Sterbehilfe in den Niederlanden


V. Hausärzte und SCEN-Ärzte

Der größte Unterschied: Fachärztliche Hilfe kann grundsätzlich nur nach Überweisung durch einen Hausarzt in Anspruch genommen werden. Die Hausärzte sind die Torwächter des Gesundheitsversorgungssystems.

Fortbildungspflicht ein ganzes Leben lang

Hausärzte sind immer als niedergelassene Ärzte tätig, einzeln oder mit einem oder mehreren Kollegen in einer Gemeinschaftspraxis. Die fachärztliche Versorgung dagegen ist nahezu vollständig innerhalb des Krankenhauses angesiedelt: die ambulante fachärztliche Versorgung findet in den so genannten Polikliniken der Krankenhäuser statt, die stationäre Versorgung – durch den gleichen Arzt – im Regelfall eben in diesem Krankenhaus. Außer bei schweren Unfällen läuft der Zugang zu diesem Teil der Versorgung grundsätzlich ausschließlich über die Hausärzte. Deshalb hat nahezu jeder, bzw. braucht jeder einen Hausarzt, der in seiner Praxis aufgesucht werden kann und der, wenn erforderlich, selbstverständlich Hausbesuche macht. Die Hausärzte sind deshalb nur in einem bestimmten, begrenzten geografischen Gebiet tätig und organisieren innerhalb dieses Bereiches ihre Vertretungsgruppen, d.h. bei Abwesenheit übernimmt ein Kollege aus dieser Gruppe die Vertretung. Ein völlig anonymes Notarztsystem, wie in Deutschland üblich, gibt es nicht. In letzter Zeit haben viele Hausarztgruppen aus praktischen Gründen ihre Notfallsprechstunden in die Räume der Poliklinik eines nahe gelegenen Krankenhauses verlegt. Grundsätzlich ist der Hausarzt zuständig für die integrale medizinische Versorgung der ganzen Familie, dazu gehört, im Gegensatz zu Deutschland, u.a. die Grundversorgung im Bereich der Gynäkologie und der Kinderheilkunde.

Die Ausbildung der Hausärzte ist dementsprechend lang und umfassend. Dies bedeutet, dass die Fachärzte in den Polikliniken sich nur mit komplexer Diagnostik und schweren Erkrankungen befassen. Für alle Ärzte besteht eine stringente Fortbildungspflicht während des gesamten Berufslebens.

Zum Sterben wird man in den Niederlanden nicht ins Krankenhaus, sondern nach Hause gebracht
Diese Organisation des niederländischen Gesundheitssystems bewirkt, dass ein Patient grundsätzlich nur von einer sehr begrenzten Zahl von Ärzten betreut wird, was sowohl der Kommunikation dient – bedingt durch das Überweisungssystem weiß ein Arzt, welche Kollegen beteiligt sind –, als auch das Entstehen von Vertrauensverhältnissen fördert. Viele Menschen in den Niederlanden kommen zu Hause zur Welt, noch viel mehr Menschen sterben auch zu Hause. Dank des traditionell sehr umfassenden und für jeden zugänglichen Systems der häuslichen Krankenpflege verbleiben viele auch schwerstkranke Patienten bis zum Lebensende in der eigenen Wohnung oder kehren aus dem Krankenhaus dorthin zurück: Zum Sterben wird man in den Niederlanden nicht ins Krankenhaus, sondern nach Hause gebracht. Dieser Umstand erklärt, dass lebensbeendendes Handeln überwiegend zu Hause stattfindet: von den 2331 im Jahr 2008 gemeldeten Fällen wurde die Lebensbeendigung auf Verlangen in 2083 Fällen vom Hausarzt durchgeführt. Bei 1851 Patienten fand die Euthanasie durch einen Hausarzt bei den Patienten zu Hause statt, darüber hinaus wurde Euthanasie durch einen Hausarzt entweder in einem Hospiz, einem so genannten „Bijna-thuis-huis“ oder bei der Familie durchgeführt.

 

BEISPIEL: Hausärztliche Versorgung

Die Verschreibung der Antibaby-Pille, das Einsetzen einer Spirale oder ein Krebsabstrich sind Aufgabe des Hausarztes: eine Überweisung dafür an einem Gynäkologen ist gar nicht möglich. Die normale, unkomplizierte Schwangerschaft und Geburt gehören in erster Linie zum Arbeitsbereich der selbständig niedergelassenen Hebammen. Beispiel: ein Kind mit Bauch- oder Ohrenschmerzen wird zunächst vom Hausarzt untersucht; die U1 – U6 -Untersuchungen und die Impfungen werden in speziellen Außenstellen der Gesundheitsämter durchgeführt.

