VI. Zu Hause sterben: Pflege und Palliativversorgung

Das Pflegeangebot

In den Niederlanden gibt es seit vielen Jahrzehnten ein umfassendes Angebot an häuslicher Pflege: häusliche Krankenpflege, Wochenbetthilfe, Altenpflege sowie Haushalts- und Familienhilfe. In den 50er Jahren waren die Träger meist Stiftungen oder Vereine, die kirchlich orientiert (katholisch oder protestantisch, in Amsterdam auch jüdisch) oder ausdrücklich „neutral“ waren. Seit den 70er Jahren sind diese Organisationen in öffentlich-rechtliche Institutionen mit regionalem Tätigkeitsbereich überführt worden. Ein nationaler Dachverband (Landelijke Vereniging voor Thuiszorg – LVT) legt die Standards fest und überwacht die Qualität der Dienstleistung der angeschlossenen Organisationen, die am LVT-Markenzeichen erkennbar sind. Auch private Pflegedienste können sich, wenn sie die Qualitätskriterien erfüllen, dem LVT anschließen.

Die Finanzierung für diesen Teil der Gesundheitsversorgung ist so geregelt, dass angemessene Hilfe für jeden, der ihrer bedarf, gewährleistet ist. Auch wenn die Zuzahlung eines Eigenanteils vorgesehen ist, muss niemand aus finanziellen Gründen auf diese Hilfe verzichten. Patienten, deren Zustand nach Einschätzung des behandelnden Arztes lebensbedrohlich ist, haben – nach Bedarf – grundsätzlich Anspruch auf aus den allgemeinen Mitteln finanzierte Hilfe; die Pflegeindikation und die Bedarfsermittlung werden von den Pflegespezialisten einer regionalen Koordinierungsstelle gestellt. Das größte Problem und die größte Herausforderung für die Zukunft ist die Knappheit an Pflege- und Hilfskräften. Durch die Entwicklung der Altersstruktur der Bevölkerung wird dieses Problem sich voraussichtlich noch weiter zuspitzen. Derzeitig wird in vielen Fällen ein einkommensabhängiger Eigenanteil erhoben.

Palliativversorgung

Gibt es in den Niederlanden überhaupt Palliativversorgung? Diese Frage wird im Ausland oft gestellt, wenn über die niederländische Praxis des Handelns am Lebensende gesprochen wird. Niederländer verstehen diese Frage häufig nicht, da die seit Jahrzehnten bestehenden Versorgungsstrukturen für Menschen in allen Lebenslagen – und insbesondere am Lebensende – selbstverständlich auch palliative Versorgung beinhalten. Diese selbstverständliche Einbettung hat dazu geführt, dass die Verwendung des Begriffes „Palliativ“ in „Palliativversorgung“, „Palliativstation“, „Palliativmedizin“ etc. über viele Jahren hinweg nicht üblich war. Die ersten Hospize und so genannten Bijna-thuis-huizen (Fast-(wie)-Zuhause-Häuser) gab es bereits in den 70er Jahren. Diese Einrichtungen fügten sich in das Gesamtangebot der Versorgung ein und wurden immer als integraler Bestandteil dieses Angebots betrachtet.

Die Zahl der Hospize hat in den Niederlanden in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Zur Zeit gibt es in den Niederlanden mehr als 250 Hospizeinrichtungen: kleine Einheiten in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Einrichtungen für betreutes Wohnen – auch Palliativeinheiten genannt – sowie viele kleine, selbständige Hospize. Insgesamt handelt es sich um rund 8000 Hospizplätze. Die selbständigen Hospize sind zumeist eine eigene Stiftung mit einem eigenen Haus und einer Bettenzahl, die zwischen 3 und 10 variiert. Für alle professionellen Tätigkeiten arbeitet dort meistens ein kleines Team von Krankenpflegern, vor allem aber arbeiten die Hospize für die häusliche Pflege, Begleitung und Betreuung der Patienten in ihrer letzten Lebensphase mit vielen Freiwilligen. Die medizinische Versorgung übernimmt in erster Linie der Hausarzt. Ein Palliativberater kann immer zu Rate gezogen werden. Diese Hospize erhalten zum Teil eine Unterstützung des Gesundheitsministeriums, zum Teil finanzieren sie sich durch eigene Beiträge, und sie bekommen viele Spenden von Institutionen, Organisationen und anderen Sponsoren. Die Qualität dieser klein gehaltenen Einrichtungen ist ausgezeichnet. Sie befriedigen ein immer mehr zunehmendes Bedürfnis, weil sie der Atmosphäre des eigenen Hauses nahekommen, die Menschen aber die letzten Tage oder Wochen ihres Lebens oft nicht mehr im eigenen Haus verbringen können. Die maximale Aufenthaltszeit beträgt 3 Monate.

Palliativversorgung

Im Laufe der 90er Jahren wurde, auch unter dem Einfluss internationaler Entwicklungen, der Begriff Palliativversorgung gängig. 1996 gründeten 15 Organisationen das Netwerk Palliatieve Zorg voor Terminale Patiënten, dem gegenwärtig über 100 Organisationen angehören. Die Website dieses Netzwerkes www.palliatief.nl/ – zum Portal geht es über die Schaltfläche "naar Netwerkportaal" – enthält auch Informationen auf Englisch und gibt ein gutes Bild von dem hohen Organisationsgrad und dem Maß an Professionalisierung in diesem Bereich. Das Gesundheitsministerium (Ministerium für Gesundheit, Gemeinwohl und Sport) fördert seit 1998 die wissenschaftliche Forschung und Entwicklung im Bereich der Palliativversorgung: an sechs Universitäten wurden Sonderforschungsbereiche mit jeweils eigenem Forschungsschwerpunkt eingerichtet (Amsterdam; Groningen; Nijmegen; Maastricht; Rotterdam; Utrecht).
Landesweit gibt es zahlreiche Palliativberater, die vor allem Hausärzte, aber auch Spezialisten und in der Krankenpflege Beschäftigte im Hinblick auf die Behandlung schwer kranker Patienten beraten.
Es ist in den Niederlanden in verhältnismäßig kurzer Zeit ein ausgezeichnetes Netzwerk mit Palliativeinrichtungen entstanden.
Die 9 regionalen Ganzheitlichen Krebszentren bilden pro Region ein Wissens- und Betreuungszentrum.

Terminale Thuiszorg

Der Begriff "Terminale Thuiszorg" steht für die Begleitung und Hilfestellung (zum Beispiel durch Anwesenheit und Nachtwachen) am Lebensende in der eigenen Wohnung; ein wesentlicher Teil dieser Arbeit wird von tausenden ehrenamtlichen Mitarbeitern geleistet. Bereits 1984 schlossen sich die ersten "Vrijwilligersorganisaties" zu einem nationalen Netzwerk zusammen. Heute heißt dieses Netzwerk Freiwilligenplattform für die Begleitung und Betreuung am Lebensende (VPTZ) und umfasst landesweit 180 Organisationen; in fast jeder Gemeinde kann Hilfe angeboten werden. Viele der angeschlossenen Organisationen bieten auch Unterstützung innerhalb von Pflegeheimen und Hospiz-Häusern an. Die Website ist nur auf Niederländisch, enthält aber sehr viele wichtige Links.

Autoren: Jeantine Lunshof und Jaap Visser
Erstellt: Februar 2004
Aktualisiert: Juni 2009