VIII. In den Niederlanden – Von stolzen Militärs und dem Aufbegehren der zweiten Generation (1951-1980)

Ziel dieses Kapitel ist es, ein besseres Verständnis für die Gründe der Zuspitzung der Situation Ende der sechziger und siebziger Jahre zu schaffen. Das Thema der Integration spielt in den ersten Jahren kaum eine Rolle, erfährt jedoch mit dem Bericht der Commissie Verwey-Jonker einen Auftrieb, um nach den Zugentführungen und Geiselnahmen mit der Molukkersnota wieder aufgenommen zu werden.

Integration nicht erwünscht – Die isolierten Wohnorte der Molukker

Die zwölf Transporte, die von März bis Juni 1951 in den Häfen von Amsterdam und Rotterdam eintrafen, brachten insgesamt 12.880 Personen in die Niederlande. Sie wurden von Königin Juliana mit den Worten: ‚Möge die Zeit in den Niederlanden für Sie in guter Erinnerung bleiben‛, empfangen. In ihrer Begrüßung sprach Königin Juliana explizit von Demilitarisierung, da von Demobilisierung nicht die Rede sein konnte. Schließlich waren die Niederlande nicht der von den Molukkern gewünschte Ort für die Demobilisierung.

Die Unterbringung von 12.880 Personen stellte die niederländische Regierung vor große Probleme, da zu Beginn der fünfziger Jahre große Wohnungsnot bestand. Um bezüglich der Unterbringungen der Molukker schnell eine Lösung zu finden, entschloss sich die Regierung, in den vierziger Jahren erbaute Wohnorte des DUW und des ‛Nederlandse Arbeidsdienst’ (Niederländischer Arbeitsdienst/NAD) für die Molukker bereitzustellen. Ende Februar 1951 hatten die zuständigen Ministerien Unterkünfte für rund 1.500 Familien gefunden, was jedoch nur der Hälfte der in die Niederlande kommenden molukkischen Familien entsprach. Für die restlichen rund 1.500 Familien Notbaracken zu errichten, war jedoch in so kurzer Zeit nicht realisierbar. Klöster, Landhäuser und Gebäudekomplexe des Militärs, wie unter anderem die ehemaligen Konzentrationslager in Vught und Westerbork, stellten den noch fehlenden Wohnraum. Einige Wohnorte galten als absolute Notlösung und wurden nach kurzer Zeit wieder geschlossen, andere Wohnorte sollten hingegen viele Jahre bestehen bleiben.

Die Unterbringungen der Molukker spiegeln sehr deutlich den angedachten zeitlich begrenzten Aufenthalt in den Niederlanden wider. Die zuvor beschriebenen Unterkünfte wurden nicht nur als Notlösungen, sondern auch in Hinsicht auf ihre abgeschiedene Lage gewählt. Die Molukker wurden verstreut in den dünn besiedelten Gebieten im Südwesten, Süden und Osten der Niederlande, weit ab von den Ballungszentren, untergebracht. Ein gutes Beispiel dafür ist der in Drenthe liegende Wohnort Schattenberg. Diese Unterkunft lag weit ab vom öffentlichen und gesellschaftlichen Leben und die vorhandene Infrastruktur, wie medizinische Versorgung, Kirchen, Schulen, Küchen und kleinere Geschäfte, sorgte dafür, dass sich eine stark isolierte Gesellschaft bildete, die ihren Wohnort nicht zu verlassen brauchte. [1]

Von Anfang an war von den Verantwortlichen auf niederländischer Seite eine verstreute individuelle Unterbringung abgelehnt worden, da es sich nur um einen zeitlich begrenzten Aufenthalt handeln sollte. Man wollte die Molukker, laut dem Direktor des DMZ, J.Th.A.H. van der Putten, in den isolierten Wohnorten unterbringen, was er wie folgt begründete: ‚Wenn sie erst in Gemeinden wohnen, sind sie nur schwer in die Lager zu kriegen.’[2] Dies zeigt deutlich die Haltung der niederländischen Verantwortlichen, die die Unterbringung in den Wohnorten als die optimale Notlösung sahen und Integration in die, beziehungsweise Kontakt mit der niederländischen Gesellschaft möglichst vermeiden wollten.

Verwaltet und organisiert wurden die isolierten Wohnorte bis 1952 vom niederländischen Innenministerium, vom Sozial- und Gesundheitsministerium und vom ‘Ministerie van Uniezaken en Overzeese Rijksdelen’ (Ministerium für Unionsangelegenheiten und Überseeische Gebiete/MINUOR). Nach der Gründung des ‛Ministerie van Maatschappelijk Werk’ (Ministerium für soziale Fragen/MW) wurde unter dessen Leitung im November 1952 das ‛Commissariaat van Ambonezenzorg’ (Kommissariat für Ambonesenfürsor-ge/CAZ) gegründet, welches von nun an alle Aufgaben bezüglich der Molukker in den Niederlanden übernahm. [3]

Im Bereich der Bildung wurde der zeitlich begrenzte Aufenthalt ein weiteres Mal unterstrichen. Der Schulunterricht sollte innerhalb der Wohnorte stattfinden und nicht auf die Teilnahme an der niederländischen Gesellschaft, sondern auf das zukünftige Leben in Indonesien vorbereiten. Der DMZ und später das CAZ setzten diese Regelungen gegen die Lagerräte und die zuständigen Bürgermeister der Gemeinden durch, die sich dazu bereiterklärten, molukkische Kinder in ihren Schulen aufzunehmen. [4]

Trotz der vielen Hindernisse war es der niederländischen Regierung mit Erfolg gelungen, in kürzester Zeit Unterkünfte für 12.880 Personen bereitzustellen. [5] Für die Molukker der ersten und zweiten Generation begann 1951 mit der Unterbringung in den Wohnorten ein wichtiger Teil ihrer persönlichen Lebensgeschichte. So isoliert die Wohnorte auch lagen und wie sehr die niederländische Regierung Integration zu unterbinden wusste, begann mit der Ankunft der Molukker in den Niederlanden der Prozess der Integration in eine nicht-molukkische Umgebung. [6]


[1] Vgl. Pflock: Auf vergessenen Spuren, S. 75.
 [2] Eigene Übersetzung. Zitiert aus: Smeets/Steijlen: In Nederland gebleven, S. 83 f.
[3] Vgl. Steijlen, F.: Het archief van het Commissariaat Ambonezenzorg, in: Archievenblad 6 (2002), S. 18-23, hier S. 18.
[4] Vgl. Smeets: De organisatie van de Ambonezenzorg, S. 22; Moerel, H.W.J.: Scholing en werk voor Molukkers, Arnheim 1987, S. 23.
[5] Vgl. Smeets: De organisatie van de Ambonezenzorg, S. 18 f.
[6] Vgl. Akihary: Van Almere tot de Zwaluwenburg, S. 66.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010