Homosexualität in den Niederlanden im 20. und 21. JH.


IV. Das Nederlandsch Wetenschappelijk Humanitair Komitee

Obwohl die Ärzte Aletrino und Von Römer in den ersten Jahren des Nederlandsch Wetenschappelijk Humanitair Komitee (NWHK, Niederländisches Wissenschaftlich Humanitäres Komitee) eine wichtige Rolle spielten, drehte sich das Komitee vor allem um den Freiherrn Jacob Schorer. Im Jahr 1903 sah sich der junge Richter genötigt, um eine ehrenvolle Entlassung wegen einer gerichtlichen Untersuchung zu erbitten, die sich auf die Art seiner homosexuellen Kontakte zu Minderjährigen richtete. Er zog danach nach Berlin, um an Hirschfelders Institut für Sexualwissenschaft zu studieren. Wieder zurück in den Niederlanden entpuppte sich Schorer mit einer Rezension zum Artikel 248bis als echter Lobbyist. Seitdem kämpfte er fast ununterbrochen gegen die Diskriminierung Homosexueller. Dies wäre ohne seinen prominenten Familiennamen und sein Familienvermögen, das ihm trotz seiner offenen Homosexualität Türen öffnete, nicht möglich gewesen. Es war auch Schorer, der als treibende Kraft hinter der Gründung des NWHK gesehen werden muss. 248bis kam Schorer beim Start des Niederländischen Zweigs sogar gelegen. Er verschaffte ihm die bitter nötige Unterstützung von Heterosexuellen für die homosexuelle Sache. Viele Heterosexuelle lehnten dieses Gesetz jedenfalls wegen der Einmischung der Regierung in das Privatleben ab. Letztlich konnte Schorer 129 relativ bekannte Personen versammeln, die ein Plädoyer für eine gerechte Beurteilung von Uraniern unterzeichnen wollten.

Wie die deutsche Mutterorganisation verlangte das NWHK über den wissenschaftlichen Weg Gerechtigkeit. Der Glaube Schorers an die Wissenschaft kann in diesem Zusammenhang heilig genannt werden. Das NWHK verbreitete tausende Broschüren, die „bewiesen“, dass Homosexualität angeboren war. So wollte Schorer die Unhaltbarkeit der Vorstellung aufzeigen, dass Menschen durch Erfahrung oder unsittliches Verhalten homosexuell werden könnten. Der „Unwissenheit“ über Homosexualität wurde auch per Korrespondenz mit Schlüsselfiguren und Zeitungen begegnet.  Schorer, der seine eigene Homosexualität öffentlich machte, ging in seinem Plädoyer für gleiche Rechte Homosexueller weiter als die meisten Verfechter von Homosexualität in jenen Jahren. Er war einer von wenigen, die sich auch für eine völlige Gleichstellung Homosexueller und Heterosexueller aussprachen: Homosexualität war seines Erachtens nach jedenfalls „genauso rein, genauso herrlich“, „vollkommen gleich mit Heterosexualität“.[1]

Daneben wies Schorer wie viele andere Gegner von 248bis darauf hin, dass der verhasste Artikel Homosexuelle für Erpressung anfällig machte. Heranwachsende würden homosexuellen Männern leicht Geld aus der Tasche ziehen können, indem sie ihnen mit falschen Anschuldigungen drohten. Erpressungsopfer würden nicht schnell wagen, Anzeige zu erstatten, weil ihr eigener Ruf auf dem Spiel stand.[2] Verdächtigungen wegen 248bis hatten jedenfalls schwere Folgen für die Betroffenen, ob die Vergehen nun zu beweisen waren oder nicht. Der Verdächtige würde durch die Verhaftung als homosexuell bekannt werden, was nicht strafbar war, aber sicher die Karriere und das Ansehen beschädigen würde.

Das Verschicken tausender Broschüren und Jahresberichte des NWHK hatte noch ein anderes Ziel: den Homosexuellen in den Niederlanden das NWHK bekannt zu machen. Schorer erhielt viele Briefe von „Gefühlsgenossen“, denen er selbst schriftlich antwortete und die er unterstützte oder, falls nötig, an Ärzte, Pfarrer oder Anwälte weiterverwies oder zwischen Personen vermittelte.[3] Auch gab es anscheinend Pläne, eine lokale NWHK-Zweigstelle zu gründen, um Homosexuelle zusammen zu bringen. Die Sittenpolizei schob dem aber einen Riegel vor. Das bedeutete übrigens nicht, dass Homosexuelle in den Jahren zwischen den Weltkriegen nicht wussten, wie sie einander finden konnten. Sie hatten ihre eigenen Orte, um sich zu treffen: Es gab ein weitverzweigtes Netzwerk homosexueller Freundeskreise und Homosexuellenlokale. Figuren der Unterwelt verdienten daneben ihr Geld mit der Organisation homosexueller Prostitution – etwas, das Schorer und besonders Aletrino und Von Römer (der für vollständige sexuelle Enthaltsamkeit eintrat) für schlecht befanden, da dies Skandale begünstigen und der Sache der Homosexuellen schaden konnte.

