Homosexualität in den Niederlanden im 20. und 21. JH.


VI. Repression und Selbstbewusstsein

Wie genau sich der Krieg auf das tägliche Leben der männlichen und weiblichen Homosexuellen in der Besatzungszeit ausgewirkt hat, wird in Zukunft noch näher untersucht werden. Die Verschärfung gesetzlicher antihomosexueller Bestimmungen hat fälschlicherweise nicht zur Hetzjagd auf Homosexuelle geführt, wie manche Historiker und spätere homosexuelle Aktivisten meinten. Es gibt sogar die Behauptung, dass die Besetzungszeit für Homosexuelle positiv war. Möglicherweise gab es während der Besatzung mehr Raum für homosexuelle Kontakte in den Niederlanden.[1] Im Krieg hatte man nun einmal andere Sorgen.

Als ob es keinen Krieg gegeben hätte, nahm die Homosexuellenbewegung nach der Befreiung den Faden wieder auf: Jacob Schorer gab eine Broschüre heraus, in der er unter Berufung auf die angeborene sexuelle Natur die Abschaffung von 248bis forderte. Die Herren um das Blatt Levensrecht fanden ebenfalls wieder zueinander und sie ließen die Zeitschrift neu aufleben. Der Krieg führte trotzdem in zweierlei Hinsicht einen Bruch mit der Vorkriegszeit herbei. Einerseits gab es ein stärkeres Selbstbewusstsein der Homosexuellen in der Zeit des Wiederaufbaus. Das vermeintliche Wachstum einer homosexuellen Subkultur und der freiere Umgang mit sexueller Moral während der Kriegszeit können dies erklären. Aber auch die Feststellung, dass jeder Mensch unveräußerliche Menschenrechte besitzt, könnte eine Rolle gespielt haben.

Auch im Hinblick auf das Auftreten der Behörden in Bezug auf Homosexualität führte der Zweite Weltkrieg zu einem Bruch. In keinem anderen Zeitraum des 20. Jahrhunderts trat der Staat in den Niederlanden gegen Homosexualität und anderen „Sittenverfall“ so streng auf, wie zur Zeit des Wiederaufbaus. Nicht im Krieg selbst, sondern gerade nach der Befreiung stieg die Anzahl der Verfolgungen von Homosexuellen signifikant an.[2] In den ersten Nachkriegsjahren fand in den Niederanden eine regelrechte Sittlichkeitsoffensive statt, um die negativen Folgen des Kriegs auf die Sitten des Volkes wieder zu korrigieren.

In der zweiseitigen Stimmung des Wiederaufbaus, in dem es sowohl selbstbewusstere Homosexuelle als auch stärkere Repressalien der Behörden gab, bauten Niek Engelschman und Jaap van Leeuwen ihre Zeitschrift zu einer Vereinigung aus, durch die sich die Leser auf kultivierte Art kennenlernen konnten: Der Amsterdamer Shakespeareclub war 1946 geboren. Der Shakespeareclub wollte nicht nur die Arbeit des NWHK fortsetzen und den gesellschaftlichen Kampf für Homosexuelle mittels Wissensverbreitung weiterführen, sondern gleichzeitig selbst als Verein ein Ort für Homosexuelle werden, sowohl zum Vergnügen als auch für die notwendige Betreuung und Hilfe. Diese zweigleisige Politik von gesellschaftlichen Aktionen auf der einen Seite und Vergnügen und Betreuung auf der anderen Seite sollte diese Organisation zeit ihres Bestehens charakterisieren. Die Abende, die verschiedene Zweige des Clubs in großen Städten organisierten, waren im Prinzip sowohl für Männer als auch für Frauen gedacht. Das blieb stets ein problematischer Punkt, in Anbetracht der Tatsache, dass die Frauen im Verein eine kleine Minderheit darstellten. Der Club blieb genau wie das NWHK überwiegend von Männern dominiert. Und wie beim NWHK das Lesbische bei der Vermittlung der Theorie des dritten Geschlechts oft aus dem Blickfeld geriet, geschah dies auch im Shakespeareclub.

