V. Die Molukken zwischen Föderalismus und Zentralismus

Bereits im Dezember 1942 hatte die niederländische Regierung im Londoner Exil über die Neuausrichtung der kolonialen Politik beratschlagt, wobei man sich von der antikolonialen Haltung der USA leiten ließ und eine Art Commonwealth zu gründen beabsichtigte. In einer solchen Union sollten alle Reichsteile miteinander verbunden werden, jedoch unter Beibehaltung einer gewissen Autonomie für die verschiedenen Teilstaaten. [7] Im November 1946 schlossen die Republik Indonesien und die Niederlande den Vertrag von Linggadjati, in dem sich beide Seiten auf die Gründung der Vereinigten Staaten von Indonesien einigten, die in einer Union mit den Niederlanden verbunden bleiben sollten.

Allerdings beschuldigten die Niederländer die Republik Indonesien bald des Vertragsbruchs, wodurch es im Juli und August 1947 zur ersten ‘politionele actie’ (Polizeiaktion) kam. [8] Militärisch und wirtschaftlich gesehen war diese Aktion zwar ein Erfolg, politisch gesehen jedoch ein Fiasko. Die Republik ließ sich nicht zur Einhaltung des Vertrags zwingen und negative internationale Reaktionen beschädigten das internationale Ansehen der Niederlande. Auch die Erneuerung des Vertrags von Linggadjati, der Vertrag von Renville, konnte daran nichts ändern. [9] Mit der zweiten ‚politionele actie‘ im Dezember 1948 versuchten die Niederlande erneut, die Republik zur Einhaltung der zwei Verträge zu zwingen. Wieder waren die Kampfhandlungen ein militärischer Erfolg, doch die Besetzung des gesamten republikanischen Gebiets und die Festnahme der dortigen Anführer führten dazu, dass die USA mit der Aussetzung der Marshall-Plan-Unterstützung drohten. [10] Unter diesem Druck kam es im Sommer 1949 zur ‘Round-Table-Conference’ (RTC), in der man sich auf die Gründung der unabhängigen Vereinigten Staaten von Indonesien (‘Republik Indonesia Serikat’/RIS) einigte, die in einer Union mit den Niederlanden verbunden bleiben sollten. Am 27.12.1949 erlangte Indonesien seine Unabhängigkeit und die Existenz Niederländisch-Indiens war damit vorbei. [11]

Auch für die Molukken bot die Zeit von 1945 bis 1950 die Chance auf Selbstständigkeit. Der Vertrag von Linggadjati beinhaltete den Artikel 3, welcher den Molukken die Gelegenheit bot, einen Sonderstatus für ihre Gebiete zu schaffen. Die Niederlande hatten bei diesem Artikel die Molukken beziehungsweise Ambon im Auge, da man bereits ahnte, dass man auf den Molukken auf keine große Zustimmung bezüglich eines föderalen Staates stoßen würde. Zunächst wurde jedoch im Dezember 1946 der Teilstaat ‘Negara Indonesia Timur’ (Teilstaat Ost-Indonesien/NIT) auf der Den-Pasar-Konferenz auf Bali gegründet. Dieser Teilstaat umfasste den gesamten Osten des Archipels, außer Neu-Guinea. [12] Im März 1947 stimmte der Südmolukkenrat dem Beitritt zum NIT zu. [13]

Der Beitritt zum Teilstaat Ost-Indonesien war jedoch kein Schritt in Richtung des föderalen Staates. Auf Ambon wollte man einen Sonderstatus und nicht einen Staatenverbund mit Java, geschweige denn mit der Republik, eingehen. Die Anführer der molukkischen Organisation ‘Persatoen Timoer Besar’ (Vereinigung des großen Ostens/PTB) Lukas Polhaupessy und Vigeleyn Nikijuluw äußerten bereits im April 1947 ihren Wunsch gegenüber der niederländischen Königin, das im Vertrag von Linggadjati und Den Pasar festgelegte Selbstbestimmungsrecht umsetzten zu dürfen. Diese Anfrage wurde abgelehnt, weil man den NIT nicht schwächen wollte.

Die zweite ‘politionele actie’ hatte die anti-republikanischen und separatistischen Kräfte in eine günstige Lage gebracht, da die Republik militärisch am Ende zu sein schien und dies dem Selbstbestimmungsgedanken der Molukker neuen Antrieb gab. [14] Trotz dieser guten Aussichten sollte es anders kommen. Nur kurz nach dem Übergang in die Souveränität begann die Republik Indonesien damit, zum Teil friedlich – zum Teil aber auch mit Gewalt – einen Teilstaat nach dem anderen anzuschließen, bis am 17.8.1950 der Einheitsstaat Indonesien ausgerufen werden konnte. Am 21.4.1950 war der Teilstaat Ost-Indonesien, unter militärischem Druck der Republik, ebenfalls beigetreten. Nur vier Tage nach dem Beitritt der NIT zur Republik wurde als Reaktion darauf auf Ambon die ‘Republik Maluku Selatan’ (Republik der Südmolukken/RMS) offiziell ausgerufen. Die Angst vor einer javanischen Herrschaft, einer daraus drohenden Überfremdung durch den Islam und die Loyalität zu den Niederlanden bestärkten die Südmolukken in ihrer Entscheidung, wobei man sich der Hilfe der Niederländer im Ernstfall sicher war. [15]

Die Republik Indonesien duldete die Provokation der Unabhängigkeitserklärung nicht und griff Ende September 1950 Ambon an. Anfang Dezember musste die Regierung der RMS auf die Nachbarinsel Ceram flüchten. [16] Der Versuch, internationale Hilfe und Aufmerksamkeit zu erlangen, scheiterte. Weder die Vereinten Nationen, aus Imagegründen, noch die Niederlande, aus wirtschaftlichen Gründen, kamen den Südmolukken zur Hilfe oder setzten sich für deren Belange ein. [17] Damit war ein erster Vertrauensverlust der Molukker in die Niederländer entstanden – erwarteten sie doch nach Jahrzehnten militärischer Treue und Kampf gegen die Republik die Unterstützung der Niederländer bei ihren Bestrebungen, einen eigenen Staat zu gründen.


[7] Vgl. van Baardewijk: Geschiedenis van Indonesië, S. 128.
[8] Diese ‘politionele acties’ waren Militärexpeditionen gegen die indonesischen Freiheitskämpfer 1947 und 1948/1949. Vgl. van Liempt: Een mooi woord voor oorlog, S. 9.
[9] Vgl. van Goor: De Nederlandse koloniën, S. 339 f.
[10] Vgl. Jong, J.J.P. de: De Republiek Indonesië tussen strijd en diplomatie, in: Oorlog en verzet in Nederlands-Indië 1941-1949 en de voorlichting aan de na-oorlogse generaties, Amsterdam 1989, S. 59-71, hier S. 67 ff.
[11] Vgl. Buiter: Nederlands-Indië (1830-1949), S. 139.
[12] Vgl. Drooglever: De vrijheid vanuit Ambons perspectief, S. 89.
[13] Vgl. Decker: Republik Maluku Selatan, S. 78.
[14] Ebd., S. 99 ff.
[15] Vgl. Buiter: Nederlands-Indië (1830-1949), S. 141 f.
[16] Vgl. Smeets/Steijlen: In Nederland gebleven, S. 52 f.
[17] Vgl. Decker: Republik Maluku Selatan, S. 9 f.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010