IX. Unterschiede zu Deutschland


Der erste große Unterschied zur deutschen Gesetzeslage ist die Strafbarkeit überhaupt. In Deutschland ist Hilfe bei der Selbsttötung grundsätzlich nicht strafbar – es sei denn, der Gehilfe nimmt eine sog. Garantenstellung ein, d.h. trägt in einer besonderen Art und Weise, durch berufliche Funktion oder als Angehöriger, Verantwortung für das Leben der Person mit Selbsttötungsabsicht. Das bedeutet konkret: in Deutschland kann nur ein „Fremder“ und niemals ein Arzt oder ein Nahestehender ohne sich strafbar zu machen Hilfe bei der Selbsttötung leisten.
In den Niederlanden ist es genau umgekehrt: nur ein Arzt, der außerdem alle Sorgfaltskriterien einhalten und den Fall als solchen melden muss, kann dies, ohne sich strafbar zu machen, tun. In Deutschland gibt es zur Garantenstellung unterschiedliche Interpretationen des Gesetzes und auch unterschiedliche Rechtsprechung. Allgemein wird noch immer angenommen, dass die Beihilfe durch einen Arzt deswegen nicht möglich ist, weil es einem Arzt obliegt, lebenserhaltende Maßnahmen einzuleiten, wenn eine Person nicht mehr willensfähig und ihr Leben in Gefahr ist.

In den Niederlanden hingegen sieht die Regelung vor, dass der Arzt, nachdem der Patient das vom Arzt überreichte Mittel eingenommen hat, bei seinem Patienten bleibt, bis der Tod eintritt. Sollten unvorhergesehene Komplikationen auftreten (z.B. Erbrechen), ist der Arzt verpflichtet ein Mittel zu verabreichen, das den Tod mit Sicherheit herbeiführt.

Die niederländische Ärzteorganisation KNMG nimmt den Standpunkt ein, dass, wenn möglich, Hilfe bei der Selbsttötung der Euthanasie vorzuziehen ist. Dennoch beträgt die Zahl der gemeldeten Fälle weniger als 15% im Vergleich zu den gemeldeten Euthanasie-Fällen. 

Unmoralische Niederlande?

Herrschen in den Niederlanden unmoralische Zustände – ist alles erlaubt: anything goes?
Selbstverständlich nicht. Viele Niederländer, die nie für längere Zeit im Ausland gelebt haben, sind sehr erstaunt, wenn sie von den heftigen Reaktionen in manchen anderen Ländern  erfahren. Wir wissen sehr wohl, dass es zu allen brennenden gesellschaftlichen Fragen viele unterschiedliche Auffassungen und Ansichten gibt. Auch innerhalb der Niederlande, sozusagen bei den Menschen, die es unmittelbar betrifft, werden sehr unterschiedliche Meinungen vertreten. Allerdings ohne, dass das zu böswilligen und gesellschaftlich destruktiven Auseinandersetzungen führt.

In Angelegenheiten, die die Intimsphäre eines Menschen betreffen – Entscheidungen in Bezug auf das eigene Lebensende gehören zu diesem Bereich – steht einem jeden das Höchstmaß an individueller Entscheidungsfreiheit zu. Dennoch kann der gesellschaftliche Kontext nie ausgeblendet werden: die Aufrechterhaltung des Respekts für Selbstbestimmung und die Gewährleistung des Schutzes der Intimsphäre – auch von denjenigen, die dies nicht selbst wahrnehmen können – sind eine Aufgabe der Gesellschaft insgesamt.

Unter diesem Gesichtspunkt ist es selbstverständlich, dass die Debatte über die Fragen am Lebensende – und insbesondere über lebensbeendendes Handeln – in der breiten Öffentlichkeit geführt wird. Diese Debatte ist in den Niederlanden nun seit über dreißig Jahren im Gange, mit dem Augenmerk, gesellschaftliche Vereinbarungen zu treffen, die ein Maximum an individueller Entscheidungsfreiheit bei gleichzeitigem Schutz vor Missbrauch durch Transparenz und Kontrolle gewährleisten. Dieser Prozess ist auch jetzt noch nicht abgeschlossen: in dieser wichtigen und komplexen Frage wird immer wieder aufs Neue eine Abstimmung und Gewichtung nötig sein.

Die Diskussionen sind in den Niederlanden in aller Offenheit mit allen Argumenten geführt worden. Das ist sehr positiv gewesen und hat bei den Ärzten den Einblick in und das Wissen über alle Möglichkeiten, die es gibt, um das Leiden eines todkranken Patienten zu erleichtern, stark gefördert. Das gilt auch für den Bereich der Schmerzbekämpfung und andere Formen der Palliativpflege. Kein Arzt in den Niederlanden kann sagen, er wisse nichts über die vielen Aspekte des Handelns bezüglich der medizinischen Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Lebensende.

Autoren: Jeantine Lunshof und Jaap Visser
Erstellt: Februar 2004
Aktualisiert: Juni 2009