XVI. Kulturelle vs. strukturelle Integration – Arbeitslosigkeit als Integrationsbremse

Von den molukkischen Militärs und deren Ehefrauen, die 1951 in die Niederlande gekommen waren, hatten die meisten nur ein paar Jahre malaiisch- oder eventuell niederländischsprachige Volksschulen besucht. Zu Beginn ihres Aufenthaltes in den Niederlanden wurden der ersten Generation der Molukker jedoch keine Kurse angeboten, die ihr Bildungsniveau erhöhen sollten, sondern nur berufsvorbereitende Kurse für ein Leben auf den Molukken. Durch intensive Begleitung der molukkischen Kinder und Jugendlichen erhoffte sich die niederländische Regierung, einen Grundstein auf dem Weg zu einem stetig steigenden Bildungsniveau der molukkischen Schüler gelegt zu haben. In Wirklichkeit sollte in der Praxis der Bildungsrückstand der Molukker lange Zeit bestehen bleiben. [5] Aus dem Bericht der Commissie Verwey-Jonker ging hervor, dass im Schuljahr 1957/58 in der Altersgruppe von 12-20 Jahren bei den Jungen 70,1% und bei den Mädchen 69,3% nur eine niedrige Berufsausbildung antraten. [6] Unter den niederländischen Schülern in dieser Altersgruppe wurde diese Form der Ausbildung bei den Jungen von 36% und bei den Mädchen von 35,7% gewählt. [7]

Aus den Zahlen des CBS über das Bildungsniveau der molukkischen Erwerbstätigen aus dem Jahr 1983, welche der Soziologe Justus Veenman 1990 anführt, geht hervor, dass die Zahlen der Commissie Verwey-Jonker 1983 noch immer Aktualität besaßen. Laut dem CBS hatten rund 85% der erwerbstätigen Molukker 1983 eine niedrige Berufsausbildung, gegenüber 47% bei den niederländischen Erwerbstätigen. [8] Die Gründe für das damalige niedrige Bildungsniveau der molukkischen Jugendlichen waren vielseitig. Zum einen wussten molukkische Jugendliche nicht, was sie später werden wollten und hatten dadurch nur eine sehr begrenzte Berufsperspektive bei der Wahl ihrer Ausbildung. Zum anderen fehlte es ihnen durch die beschriebene Perspektivlosigkeit zudem an einer nötigen Lebensplanung, die auf ein bestimmtes Ziel gerichtet war. Des Weiteren spielte Gruppenzwang eine wichtige Rolle. Viele jüngere Schüler folgten den Älteren in die einfacheren Bildungswege, um Teil ihres Freundeskreises und der molukkischen Gemeinschaft bleiben zu können. [9] Folge der längeren und schlechteren Ausbildung waren geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, verstärkt durch einen hohen Prozentsatz von sogenannten ‛Drop-outs’, Jugendlichen, die die weiterführende Schule ohne Abschluss beendeten – bei den Männern waren davon 30% und bei den Frauen 20% betroffen. [10]

Die Behandlung der Bildungsproblematik der Molukker ist von großer Wichtigkeit in Bezug auf deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Aus Zahlen der Commissie Verwey-Jonker vom 1.7.1958 geht hervor, dass zu dieser Zeit 25% der Molukker arbeitslos waren. Die Gründe dafür waren 1958 noch Arbeitsverweigerung und die abgelegene geographische Lage der Wohnorte, die es für molukkische Arbeitssuchende unmöglich machten, Arbeit zu finden. [11] Bereits damals waren die Molukker am meisten im industriellen Sektor zu finden, was 1983 von Veenman erneut bestätigt wurde. Veenman fasst seine Ergebnisse folgendermaßen zusammen: ‚Grob gerechnet [...] kann festgestellt werden, dass die Männer vor allem an den Maschinen und die Frauen – sei es auch in geringerem Maße – hinter den Schreibtischen zu finden sind.’ [12]

Ende der siebziger Jahre traf die einsetzende wirtschaftliche Rezession besonders die im industriellen Sektor vertretenen Molukker. Die Folge war eine stark steigende Arbeitslosigkeit unter Molukkern. 1983 waren 38% der Molukker arbeitslos. Zusätzlich traf die Rezession vor allem die jungen Molukker mit einer Arbeitslosenquote von 48%. [13]
Einen ersten Schritt zur Senkung der Arbeitslosigkeit machte das IWM, welches Projekte im Bau-, Textil- und Verwaltungssektor förderte, um arbeitslosen Molukkern nach ihrer langen Zeit der Arbeitslosigkeit den Weg in das Berufsleben zu ebnen. Es kam dabei zu intensiver Zusammenarbeit zwischen molukkischen Institutionen und den niederländischen Gemeinden und Ministerien.[14]