COC
Pressekonferenz des Clubs für Homosexuelle in den in die Niederlanden (COC) im Jahr 1982, Quelle: NA (932-0204)

Inzwischen versuchten die Behörden den pornografischen Charakter der Zeitschrift und des Vereins zu beweisen. So besuchte die Sittenpolizei  die ersten Zusammenkünfte, auch um die Initiatoren abzuschrecken. Das misslang. Im Jahr 1948 gelang es den Behörden, die Zeitschrift wegen ihres „aufreizenden Charakters für die Jugend“ zu verbieten. Obwohl ein Teil der Mitglieder durch andauernde Polizeikontrollen eine zeitlang den Shakespeareclub mied, konnte der Verein überleben. Zum Teil war das dem Vorsitzenden Engelschman zu verdanken, der vorsichtig zwischen den gesetzlichen Grenzen zu lavieren wusste. Das Fortbestehen des Clubs in diesem repressiven Klima ging allerdings vor allem auf das Konto des damaligen Polizeichefs. Er hatte pragmatische Gründe, den Club nicht zu verbieten: Mit dem Club war es seiner Meinung nach leichter, die Unzucht zu kontrollieren, als ohne ihn. Der Verein wurde kurzerhand geduldet.[3] Danach veränderte der Shakespeareclub seinen Namen in Kultur-und Erholungszentrum (COC).

Inzwischen erkannten die homosexuellen Aktivisten, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit doch recht widerspenstig war. Obwohl in der Wissenschaft die medizinischen und psychoanalytischen Modelle von Homosexualität die Oberhand gewonnen hatten, blieben in der Politik die Stimmen laut, die homosexuelle Handlungen als Sünde betrachteten und sie so gut es ging verbieten wollten. Die Zahl der Verurteilungen aufgrund 248bis war nie zuvor so hoch, und auch Kastration  wurde in den 1950er Jahren als geeignete Therapie betrachtet, um exzessiver Sexualität zu begegnen.[4] Die Fortschritte in der Wissenschaft waren also anscheinend nicht stark genug, um gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Die Homosexuellenbewegung musste sich darum mehr auf die soziale und politische Situation selbst ausrichten. Engelschman führte im COC das Wort „homophil“ als Ersatz für „homosexuell“ ein, um das Sexuelle der Neigung weniger stark zu betonen. Dem COC ging es immer mehr um einen Kampf um Anerkennung von Homophilie als eine bestimmte Form der Liebe, die nicht im Zusammenhang mit Krankheit und Sünde betrachtet werden kann.[5]

Die Einführung der Begriffe „Homophilie“ und „homophil“ war ein Glücksgriff. Die Betonung des geistigen Aspekts der Liebe, die Homosexuelle empfanden, machte es „Seelsorgern“ einfacher, das schlechte Gewissen, das viele Homosexuelle hatten, zu relativieren. Studien zeigen, dass Mitte der 1950er Jahre Sozialarbeiter, Psychiater und andere Seelsorger ihre Haltung gegenüber homosexuellen Mitmenschen zu verändern begannen.[6]
 


[1] Vgl. Dasselbe Argument kann auch für Deutschland selbst gefunden werden in: Herzog, Dagmar: Sex after fascism. Memory and morality in twentieth-century Germany, Princeton 2005.
[2] Vgl. Tijsseling, Anna: Schuldige seks. Homoseksuele zedendelicten rondom de Duitse bezettingstrijd, Utrecht 2009 (zgl. Dissertation Utrecht 2009).
[3] Vgl. Banens, Maks: De eerste jaren van het COC, Homojaarboek 1. Artikelen over emancipatie en homoseksualiteit, Amsterdam 1981.
[4] Vgl. Boelaars, Bert: Benno Premsla. Voorvechter van homoemancipatie, 1920-1997, Bussum 2008, S. 139.
[5] Vgl. ebd. S. 126.
[6] Vgl. Oosterhuis, Harry: Homoseksualiteit in katholiek Nederland. Een sociale geschiedenis 1900-1970, Amsterdam 1992.

Autorin: Elise van Alphen
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: April 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Banens, Maks: De eerste jaren van het COC, Homojaarboek 1. Artikelen over emancipatie en homoseksualiteit, Amsterdam 1981.

Boelaars, Bert: Benno Premsela. Voorvechter van homo-emancipatie, 1920-1997, Bussum 2008.

Burgers, Clé/Fransen, Jan: Tussen verlangen en belangen. De Nederlandse homo- en lesbische beweging, in: Duyvendak, Jan Willem (Hrsg.): Vijfentwintig jaar nieuwe sociale beweging in Nederland, Amsterdam 1992, S. 186–191.

Herzog, Dagmar: Sex after fascism. Memory and morality in twentieth-century Germany, Princeton 2005.

Oosterhuis, Harry: Homoseksualiteit in katholiek Nederland. Een sociale geschiedenis 1900-1970, Amsterdam 1992.

Tielman, Rob: Homoseksualiteit in Nederland, Amsterdam/Meppel 1982.

Tijsseling, Anna: : Schuldige seks. Homoseksuele zedendelicten rondom de Duitse bezettingstrijd, Utrecht 2009 (zgl. Dissertation Utrecht 2009).

Links

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