Die SCEN-Ärzte

Das Urteil des Hohen Rates von 1984 besagt, dass Euthanasie in der Notlage einer Pflichtenkollision gerechtfertigt sein kann, veröffentlichte die Ärzteorganisation KNMG (vergleichbar mit der Bundesärztekammer) eine Stellungnahme. Diese Stellungnahmen enthält u.a. Sorgfaltskriterien, die aus Sicht der KNMG einzuhalten sind, darunter die Notwendigkeit der Konsultation eines Kollegen. Die KNMG hat sich immer auf den Standpunkt gestellt, dass bei Lebensbeendigung auf Verlangen und Hilfe bei der Selbsttötung die Konsultation eines zweiten, unabhängigen Arztes unabdingbar ist. Über viele Jahre wurde die Konsultation informell geregelt. 1997 startete auf Initiative einer Gruppe von Hausärzten in Amsterdam ein Pilotprojekt zur Einrichtung eines geregelten Konsultationsdienstes von Ärzten für Ärzte: SCEA – Steun en consultatie bij euthanasie in Amsterdam (Unterstützung und Beratung bei Euthanasie in Amsterdam).

Das Projekt wurde von Wissenschaftlern der beiden Universitäten in Amsterdam begleitet und evaluiert. In einer zweiten Phase – 1999 bis 2003 – wurde das Projekt unter dem Namen SCEN – Steun en consultatie bij euthanasie in Nederland – auf das ganze Land ausgeweitet, allerdings noch immer beschränkt auf die Gruppe der Hausärzte. In einer dritten Phase  sollen auch für die Fachärzte in den Krankenhäusern sowie für die Pflegeheimärzte entsprechende Strukturen geschaffen werden. Der Aufbau eines Netzwerkes von SCEN-Ärzten in Krankenhäusern und Pflegeheimen verläuft weniger schnell als erhofft. Beabsichtigt war, im Jahr 2006 über ein lückenloses Netzwerk zu verfügen, aber man ist immer noch dabei, dieses vollständig auszubauen. Diese Strukturen betreffen nicht nur die Organisation des Bereitschaftsdienstes, sondern auch die Auswahl neuer SCEN-Ärzte, deren Aus- und Fortbildung sowie die Inter- und Supervision.

Die SCEN-Ärzte (zur Zeit über 500) machen die SCEN-Arbeit zusätzlich zur Arbeit in der eigenen Praxis; sie haben im Jahr etwa vier bis fünf Mal eine Woche lang Bereitschaftsdienst als SCEN-Arzt und können über eine zentrale Meldestelle von den Kollegen erreicht werden.
Die Aufgaben der SCEN-Ärzte sind vornehmlich:
  1. die Beratung von Kollegen in allen Fragen der palliativen Behandlung von sterbenskranken Patienten. Die Fortbildung der SCEN-Ärzte ist zu einem großen Teil auf diesen Bereich ausgerichtet.
  2. die offizielle Beratung, wenn eine konkrete Bitte um Lebensbeendigung vorliegt.
  3. SCEN-Ärzte können immer nur von Ärzten konsultiert werden, nicht von Patienten oder Angehörigen.

Die Beratung umfasst mindestens einen Besuch beim Patienten, mit dem der Berater ein ausführliches Gespräch führt. Die Krankenakte und gegebenenfalls auch die Pflegedokumentation wird gesichtet. Der vom Berater verfasste Bericht über die Beratung wird, wenn die Lebensbeendigung tatsächlich stattgefunden hat, mit den weiteren offiziellen Unterlagen an die Regionale Kontrollkommission geschickt. Aufgabe des Beraters ist es, zu überprüfen ob der Zustand des Patienten derart ist, dass die Sorgfaltskriterien erfüllt sind. Wenn es sich um eine psychische Erkrankung handelt, was eher selten vorkommt, muss mindestens ein weiterer Berater, der Psychiater ist, hinzugezogen werden.

Der Bericht und die Schlussfolgerung des SCEN-Arztes sind übrigens nicht bindend: auch bei einer negativen Beurteilung durch den SCEN-Arzt kann der behandelnde Arzt entscheiden, die Lebensbeendigung durchzuführen. In diesem Fall ist aber sicherlich mit einer besonderen Prüfung durch die Kontrollkommission zu rechnen. Rein rechtlich muss ein Berater nicht SCEN-Arzt sein, theoretisch kann jeder unabhängige Kollege konsultiert werden, es besteht aber eine Präferenz gegenüber den SCEN-Ärzten. 

Autoren: Jeantine Lunshof und Jaap Visser
Erstellt: Februar 2004
Aktualisiert: Juni 2009


Links

Wichtige Links im Bereich Soziales finden Sie unter Institutionen

Nld. Ärztevereinigung Koninklijke Nederlandsche Maatschappij tot bevordering der Geneeskunst (KNMG)

Nld. Jusitzministerium zum Thema Euthanasie Ministerie van Justitie

Niederländisches Gesundheitsministerium zum Thema Euthanasie Ministerie van Volksgezondheid, Welzijn en Sport (Minvws)

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Düwell, Marcus / Feikema, Liesbeth: Über die niederländische Euthanasiepolitik und -praxis Mehr Info

Ministerie van Buitenlandse Zaken: FAQ Sterbehilfe 2010, Den Haag 2010. Onlineversion

Niederländische Regierung: Wet toetsing levensbeëindiging op verzoek en hulp bij zelfdoding Onlineversion

Personen

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