Das Problem der Arbeitslosigkeit ging zudem Hand in Hand mit dem zunehmenden Drogenmissbrauch innerhalb der Gemeinschaft der jungen Molukker. Nach Schätzungen aus dem Jahr 1981 waren 10% der molukkischen Jugendlichen zwischen 18 und 24 heroinsüchtig, eine Zahl, die doppelt so hoch lag wie bei surinamischen und zehnmal so hoch wie bei niederländischen Jugendlichen in dieser Zeit. [15]

Mit dem Ende der Radikalisierung und der ‘Molukkersnota’ wurde zwar ein Neubeginn in den Beziehungen zwischen Molukkern und Niederländern geschaffen, dieser wurde jedoch durch Probleme in der strukturellen Integration gebremst. Der Grund dafür, dass die Fortschritte in der kulturellen und der strukturellen Integration so weit auseinander drifteten, wird deutlich durch den Blick zurück in die Vergangenheit. Bereits im Bericht der Commissie Verwey-Jonker wurde auf die schwache Stellung der Molukker im Bereich der Bildung und des Arbeitsmarktes hingewiesen. Nachdem sich die negative Entwicklung im Bildungssektor fortsetzte, schien sich die Lage im Bereich des Arbeitsmarktes stetig zu verbessern. Die niederländische Regierung übersah jedoch die generell günstigen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt in den fünfziger und sechziger Jahren, wie auch den hohen Anteil der Molukker im konjunkturabhängigen sekundären Sektor.

Für die Integration der Molukker in den Niederlanden hatte die hohe Arbeitslosigkeit eine bremsende Wirkung. Wer arbeitslos war, zog sich in den Familienkreis zurück und blieb demzufolge in den Wohnvierteln, in denen die Arbeitslosigkeit am höchsten war. [16]  Die zunehmende Frustration über die Langzeitarbeitslosigkeit führte vor allem bei Jugendlichen zu der beschriebenen Drogenproblematik und zu Kriminalität – was im Umkehrschluss das Bild der Molukker in der niederländischen Gesellschaft negativ beeinflusste und die erfolgreichen Molukker auf ihrem Weg zur Integration behinderte.


[5] Vgl. Straver, H.: Oog voor Molukse leerlingen. Pleidooi voor verbetering van de onderwijspositie van Molukkers, Utrecht 2005, S. 30.
[6] Unter einer niedrigen Schul- oder Berufsausbildung werden in dieser Arbeit Abschlüsse der niederländischen Hauptschulen (Ulo) und Berufsfachschulen (Lbo) und im entferntesten Sinne auch der Realschulen (Mavo/Havo) verstanden. Die Erklärungen zu den Abkürzungen finden sich im Abkürzungsverzeichnis.
[7] Vgl. Verwey-Jonker: Ambonezen in Nederland, S. 34; Straver: Oog voor Molukse leerlingen, S. 30.
[8] Vgl. Veenman, J.: De arbeitsmarktpositie van allochtonen in Nederland, in het bijzonder van Molukkers, Groningen 1990, S. 174.
[9] Vgl. Veenman: De arbeitsmarktpositie van allochtonen in Nederland, S. 184 ff.
[10] Zahlen von 1983. Vgl. Straver: Oog voor Molukse leerlingen, S. 32; Veenman: De arbeitsmarktpositie van allochtonen in Nederland, S. 177.
[11] Vgl. Verwey-Jonker: Ambonezen in Nederland, S. 44.
[12] Veenman: De werkloosheid van Molukkers, S. 54.
[13] Vgl. Veenman, J.: Omzien naar de toekomst. De sociale integratie van Molukkers in Nederland, in: Veenman, Justus: De sociale integratie van Molukkers, Lelystad 1994, S. 1-60, hier S. 31 f.
[14] Vgl. Smeets/Steijlen: In Nederland gebleven, S. 299.
[15] Vgl. Steijlen, F.: Druggebruik onder en (drug)hulpverlening aan Molukse jongeren, Wijchen 1984, S. 14.
[16] Vgl. Veenman: De arbeitsmarktpositie van allochtonen in Nederland, S. 166 f.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010