollverfahren für Euthanasie die Zielsetzung und gibt es Ansatzpunkte für Verbesserungen?“. Zusätzlich wurden Teilstudien zu einigen wichtigen, aktuellen Themen durchgeführt:

  • die Frage, ob und in wiefern Palliativmaßnahmen den Wunsch nach Euthanasie oder Hilfe bei der Selbsttötung verringern;
  • die Anwendung von terminaler Sedierung;
  • die Entscheidungsfindung bei Lebensbeendigung bei Minderjährigen;
  • die Entscheidungsfindung bei Lebensbeendigung bei Neugeborenen;die Bedeutung von schriftlichen Willenserklärungen in der Praxis, insbesondere bei Patienten mit Demenzerkrankungen;
  • die Beurteilung von „fertig-mit-dem-Leben“-Situationen;eine Untersuchung der Praxis von Euthanasie und Hilfe bei der Selbsttötung bei Personen aus gesellschaftlich schwachen Gruppen, insbesondere bei willensunfähigen, hoch betagten und bei sozial und ökonomisch benachteiligten Personen;
  • eine Untersuchung unter Hinterbliebenen von Personen, die durch Euthanasie oder assistierte Selbsttötung verstarben;
  • das Funktionieren der Beratung, insbesondere der Einfluss von Beratungen durch SCEN-Ärzte auf die Meldebereitschaft der Hausärzte;
  • eine allgemeine Publikumsbefragung in Bezug auf das Kontrollverfahren.

Die Umfrage 2005/2006

Primäres Ziel dieser ersten Erhebung nach dem Inkrafttreten des Gesetzes über die Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und der Hilfe bei der Selbsttötung im Jahr 2002 war, zu ermitteln, wie sich das Meldeverhalten der Ärzte entwickelte, nachdem die Strafbarkeit der Euthanasie bei Erfüllung der Sorgfältigkeitsanforderungen nun faktisch aufgehoben worden war.

Das Ergebnis war überraschend: die Zahl der Meldungen war auf gut 80% gestiegen. Nicht als Euthanasie berücksichtigt wurde in dieser Erhebung die palliative (terminale) Sedierung, eine Kategorie, die in der Erhebung der Jahre 2001/2002 noch zur Zahl der Fälle, in denen Euthanasie angewendet worden war, hinzugezählt worden war. Das gestiegene Wissen der Ärzte über die palliative Sedierung sowie über Formen der Schmerzbekämpfung trug zu einer Verringerung der Euthanasiefälle bei. Die Zahl der Fälle, in denen Euthanasie angewendet worden war, lag bei der Erhebung der Jahre 2005/2006 beträchtlich niedriger als bei der vorherigen, die faktische Abgrenzung war klarer und die Zahl der Meldungen dadurch höher. Euthanasie wurde am häufigsten bei Patienten angewendet, die an einer Form von Krebs litten.

Die Zahl der Meldungen, die bei den regionalen Kontrollkommissionen eingegangen sind, ist in den letzten Jahren stetig gestiegen – 2007 und 2008 jeweils um 10%. Das könnte bedeuten, dass der Prozentsatz der Meldungen um die 90% liegt. Eine Erklärung hierfür ist, dass die Abgrenzung von palliativer Sedierung und Euthanasie einerseits und die sorgfältige Anwendung der Euthanasie andererseits zu dieser Steigerung beigetragen haben. Eine Anschlusserhebung, in der auch wieder die Zahl der Fälle von angewandter Euthanasie in einem bestimmten Jahr und die Relation zur Zahl der Meldungen zu untersuchen sein werden, kann hierüber Aufschluss geben.

Autoren: Jeantine Lunshof und Jaap Visser
Erstellt: Februar 2004
Aktualisiert: Juni 2009 


Links

Wichtige Links im Bereich Soziales finden Sie unter Institutionen

Nld. Statistisches Amt zum Thema Sterbehilfe Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS)

Nld. Ärztevereinigung Koninklijke Nederlandsche Maatschappij tot bevordering der Geneeskunst (KNMG)

Nld. Jusitzministerium zum Thema Euthanasie Ministerie van Justitie

Niederländisches Gesundheitsministerium zum Thema Euthanasie Ministerie van Volksgezondheid, Welzijn en Sport (Minvws)

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Düwell, Marcus / Feikema, Liesbeth: Über die niederländische Euthanasiepolitik und -praxis Mehr Info

Ministerie van Buitenlandse Zaken: FAQ Sterbehilfe 2010, Den Haag 2010. Onlineversion

Niederländische Regierung: Wet toetsing levensbeëindiging op verzoek en hulp bij zelfdoding Onlineversion

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Soziales Personen A-Z


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: