X. Ein erster Schritt in Richtung Integration? – Die ‘Zelfzorgregeling’

Den zunehmend schlechten Beziehungen zwischen den Molukkern und der niederländischen Regierung stand das CAZ gegenüber, welches ebenfalls einen zweifelhaften Beitrag zur Situation lieferte. Wie bereits erwähnt, übernahm es ab 1952 alle Aufgaben bezüglich der Versorgung der Molukker: Es regelte, wo die Molukker wohnten, welche Kleidung sie trugen und wo sie zur Schule gingen. Die Beamten des CAZ, zum Großteil ehemalige Kolonialbeamte aus Indonesien, sorgten für Ordnung und verwalteten die Angelegenheiten der Molukker ohne sich großartig um deren Probleme zu kümmern. Das Schicksal der Molukker in den Niederlanden erregte zudem kaum öffentliches oder mediales Interesse. Wenn über sie berichtet wurde, dann stets sehr positiv. Auch das Parlament, der Ministerrat und der zuständige Minister zeigten kaum Interesse und gaben dem CAZ freie Hand bei der Umsetzung der Verwaltungsaufgaben. [11]

In den ersten Jahren ihres Aufenthalts hatten die Molukker Taschengeld, sowie Essens- und Kleidungsmarken erhalten, um sich zu versorgen. Die Molukker wurden ganz bewusst vom niederländischen Arbeitsmarkt ferngehalten, da sie bald wieder nach Indonesien zurückkehren sollten. Außerdem forderten die Gewerkschaften aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit Anfang der fünziger Jahre eine Ausgrenzung der Molukker vom niederländischen Arbeitsmarkt. Die Arbeit der Molukker sollte in den Wohnorten stattfinden und sie auf ihr zukünftiges Leben als Bürger in Indonesien vorbereiten. Für einige Molukker bestand so die Möglichkeit, in ihren eigenen Wohnorten zu arbeiten, z.B. in Küchen, in Krankenhäusern und in der Verwaltung. Andere hingegen fanden Arbeit in privaten Betrieben oder arbeiteten als Saisonarbeiter bei Bauern. Das verdiente Geld war eine willkommene Aufbesserung ihres Taschengeldes, welches sie vom niederländischen Staat bekamen. Doch schnell kritisierten die Gewerkschaften diese doppelten Einkünfte und stellten die Frage, ob es gerechtfertigt sei, dass die Molukker vom Staat finanziert wurden, aber trotzdem noch Geld dazu verdienten. Infolgedessen sollten sie ab 1954 60% ihres Lohnes an den niederländischen Staat abgeben. Diese Anordnung hatte jedoch keinen Erfolg, so dass die Ausgabe von Taschengeld und Pfandmarken gestoppt wurde. Auch diese Sanktion schlug fehl, da die Molukker mit ihren Gelegenheitsarbeiten mehr Geld verdienten als der niederländische Staat ihnen zuteilte. [12]

Als immer deutlicher wurde, dass Indonesien die Molukker nicht mehr aufneh-men wollte und keine baldige Rückkehr in Sicht schien, beschloss Minister van Thiel (KVP) vom MW 1955 die Einführung der ‘Zelfzorgregeling’ und erhoffte sich durch weniger Leistungen von Seiten des CAZ Einsparungen von bis zu fünf Millionen Gulden pro Jahr. Die Molukker sollten von nun an ihren Unterhalt selbst verdienen und die Verantwortung für sich und ihre Familien tragen. Wer noch keine Arbeit hatte, sollte zum Arbeitsamt gehen und nur wer zum Arbeiten nicht in der Lage war, konnte Hilfe vom Staat in Anspruch nehmen.

Im Mai 1956 trat die ‘Zelfzorgregeling’ unter heftigen Protesten der Molukker endgültig in Kraft. Nicht selten wurden die neuen Einbauküchen mutwillig zerstört, weil in ihnen das Sinnbild für das Wegfallen der niederländischen Unterstützung gesehen wurde. Weitere Folgen waren Streiks in den Wohnorten und den privaten Betrieben, in denen die Molukker arbeiteten. In einzelnen Wohnorten verweigerten die Bewohner die Registrierung beim Arbeitsamt und ließen ihre Kinder nicht mehr zur Schule gehen.

Die Aufstände konnten die ‘Zelfzorgregeling’ jedoch nicht stoppen. Von ihr gin-gen positive wie auch negative Effekte aus, wie z.B. mehr Kontakt mit Niederländern, aber auch eine zunehmende Aussichtslosigkeit und Resignation durch die in die Ferne rückende Heimat. Die Molukker wehrten sich gegen die ‘Zelfzorgregeling’, da dies einen längeren Aufenthalt in den Niederlanden bedeutete. Sie sahen sich noch immer als KNIL-Soldaten, die auf dem Weg nach Hause waren, auf dem Weg in die RMS. Nun sollten sie sich als Gäste in einem fremden Land selbst versorgen und plötzlich an der niederländischen Gesellschaft teilhaben – nach fünf Jahren Isolation. Für die Molukker stand die Anerkennung der RMS als unabhängiger Staat im Mittelpunkt ihres Handelns, und in diesem Staat wollten sie auch leben, und nicht in den Niederlanden. [13]

Diese zweite molukkisch-niederländische Auseinandersetzung erzeugte auf Sei-ten der Molukker Gefühle tiefer Frustration, welche nicht nur in den Molukkern der ersten, sondern auch der zweiten Generation weiterlebten. [14] Auf niederländischer Seite wurden durch das Festhalten am zeitlich begrenzten Aufenthalt wichtige Entscheidungen und Vorbereitungen auf einen längeren Aufenthalt behindert. Aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit war vieles improvisiert worden, was auf kurze Sicht zwar zum Erfolg führte, die Probleme in den Jahren danach jedoch wachsen ließ.


[11] Vgl. Pollman/Seleky: Istori-istori Maluku, S. 175 f.
[12] Vgl. Pessireron: Wij kwamen hier op dienstbevel, S. 64 ff.; Smeets/Steijlen: In Nederland gebleven, S. 131 ff.
[13] Vgl. Brinke/Latupeirissa: Ceritra Saja, S. 66.
[14] Vgl. Smeets, H.: Molukkers in Nederland, Utrecht 1992, S. 40.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010