II. Von einzelnen Handelsposten zur Kolonisierung des indonesischen Archipels (1600-1942)

Um verstehen zu können, warum Mitte des 20. Jahrhunderts eine große Zahl von molukkischen Militärs in die Niederlande kam, gilt es zunächst zu klären, aus welchen Gründen die Niederlande ein so großes Interesse am indonesischen Archipel hatten und sich darum für Jahrhunderte – zunächst mit Stützpunkten bis später zur kompletten Kolonisierung – dort niederließen.

Im Vordergrund steht die Rolle der Bewohner der südmolukkischen Insel Ambon, welche am längsten und intensivsten Kontakt mit den niederländischen Händlern, Siedlern und Verwaltern hatten und Ende des 19. Jahrhunderts eine enge Verbindung mit den Niederländern einging. Die gemeinsame Geschichte von Molukkern und Niederländern beginnt nicht erst 1950, sie beginnt bereits viel früher und kann Erklärungen für die Entwicklung der Molukker in den Niederlanden geben. Sie ist Teil der schwierigen Migration und Integration und muss daher ab dem 17. Jahrhundert behandelt werden.

Niederländische Interessen in ‘Oostindië’ und der Aufstieg zur Kolonialmacht

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts trieb die Nachfrage nach Gewürzen wie z.B. Muskatnuss und Gewürznelken in Europa Investoren dazu, ihr Geld in die Schifffahrt nach Indonesien zu investieren. Zudem hatten bereits viele niederländische Kauf- und Seeleute im Dienste der Portugiesen das Wissen und die Möglichkeiten des Ostindienhandels kennengelernt. In den Jahren 1595 bis 1601 verließen über 65 Schiffe die Niederlande in Richtung Ostindien. Als deutlich wurde, dass die einzelnen Unternehmungen untereinander konkurrierten und dies zu steigenden Einkaufspreisen und sinkenden Verkaufspreisen führte, gründete man 1602 die ‘Verenigde Oost-Indische Compagnie’ (Vereinigte Ostindische Kompanie/VOC), verwaltet von den ‘Heren Zeventien’. [1]

Batavia in Leylstad Nachbau eines VOC-Schiffes
Batavia in Leylstad Nachbau eines VOC-Schiffes
© Heß

Der niederländische Kolonialismus in Ostindien begann mit der Gründung der Stadt Batavia 1619. Doch erst circa zwei Jahrhunderte später fand eine intensive Prägung binnenländischer Gebiete durch politische und wirtschaftliche Faktoren statt, die zu territorialer Kolonialherrschaft führte. [1a] Zu Zeiten der VOC spricht man von Niederländisch-Indien als einer Stützpunktkolonie. Damit ist eine Form der maritimen Expansion mit planmäßiger Anlage von militärisch geschützten Handelsposten gemeint, ohne binnenländische Kolonialbestrebungen und militärische Landnahme. Diese Art der Kolonie diente einzig und allein der Sicherung einer Handelshegemonie. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wandelte sich der Kolonialtypus in eine Beherrschungskolonie zum Zweck des nationalen und internationalen Prestigegewinns und zur wirtschaftlichen Ausbeutung.

Auf der Suche nach einer Machtzentrale für die VOC setzte sich Jan Pieterszoon Coen 1619 im Kampf um Jakarta gegen Engländer und einheimische Fürsten durch. Nach der Errichtung einer Basis für die VOC galt der nächste Schritt dem Ausschalten der Konkurrenz im Kampf um ein Gewürzmonopol. Ein solches Monopol erreichte man nur auf den Molukken. Auf diesen Inseln war der Anbau von Muskatnuss, Muskatblüten und Gewürznelken besonders lukrativ und man versuchte, sich mit Verträgen die exklusiven Rechte für die Lieferung von Gewürzen von den Einheimischen an die VOC zu sichern. Nachdem deutlich wurde, dass diese Verträge zum Nachteil der einheimischen Bevölkerung waren, kam es zum Konflikt. Der Generalgouverneur Jan Pieterszoon Coen reagierte daraufhin mit der Ermordung und Deportation der Bewohner der zu den Molukken gehörenden Banda-Inseln und verteilte das Land an ehemalige VOC-Mitarbeiter. [2]

Unterdessen breitete sich die VOC weiter im östlichen Archipel aus. Die Niederlassungen der anderen europäischen Handelskonkurrenten wurden nacheinander erobert. Im 18. Jahrhundert stagnierte die Ausweitung der VOC, vor allem durch die Konzentration auf den Handel. Konflikten, die den Handel nicht direkt betrafen, ging man aus dem Weg. [3] Die Niederländer besetzten nur einzelne Küstenstreifen, aus den Geschehnissen im Landesinneren hielten sie sich heraus. Einzig auf den Molukken kam es bereits Mitte des 17. Jahrhunderts zur nahezu vollständigen Inbesitznahme des Gebietes.