Louis Couperus
Der niederländische Schriftsteller Louis Couperus war homosexuell, Quelle: Wikimediacommons

Die Angst vor Sittenskandalen bestand jedoch nicht ganz zu recht. Der größte Skandal jener Zeit, der Haager Sittenskandal 1920 , hatte die Debatte über Homosexualität nur weiter angeregt. Anlass des Aufsehens waren ein Dutzend Verhaftungen homosexueller Männer wegen angeblicher sexueller Kontakte mit Heranwachsenden. Die Presse hatte das Ereignis groß aufgebauscht, nicht zuletzt wegen der – falschen – Gerüchte zu Verwicklungen von Personen wie Prinz Hendrik  und dem Schriftsteller Louis Couperus. Nach einigen weiteren Zwischenfällen, wobei zum Beispiel ein Homosexueller ermordet wurde,  loderte die Debatte über Homosexualität so heiß, dass der damalige Justizminister erwog, homosexuelle Propaganda zu verbieten. Offensichtlich war Homosexualität in jenen Jahren ein Stück sichtbarer geworden als es den Autoritäten lieb war, und das obwohl das NWHK selbst in dieser Zeit keine Publikationen mehr verschickt hatte.

Auch in homosexuellen Kreisen selbst kam alles in Bewegung. Unabhängig vom NWHK kamen einige Initiativen zustande, um Zeitschriften herauszugeben und Homosexuelle zusammen zu bringen. Schorer stand dem immer argwöhnisch gegenüber. Sogar die Initiative seines guten Freundes Jaap van Leeuwen, 1939 zusammen mit Niek Engelschman und Han Diekmann die Zeitschrift Levensrecht für Homosexuelle  zu gründen, stieß nicht auf Schorers Zustimmung. Schorer fürchtete, dass derartige Initiativen die bereits geschwächte Homosexuellenbewegung spalten würden. Das hätte in seinen Augen das Ende der noch jungen Bewegung bedeuten können. Ungefähr ein Jahr nach dem Erscheinen der ersten Nummer von Levensrecht verschwand die Emanzipationsbewegung der Homosexuellen tatsächlich. Das hatte jedoch einen ganz anderen Grund.


[1] Vgl. Meer, Theo van der: Jonkeer mr. Jacob Anton Schorer, Een biografie van homoseksualiteit 1866-1957, Amsterdam 2007, S.121/150.
[2] Vgl. ebd. S.154.
[3] Vgl. Meer, Theo van der: Schorer, jhr. Jacob Anton (1866-1957), in: Schoffer, I./Aarts, J.F.M.C.: Biografisch Woordenboek van Nederland, 1996.

Autorin: Elise van Alphen
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: April 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Burgers, Clé/Fransen, Jan: Tussen verlangen en belangen. De Nederlandse homo- en lesbische beweging, in: Duyvendak, Jan Willem (Hrsg.): Vijfentwintig jaar nieuwe sociale beweging in Nederland, Amsterdam 1992, S. 186–191.

Meer, Theo van der: Jonkeer mr. Jacob Anton Schorer, Een biografie van homoseksualiteit 1866-1957, Amsterdam 2007.

Meer, Theo van der: Schorer, jhr. Jacob Anton (1866-1957), in: Schoffer, I./Aarts, J.F.M.C.: Biografisch Woordenboek van Nederland, 1996. Onlineversion

Oosterhuis, Harry: Homoseksualiteit in katholiek Nederland. Een sociale geschiedenis 1900-1970, Amsterdam 1992.

Tielman, Rob: Homoseksualiteit in Nederland, Amsterdam/Meppel 1982.

Tijsseling, Anna: : Schuldige seks. Homoseksuele zedendelicten rondom de Duitse bezettingstrijd, Utrecht 2009 (zgl. Dissertation Utrecht 2009).

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