XX. Die dritte Generation der Molukker – Stagnierende Integration

Um die Situation der dritten Generation der Molukker zehn Jahre nach der letzten Untersuchung mit harten Zahlen zu analysieren, gaben das niederländische Innenministerium und der ‛Landelijke Steunpunt Educatie Molukkers’ (LSEM) dem ISEO in Rotterdam erneut den Auftrag, die molukkische Minderheit in Hinblick auf Bildung, Arbeitsmarkt und soziale Kontakte zu untersuchen. Im Allgemeinen wurde erwartet, dass sich die positiven Voraussagen aus dem Jahr 1990, insbesondere für die Integration der dritten Generation der Molukker, erfüllen würden. Doch bereits der Titel des Berichts Molukse jongeren in Nederland. Integratie met de rem erop verriet das Gegenteil. Der Bericht von Justus Veenman sprach von einer stagnierenden Integration der Molukker.

Der positive Trend für die Molukker auf dem Arbeitsmarkt schien sich zunächst jedoch fortzusetzen. Gegenüber den Zahlen von 1990 war die Arbeitslosenquote unter Molukkern zum Jahr 2000 von 15% auf 3,8% gesunken und wich nur wenig von der bei 3,7% liegenden niederländischen Arbeitslosenquote ab. [36] Der wichtigste Faktor für die stark gesunkene Arbeitslosigkeit unter Molukkern war die gute wirtschaftliche Lage in den Niederlanden Ende der neunziger Jahre – ein gestiegenes Bildungsniveau der Molukker war nicht ausschlaggebend.

Die Gründe für die noch bestehende Arbeitslosigkeit waren meist das Ende von zeitlich befristeten Verträgen sowie Schließungen und Umstrukturierungen in Betrieben, in denen die Molukker arbeiteten. Obwohl der Anteil der im industriellen Sektor arbeitenden Molukker von 1990 bis 2000 um 11% auf 29% gesunken war und im Dienstleistungssektor eine Steigerung von 15% auf 65% festgestellt werden konnte, blieb die Arbeitsmarktsituation der Molukker strukturell gesehen schwach. [37] Vor allem jüngere Molukker, womit die dritte Generation der Molukker gemeint war, verdienten weniger, hatten öfter zeitlich befristete Verträge, einen niedrigeren Anteil am Dienstleistungssektor und eine schlechtere Berufsausbildung als ihre niederländischen Kollegen. Diese Tatsachen gefährdeten die Molukker in dem Sinne, dass sie in den Zeiten einer Rezession, wie sie bereits Ende der siebziger Jahre aufgetreten war, als erste ihre Jobs verlieren und erst wieder in wirtschaftlich guten Zeiten Arbeit finden würden. [38]

Der pessimistische Titel der Untersuchung von 2000 bezog sich jedoch hauptsächlich auf die schlechten Zahlen der dritten Generation der Molukker im Bereich der Bildung. Die Vermutung, dass die dritte Generation, welche sich 1990 zum Großteil noch in der Ausbildung befand, eine bessere Startposition auf dem Arbeitsmarkt haben würde als ihre Eltern, erfüllte sich 2000 nicht. Auch bei der dritten Generation der Molukker bekamen über 80% der Grundschulabgänger die Empfehlung, als weiterführende Schule eine Berufs- oder Realschule zu besuchen, und 22% verließen die weiterführende Schule als Drop-outs ohne Abschluss. Diese Zahlen zeigten, dass die Leistungen der dritten Generation der Molukker im Bildungssektor kaum besser waren als die der ersten Generation, und sogar schlechter als die der zweiten Generation. [39]

Die Gründe für den Bildungsrückstand der molukkischen Jugendlichen zwischen 15 und 30 Jahren waren vielseitig. Es war deutlich, dass eine schwache sozial-ökonomische Situation die Bildungschancen der jugendlichen Molukker behinderte. Doch auch das Bildungssystem an sich verkomplizierte den erfolgreichen Abschluss der Schullaufbahn eines molukkischen Jugendlichen. Auf den Schulen wurde zu wenig auf die Molukker eingegangen, und am Ende der Grundschulzeit kam es oft zu falschen Empfehlungen für die Wahl der weiterführenden Schule. Dadurch, dass der niederländische Unterricht auch in den Naturwissenschaften immer stärker sprachlich ausgerichtet war, zeigte sich das noch immer niedrige Sprachniveau der Molukker. Die meisten Eltern der Jugendlichen der dritten Generation hatten es meist nicht auf höhere weiterführende Schulen geschafft, wodurch ihnen das Wissen über das gesamte niederländische Bildungssystem und die damit verbundenen Möglichkeiten verwehrt geblieben waren. Folglich konnten sie nichts davon an ihre Kinder weitergeben.

