IV. Die Zeit der Dekolonisierung (1942-1950)

Für das Verhältnis zwischen Niederländern und Molukkern spielt die Zeit der Dekolonisierung eine entscheidende Rolle. Sie ist zum einen der Höhepunkt und zum anderen der erste Bruch der niederländisch-molukkischen Beziehungen. Die Dekolonisierung beendet auf der einen Seite die niederländischen Bestrebungen, eine Kolonialmacht zu bleiben und schwächt auf der anderen Seite das Vertrauen der Molukker in ihre ehemaligen Kolonialherren. Mit der Unabhängigkeit Indonesiens am 27.12.1949 und der Abtretung Neu-Guineas 1963 an Indonesien endet die Präsenz der Niederlande in Asien. [1]

Die niederländischen Kolonien im Kontext des Zweiten Weltkriegs

Der japanische Angriff auf den amerikanischen Flottenstützpunkt in Pearl Harbour am 7.12.1941 markierte den Beginn des Pazifikkrieges und war die offizielle Kriegserklärung Japans an die USA, Großbritannien und die Niederlande. Südostasien sah sich einer beispiellosen militärischen Übermacht Japans ausgesetzt und geriet in den darauffolgenden Monaten fast komplett unter den Einfluss der japanischen Herrschaft. Nur einen Monat nach Pearl Harbour griffen die Japaner am 10.1.1942 Niederländisch-Indien an. Nach nur zwei Monaten kapitulierte das KNIL am 9.3.1942 auf Java und am 28.3.1942 auf Sumatra. Die Überlegenheit der Japaner auf See und in der Luft machte es dem KNIL schwer, in allen umkämpften Gebieten gleichzeitig präsent zu sein. Für die japanische Führung war Niederländisch-Indien vor allem wegen seines Ölreichtums auf Sumatra zur Sicherstellung des Nachschubs an Rohstoffen für die militärische Ausrüstung von hoher Bedeutung.

Die Einheimischen begrüßten zunächst das Eintreffen der Japaner. Man sah sie als asiatische Freunde, die die Indonesier von der kolonialen Herrschaft der Niederländer befreien würden. An eine Rückkehr der Niederländer nach einer eventuellen Niederlage Japans glaubte niemand, und zu Beginn verstärkten die Japaner die Hoffnung der Indonesier auf eine bessere und gerechtere Administration. Diese Hoffnungen wurden jedoch sehr schnell enttäuscht, als deutlich wurde, dass die Japaner jegliche indonesisch-nationalistische Bewegung unterdrückten und die alte Verwaltung unter japanischer Führung beibehielten. [2]

Niederländer, Indo-Europäer und Bevölkerungsgruppen, die mit ihnen zusammenarbeiteten, wie Chinesen und Molukker, wurden in sogenannten ‘Jappenkampen’ interniert. [3] Bis September 1943 wurden 72.000 Niederländer und in der Zeit zwischen 1944 und 1945 nochmals weitere 70.000 Indo-Europäer, die sich weigerten, mit den Japanern zu kollaborieren, aus politischen und militärischen Gründen interniert. [4]

Als Japan am 15.8.1945 – für die Indonesier völlig überraschend – kapitulierte und die Anführer der indonesisch-nationalistischen Bewegung, Sukarno und Hatta, zwei Tage später die Republik Indonesien ausriefen, blieb eine Reaktion der Bevölkerung zunächst aus. Die Stimmung war zu Beginn nicht durchweg anti-niederländisch, und viele Indonesier freuten sich über die Befreiung von der japanischen Unterdrückung. Als jedoch ein Ende des Machtvakuums nicht in Sicht kam, rissen die Nationalisten die Macht an sich und verbreiteten über Presse und Radio Propaganda für die Republik Indonesien. Dadurch kippte im Laufe des Septembers 1945 die Stimmung gegenüber den Niederländern. In der sogenannten ‘Bersiap’-Zeit von Oktober 1945 bis Januar 1946 verloren knapp 3.500 Niederländer, Indo-Europäer, Chinesen und Molukker ihr Leben, die Teil oder Gehilfen des niederländischen kolonialen Apparats gewesen waren. [5]

Besonders hart traf es die molukkischen Militärs, welche durch ihren militärischen Einsatz während der ‘Bersiap’-Zeit die molukkische Gemeinschaft auf Java gefährdet hatten und auch nach der ‘Bersiap’-Zeit Anschlägen und Inhaftierungen ausgesetzt waren. Die beiderseitige Gewalt belastete die Beziehungen zwischen den molukkischen und den republikanischen Volksgruppen schwer. Die Ereignisse nach der japanischen Kapitulation verstärkten die Verbundenheit zwischen Molukkern und Niederländern weiter. [6]


[1] Vgl. van Goor, Indië/Indonesië van kolonie tot natie, S. 117.
[2] Vgl. Jong, J.P. de, De waaier van het fortuin. Van handelscompagnie tot koloniaal imperium. De Nederlanders in Azië en de Indonesische Archipel 1595-1950, Den Haag 1998, S. 574.
[3] Die Jappenkampen waren Kasernen, alte Baracken, Gefängnisse aber auch ganze Ghettos in bestimmten Stadtteilen. Durch die schlechten Lebensbedingungen in den Lagern überlebten viele diese nicht. Vgl. Buiter, Nederlands-Indië (1830-1949), S. 121; Goor, J. van, De Nederlandse koloniën. Geschiedenis van de Nederlandse expansie, 1600-1975, Den Haag 1993, S. 317.
[4] Vgl. van Baardewijk Geschiedenis van Indonesië, S. 117.
[5] Vgl. de Jong, De waaier van het fortuin, S. 586. ‘Bersiap’! (Sei bereit!) war der Schlachtruf der pemuda´s, die eine Gruppe von Jugendlichen waren, die mit Messern und Sperren bewaffnet die Straßen unsicher machten. Vgl. Heshusius, C.A., ‘Bersiap’ en het militiar gebeuren, gezien vanuit Nederlands perspectief (1945-1949), in: Oorlog en verzet in Nederlands-Indië 1941-1949 en de voorlichting aan de na-oorlogse generaties, Amsterdam 1989, S. 29-55, hier S. 32 f.; Zweers, L., Indië voorbij, Zutphen 1998, S. 11 f.
[6] Vgl. Drooglever, De vrijheid vanuit Ambons perspectief, S. 88.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 201