XIX. ‛Kerusuhan’ [27]  – Krieg auf den Molukken und die Reaktionen in den Niederlanden

Nachdem 1978 mit der ‘Molukkersnota’ und 1986 mit der ‘Gezamenlijke Verklaring’ wichtige Maßnahmen für eine Integration der Molukker gemacht worden waren, wurde in den neunziger Jahren die Unterstützung der Molukker weitestgehend eingestellt. [28] In der ‘Contourennota’ von 1994 wurde verfügt, dass die Molukker aufgrund ihrer geringen Zahl nicht länger Teil der Minderheitenpolitik sein würden. [29] Nach Protesten von Seiten der molukkischen Organisationen blieb die molukkische Gemeinschaft ein Teil der Minderheitenpolitk, wenn auch nicht als vorrangige Gruppe. Nach 1994 folgten weitere Sparmaßnahmen: 1995 wurde das IWM aufgelöst und die Subventionen für die molukkische Zeitschrift Marinjo wurden gestrichen. Auch im Bereich des Arbeitsmarktes passierte nach dem ‘Duizend-banenplan Molukkers’ nur noch wenig. Obwohl die Ergebnisse der Untersuchungen von 1990 gezeigt hatten, dass die Arbeitslosigkeit unter Molukkern noch immer doppelt so hoch lag wie unter den Niederländern, war von einigen Ministerien zu vernehmen, dass die Molukker integriert und spezielle Maßnahmen nicht mehr nötig seien.

Dieser Rückgang der Aufmerksamkeit für die Molukker geschah in relativ kurzer Zeit und gab den Molukkern erneut das Gefühl, ihrem Schicksal überlassen zu werden. Hierbei bestand die Sorge, dass der in den achtziger Jahren in Gang gekommene Integrationsprozess stagnieren oder rückläufig werden würde. Einen neuen Impuls für das Thema der RMS bekam die dritte Generation als im Januar 1999 auf der Insel Ambon ein blutiger Bürgerkrieg ausbrach. Durch den Sturz des Suharto-Regimes 1998 entstand ein Machtvakuum, durch welches der riesige Einheitsstaat Indonesien, der 1950 erschaffen worden war, ins Wanken geriet. Die Folge war die Entstehung von Konflikten mit ethnischem und religiösem Charakter, die im gesamten Einheitsstaat für Unruhen sorgten. [30]

Durch die Orientierungsreisen und die daraus resultierenden Hilfsprojekte, die seit Ende der siebziger Jahre unternommen wurden, hatte der Konflikt großen Einfluss auf die Molukker in den Niederlanden. Für sie war es nicht vorstellbar, dass es auf den Molukken zu einem Konflikt zwischen Christen und Moslems kommen konnte, und sie verwiesen auf die jahrhundertealte Tradition friedlicher Koexistenz und Toleranz der beiden Religionen. Durch neue Medien wie Internet und Handys fanden Neuigkeiten aus dem Krisengebiet schnell ihren Weg in die Niederlande.

Mit Schweigemärschen und Spendenaktionen versuchten die Molukker in den Niederlanden, auf die Situation auf den Molukken aufmerksam zu machen und Hilfe zu leisten. [31] Die Molukker mussten jedoch feststellen, dass die niederländische Öffentlichkeit wenig Interesse am Konflikt auf den Molukken hatte. [32] Die Demonstrationen der Molukker wurden zudem falsch interpretiert: Ging es den Molukkern allein um die Aufmerksamkeit für den Konflikt auf den Molukken, so dachte man in den Niederlanden, dass es um die schlechte sozialökonomische Lage und die Integration der Molukker in den Niederlanden ginge. Nachdem der Konflikt bereits zwei Jahre angedauert hatte, wurden die Aussagen und Forderungen einzelner molukkischer Jugendlichen an die niederländische Regierung, welche sich nicht in den Konflikt auf den Molukken einmischen wollte, radikaler. Ihrer Forderung, dass Ministerpräsident Wim Kok sich vor dem UN-Sicherheitsrat für eine Eingreiftruppe stark machen sollte, wurde nachgegeben. Durch diesen kleinen Erfolg stellten die molukkischen Jugendlichen fest, dass sie, je radikaler sie sich äußerten, umso mehr mediale Aufmerksamkeit bekamen. Dabei benutzten sie in der Diskussion um den Konflikt auf den Molukken noch immer die KNIL-Rechte und die Terminologie der siebziger Jahre, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. [33]

Die niederländische Zurückhaltung wurde als undankbar und als Wahrung der eigenen wirtschaftlichen Interessen gegenüber Indonesien empfunden. Gleichzeitig wurde erneut auf die Ehrenschuld der Niederländern gegenüber den Molukkern und den Molukken verwiesen. Hierbei fiel auf, dass die Reaktionen der dritten Generation auf die ausbleibende Unterstützung der niederländischen Regierung für die Molukken stark den Reaktionen der ersten und zweiten Generation in Bezug auf die ausgebliebene Unterstützung bei deren Verwirklichung ihrer damaligen politischen Ideale ähnelten. [34]

Durch die Unruhen auf den Molukken und die Reaktionen der Molukker in den Niederlanden wurde deutlich, dass die langsam wachsende Identifikation der Molukker mit der niederländischen Gesellschaft 1999 einen Rückschlag erlitt. Die mangelnde Solidarität der niederländischen Bevölkerung führte, besonders unter den jungen Molukkern der dritten Generation, zu einer negativen Stimmung gegenüber den Niederlanden und behinderte den Integrationsprozess. [35]


[29] Die molukkische Gemeinschaft wurde 1998 auf rund 42.000 bis 43.000 Personen geschätzt. Vgl. Beets/Walhout/Koesoebjono: Demografische ontwikkeling van de Molukse bevolkingsgroep in Nederland, S. 14.
[30] Vgl. Steijlen: Kerusuhan, S. 9; Manuhutu, W.: Een jaar geweld op de Molukken: een terugblik, in: Manuhutu, W./Meuleman, J./ Nordholt, N./Willemse, J.: Maluku Manis, Maluku Menangis. De Molukken in crisis. Een poging tot verklaring van de geweldexplosie op de Molukken, Utrecht 2000, S. 7-19, hier S. 11.
[31] Vgl. Steijlen: Molukkers in Nederland, S. 247.
[32] Vgl. LSEM: De rem eraf en bijsturen, S. 9 f.
[33] Vgl. Steijlen: Kerusuhan, S. 27 ff.
[34] Vgl. Veenman: Molukse jongeren in Nederland, S. 56 f.
[35] Vgl. Steijlen: Muziek en literatuur als scharnier voor integratie, S. 16.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010