Molukker - Eine Minderheit in den Niederlanden



XIV. Bewusstwerdung der Situation? – Commissie Köbben-Mantouw und Molukkersnota

Kurz nach der Zugentführung von Wijster kam es am 17.1.1976 zu dem bereits genannten Gespräch zwischen Vertretern der niederländischen Regierung und Vertretern der Exil-RMS um Präsident Manusama. Ministerpräsident Den Uyl bemühte sich, das Gespräch zu einem größeren Erfolg zu führen, als es 1970 beim Gespräch zwischen de Jong und Manusama der Fall gewesen war. Um den molukkischen Vertretern entgegen zu kommen, band Den Uyl seinen Schwager André Köbben, Professor für Kulturanthropologie in Amsterdam, in die Verhandlungen mit ein. Während des Gesprächs schlug Den Uyl vor, eine gemischt molukkisch-niederländische Kommission zu errichten.

Kommission Kobben (Molukker)
Kommission Kobben-Mantouw, Quelle: NA ( 929-6274)

Diese bestand aus fünf molukkischen und fünf niederländischen Mitgliedern unter dem Namen ‛Commissie van Overleg Zuid-Molukkers-Nederlanders’ (Beratungskommission Südmolukker-Niederländer). Ziel der Kommission war die Verminderung der Spannungen zwischen Molukkern und Niederländern. Dabei sollten die historischen Gegebenheiten und die Aktualität des RMS-Ideals auf den Molukken untersucht werden. Ende Juni 1978 wurde der Bericht fertiggestellt und veröffentlicht. Köbbens zusammenfassende Schlussfolgerung lautete wie folgt: ‚Diejenigen die dachten, dass das RMS-Ideal völlig tot sei, irren sich. Aber diejenigen, die dachten, dass das RMS-Ideal quicklebendig sei, irren sich noch mehr.’ [36]

Die zwei Vorsitzenden der Kommission waren zunächst sehr zufrieden darüber, dass alle zehn Mitglieder die Kernaussage des Berichts teilten. Diese Zufriedenheit sollte jedoch nicht lange andauern, da bereits kurz nach der Veröffentlichung des Berichts vier der fünf molukkischen Mitglieder von ihren Ämtern zurücktraten. Ihre Rücktritte kamen auf Drängen Manusamas, welchem die Relativierung der RMS zu weit ging. Bereits im Juli 1978 löste sich die Kommission auf und hatte damit mehr Spannung als Entspannung im Verhältnis zwischen den Molukkern und der niederländischen Regierung geschaffen. [37]

Es ist nicht klar ersichtlich, ob die Geiselnahmen und Zugentführungen der zweiten Generation der Molukker und der missglückte Bericht der Commissie Köbben-Mantouw eher zum Vor- oder Nachteil für die Zukunft der Molukker in den Niederlanden waren. Im Laufe der siebziger Jahre wurde der niederländischen Regierung jedoch vor Augen geführt, dass für die Integration der Molukker, und auch anderen Bevölkerungsgruppen in den Niederlanden, eine Minderheitenpolitik vonnöten war, da eine Integration der Molukker in die niederländische Gesellschaft nicht allein vonstatten ging. Einen ersten Schritt machte die Regeringsnota Problematiek van de Molukse minderheid in Nederland, auch ‛Molukkersnota’ genannt, aus dem Jahr 1978. Dieser Plan zur Verbesserung der Position der Molukker sollte Vorbildcharakter für die zukünftige Minderheitenpolitik der Niederlande haben. [38]

Die niederländische Regierung hatte sich nach dem Bericht der Commissie Verwey-Jonker 1959 darauf verlassen, dass der Umzug der Molukker in die Wohnviertel diese ausreichend auf das Aufeinandertreffen mit der westlichen industrialisierten Welt vorbereiten würde und dass die Teilnahme der molukkischen Jugendlichen am niederländischen Bildungssystem positive Effekte für ihre Integration haben würde. Diese optimistischen Erwartungen, dass die molukkische Minderheit ohne Probleme Anschluss an die niederländische Gesellschaft finden würde, bestätigen sich jedoch nicht. Die Ursachen dafür waren laut des Berichts vielfältig: Das molukkische Zusammengehörigkeitsgefühl wurde unterschätzt, wodurch die Isolation der molukkischen Gemeinschaft auch in den Wohnvierteln fortgesetzt wurde. Die niederländische Regierung hatte zu wenig Einsicht in die Probleme der jungen Molukker in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarkt, wodurch die zweite Generation sich nur mangelhaft innerhalb der niederländischen Gesellschaft entwickeln konnte. Um ein Umdenken in der Molukkerpolitik einzuläuten, wurden eine Reihe von Maßnahmen vorgestellt, die zur Verbesserung der Beziehung zwischen Molukkern und den Niederlanden und zur baldigen Integration führen sollten.