Zu den genannten Gründen für den Rückstand der Molukker im Bildungssektor kam deren Identität. Für viele Niederländer waren Molukker normale Ausländer, doch vor allem die jungen Molukker fühlten sich weder als Niederländer, noch als Ausländer. Sie waren Molukker und wollten sich damit von den Niederländern absetzen. Sie waren anders und wollten dies auch sein und zeigen, um ihre Kultur und Geschichte zu bewahren. [40] Doch wer sich mehr als Molukker fühlte, hatte auch mehr Kontakt mit der eigenen molukkischen Gruppe und weniger mit Niederländern, was wiederum zu einem größeren sozialen Abstand zur niederländischen Gesellschaft führte. Die dritte Generation der Molukker war zwar wesentlich moderner als ihre Eltern und Großeltern, doch noch immer spielten traditionelle molukkische Werte eine große Rolle. Diese Faktoren führten dazu, dass seit 1995 von einer stagnierenden Integration gesprochen werden kann und dass die Suche der dritten Generation nach ihren Wurzeln den Kontakt mit den Niederländern und damit die soziale Integration im Jahr 2000 verminderte. [41]

Das LSEM sah in der Politik der Regierung einen der Hauptgründe für die schwachen Ergebnisse von 2000. Die Molukkerpolitik war in den neunziger Jahren immer allgemeiner geworden, währenddessen die Verantwortlichkeiten für die Bildung der Molukker dezentralisiert wurden. Dies hatte immer mehr dazu geführt, dass die Aufmerksamkeit für die Bildung der Molukker gesunken war. [42] Bereits 1990 schrieb Bartels, dass die niederländische Regierung nicht den Eindruck haben sollte, dass mit der ‘Gezamenlijke Verklaring’ von 1986 die Molukker sich tatenlos jeglicher Politik beugen oder anpassen würden. [43] Im Jahr 2000 schien diese Aussage von Bartels zum Teil eingetroffen zu sein. Auslöser hierfür war der Rückgang der Aufmerksamkeit auf die molukkische Gemeinschaft in den neunziger Jahre gewesen.

Mithilfe der Ergebnisse des Berichts von Veenman lässt sich sagen, dass trotz aller Erwartungen die Molukker im Jahr 2000 keine vollständig integrierte Minderheit waren. Hierbei fällt auf, dass aufgrund der von der niederländischen Regierung geführten Politik der Eindruck einer vollständigen Integration vermittelt wird. Bei näherer Betrachtung wird jedoch sehr schnell deutlich, dass die Bildungsrückstände und die strukturell schwache Arbeitsmarktsituation der Molukker in Zeiten wirtschaftlicher Rezession zu einer stark steigenden Arbeitslosenquote und dadurch zur Desintegration der Molukker führen können.


[36] Vgl. Veenman, Molukse jongeren in Nederland, S. 76 f.; Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS), online unter http://www.cbs.nl/nl-NL/menu/themas/arbeid-sociale-zekerheid/publicaties/artikelen/archief/2001/2001-0716-wm.htm, eingesehen am 27.3.2010.
[37] Vgl. Veenman, Molukse jongeren in Nederland, S. 82.
[38] Vgl. Veenman, Molukse jongeren in Nederland, S. 85; 96 f.
[39] Vgl. Veenman, Molukse jongeren in Nederland, S. 23; 46; 58.
[40] Vgl. Calseijde, S. van de/Leur, W. de, Wij zijn de geschiedenis van Nederland. Molukse jongeren en identiteit in de multi etnische samenleving, Utrecht 1998, S. 119 f.
[41] Vgl. Veenman, Molukse jongeren in Nederland, S. 25 f.; 120; 140 f.
[42] Vgl. LSEM, De rem eraf en bijsturen, S. 42 f.
[43] Vgl. Bartels, Ambon is op Schiphol, S. 552.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010