Trotz steigender Einkünfte in Europa stiegen die Produktionskosten für Gewürze in Asien gegen Ende des 18. Jahrhunderts so sehr, dass die VOC begann, rote Zahlen zu schreiben. [4] Der vierte Niederländisch-Englische Seekrieg (1780-1784) besiegelte den Niedergang der VOC, nicht zuletzt durch die Kaperung der Retourflotte der VOC. Im März 1796 wurde die VOC mit einer Schuldenlast von 219 Mio. Gulden verstaatlicht, und nach dem Ende des Handelsmonopols auf den Asienhandel wurde die VOC 1799 aufgelöst. Die Batavische Republik (1795-1806) übernahm die Verwaltungsaufgaben der VOC in Asien. [5] Um den Handel wieder in Gang zu bringen, gründete König Wilhelm I. 1824 die ‘Nederlandse Handelsmaatschappij’ (Niederländische Handelsgesellschaft/NHM). [6] Diese besaß das Monopol auf den Transport und Verkauf der Kolonialregierungsprodukte, welche aus dem 1830 eingeführten ‘Cultuurstelsel’ generiert wurden. [7]

Hatte man sich bis 1870 darauf konzentriert, verschiedene koloniale Enklaven zu behaupten, so begann mit dem Atjehkrieg (1873-1904) eine Wende hin zu einer Expansionspolitik. [8] Eine beachtliche Verbesserung der Infrastruktur führte zur allumfassenden Herrschaft über den gesamten Archipel im Jahr 1914. [9] Außerdem wurde Niederländisch-Indien für einzelne Unternehmer geöffnet. In wirtschaftlicher Hinsicht gewann Niederländisch-Indien ab 1870 an Bedeutung für das Mutterland. Die intensive Ausbreitung der Niederländer auf dem Archipel, das 1830 eingeführte ‘Cultuurstelsel’ und das Aufbrechen des Handelsmonopols waren eng mit dem wirtschaftlichen Wachstum der Niederlande verbunden. Industriezweige, wie der Schiffbau und die Textilindustrie, bekamen neue Impulse. Das Ende des Monopols der NHM hatte jedoch zur Folge, dass der Handel zwischen den Niederlanden und seiner Kolonie abnahm. Die 1920er Jahre standen für ein bis dahin unbekanntes Wachstum der Wirtschaft in der niederländischen Kolonie. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 beendete jedoch dieses Wachstum des Wohlstandes und warf Niederländisch-Indien als Exportnation weit zurück.

In der Thronrede von 1901 verkündete Königin Wilhelmina die ‘ethische Politik’. Ziel dieser Politik war die Verbesserung der sozialen Situation der Einheimischen in Bezug auf die Lebensbedingungen, die medizinische Versorgung, das Rechtssystem und die Bildung, damit man auf lange Sicht Niederländisch-Indien in die Unabhängigkeit entlassen könne. Gleichzeitig beinhaltete diese Politik aber auch, dass sich die niederländische Verwaltung überall in Niederländisch-Indien festigen musste, um das Archipel nach europäischem Model zu reformieren. [10] Durch die Einführung der ethischen Politik und die daraus resultierende Verbesserung des Bildungssystems sowie durch die Einführung von Stipendien für ein Studium in den Niederlanden wurden der Nationalismus und der Wille zur Freiheit unter der einheimischen Bevölkerung gefördert. [11]


[1] Vgl. Baardewijk: F. van, Geschiedenis van Indonesië, Zutphen 1998, S. 57. Aufgeteilt auf die einzelnen Handelsmetropolen der Niederlande ergab sich innerhalb der Heren XVII. folgende Gewichtung: Amsterdam 8, Seeland 4 und Rotterdam, Delft, Hoorn, Enkhuizen jeweils einen Sitz. Das siebzehnte Mitglied wurde abwechselnd von Seeland oder einem der kleineren Vertretungen gestellt. Vgl. Spruit, R.: J.P. Coen. Dagen en daden in dienst van de VOC, Houten 1987, S. 20.
[1a] Vgl. Osterhammel, J.: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen, München 2006, S. 32.
[2] Vgl. Spruit: J.P. Coen, S. 70 ff.
[3] Vgl. van Baardewijk: Geschiedenis van Indonesië, S. 60.
[4] Vgl. Hoogstraten: Nederlanders in Nederlands-Indië, S. 26.
[5] Vgl. Gaastra: De geschiedenis van de VOC, S. 170.
[6] Vgl. van Baardewijk: Geschiedenis van Indonesië, S. 64.
[7] Vgl. Buiter: Nederlands-Indië (1830-1949), S. 27 ff. Das ‘Cultuurstelsel’ beinhaltete, dass ein Fünftel des von den Niederlanden verpachteten Bodens für die Produktion von Gütern (wie z.B. Kaffee, Zucker, Indigo) für den europäischen Markt bestimmt war.
[8] Vgl. Habiboe, R.R.F.: Ambonese belangen en koloniale politiek, in: Knaap, G./Manuhutu, W./Smeets, H.: Sedjarah Maluku. Molukse geschiedenis in Nederlandse bronnen, Amsterdam 1992, S. 55-82, hier S. 56.
[9] Vgl. Buiter: Nederlands-Indië (1830-1949), S. 51.
[10] Vgl. van Baardewijk: Geschiedenis van Indonesië, S. 74. Weitere Informationen zur ethischen Politik in Niederländisch-Indien finden sich in Goor, J. van, Indië/Indonesië van kolonie tot natie, Utrecht 1987, S. 27-37.
[11] Vgl. Hoogstraten: Nederlanders in Nederlands-Indië, S. 67.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010