Die niederländische Regierung beharrte darauf, die politischen Ambitionen bezüglich der RMS nicht anzuerkennen oder zu unterstützen. Gleichzeitig wollte sie die Beibehaltung der Identität der molukkischen Minderheit akzeptieren und finanziell unterstützen. Dies sollte jedoch unter der Vorraussetzung geschehen, dass die Molukker im Gegenzug die niederländischen Normen und Werte akzeptierten und keinem Mitglied ihrer Minderheit den Weg aus ihrer Gemeinschaft in die niederländische Gesellschaft verwehren würden. [39] In der Bildung sah der Bericht die Vorbereitung der jungen Molukker auf die niederländische Gesellschaft als Hauptziel an und forderte eine Stärkung des Bildungssektors durch mehr Lehrkräfte und neue Projekte. Besondere Aufmerksamkeit kam dem Arbeitsmarkt zuteil. Der Einsatz von Arbeitsvermittlern und die Öffnung des Staatsdienstes für die Molukker sollten den Anfang einer Reihe von Maßnahmen bilden. [40]

Die niederländische Regierung kam zu der Einsicht, dass sie die Molukker, die 1951 in die Niederlande gekommen waren, nachlässig behandelt hatte. Die Molukkersnota belegte diese Einsicht und den Willen zur Verbesserung der niederländischen Regierung. Gleichzeitig schwächte sich auf molukkischer Seite das RMS-Ideal durch aktuelle Probleme der Molukker in den Niederlanden und auf den Molukken immer weiter ab, wodurch eine Atmosphäre zwischen niederländischen und molukkischen Vertretern geschaffen wurde, die eine beginnende Aufarbeitung der bisherigen Zeit der Molukker in den Niederlanden ermöglichte.


[36] Eigene Übersetzung. Zitiert aus: Bleich: Joop den Uyl 1919-1987, S. 329.
[37] Vgl. Bleich: Joop den Uyl 1919-1987, S. 328 f.; Barker: Niet hier maar op een andere plaats, S. 197.
[38] Vgl. Smeets: Molukkers in Nederland, S. 49.
[39] Vgl. Barker: Niet hier maar op een andere plaats, S. 359.
[40] Vgl. Halatu, D./Pessireron, E.: De pijn van een Molukker, Groningen 1981, S. 108 f.; Steijlen, F.: Molukkers in Nederland: geschiedenis van een transnationale relatie, in: Migrantenstudies 20 (4) (2004), S. 238-251, hier S. 250.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Akihary, H.: Van Almere tot de Zwaluwenburg. Molukse woonoorden in Nederland, in: Manuhutu, W./Smeets, H., Tijdelijk verblijf. De opvang van Molukkers in Nederland 1951, Amsterdam 1991, S. 40-74.

Barker, R.,: Niet hier, maar op een andere plaats. De gijzelingen van Wijster, Amsterdam, De Punt en Bovensmilde, Alphen aan den Rijn 1980.

Bootsma, P.: De Molukse acties. Treinkapingen en gijzelingen 1970-1978, Amsterdam 2000.

Brinke, Y. ten/ Latupeirissa, F.: Ceritra Saja. Geschiedenis van Molukkers in Overijssel, Almelo 2005.

Merriënboer, J. van/Bootsma, P./ Griensven, P. van: Van Agt Biografie. Tour de Force, Amsterdam 2008.

Pessireron, S.: Wij kwamen hier op dienstbevel. Kampverhalen uit Lage Mierde, Zwolle 2003.

Smeets, H./Steijlen, F.: In Nederland gebleven. De geschiedenis van Molukkers 1951-2006, Amsterdam 2006.

Steijlen, F.: RMS - van ideaal tot symbool. Moluks nationalisme in Nederland, 1951 - 1994, Amsterdam 1996.

Verwey-Jonker, H.: Ambonezen in Nederland, Den Haag 1959.

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