I. Einleitung

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen bis 1958 insgesamt 290.000 Menschen, darunter ein hoher Prozentsatz Indo-Europäer, aus dem heutigen Indonesien in die Niederlande. [1] Diese sogenannten Repatrianten besaßen zum Großteil die niederländische Staatsangehörigkeit und galten als gut ausgebildet. Die Tatsache, dass sie zum Teil niederländische Wurzeln hatten und in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs in die Niederlande kamen, begünstigte ihre Integration und brachte ihnen die Bezeichnung einer ‘model minority’ ein. [2]

Indonesien mit Inselgruppe der Molukken
Indonesien mit Inselgruppe der Molukken
© Robin root/cc-by-sa

Dieser vorbildlich integrierten, ja sogar assimilierten Gruppe, steht die Minderheit der Molukker gegenüber. Kurz nach der Unabhängigkeitserklärung und der daraus resultierenden Proklamation des Einheitsstaats Indonesien kamen 1951 circa 13.000 Molukker in die Niederlande. Der Großteil von ihnen kam von der Insel Ambon und hatte in der niederländischen Kolonialarmee gedient. Dies war einer der Grunde dafür, dass innerhalb weniger Monate im Frühjahr 1951 4.000 molukkische Soldaten samt ihrer Familien für einen zeitlich begrenzten Aufenthalt in die Niederlande kamen. Doch schnell wurde deutlich, dass es für die Neuankömmlinge keine Rückkehr gab, wodurch die Integration der besagten Minderheit als Ziel unumgänglich wurde.

Die Molukker

Bis in die siebziger Jahre wurden die Molukker in den Niederlanden als Ambonesen bezeichnet, da der Großteil der in die Niederlande gekommenen Soldaten von der Insel Ambon kam. Da jedoch eine Vielzahl an Personen auch von den Kei-Inseln oder von den Aru-Inseln kam und in den Niederlanden seit Beginn der siebziger Jahre der Sammelbegriff Molukker benutzt wird, werden in diesem Dossier die Bewohner der vielen verschiedenen molukkischen Inseln und alle Migranten, die 1951 aus politischen Gründen von dort in die Niederlande kamen, als Molukker bezeichnet. Einzig in Zitaten sowie bei der Nennung von Regierungskommissionen und Kommissionsberichten wurde der Begriff ‚Ambonesen’ beziehungsweise die niederländische Schreibweise ‘Ambonezen’ beibehalten und entspricht dem Begriff ‘Molukker’.


Aufgrund der zunächst angestrebten Rückkehr und ihrer isolierten Unterbringung wurden die Molukker in den ersten Jahren ihres Aufenthalts von den Niederländern kaum wahrgenommen. Erst als eine Rückkehr auf den indonesischen Archipel immer unwahrscheinlicher wurde, wurde damit begonnen, die Isolation der Molukker zu beenden, um damit ihre Integration in die Niederlande einzuläuten – eine Integration, die von den politischen Idealen der Molukker überschattet und gebremst wurde und die von niederländischer Seite durch den Mangel an Aufmerksamkeit für die Belange der Gruppe geprägt war. Der Integrationsprozess der Molukker wurde von Ereignissen und Maßnahmen positiv wie auch negativ beeinflusst und weist keinen linearen Verlauf auf.

Für viele Experten waren die Niederlande, bis zum Auftreten und Tode Pim Fortuyns, ein Vorbild für eine erfolgreiche Minderheitenpolitik zur Schaffung einer multikulturellen Gesellschaft. Die Problematik der Molukker ist für die Entstehung der niederländischen Minderheitenpolitik von großer Bedeutung. Ob die Niederlande in Bezug auf die Integration der Molukker als Vorbild gelten können, wird dem Leser überlassen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie der Integrationsprozess der Molukker in den Niederlanden verlief und ob dieser Prozess bereits an einem erfolgreichen Ende angelangt ist.

Integration vs. Assimilation

Für den Begriff der Integration besteht bis heute keine einheitliche Definition. Um den Begriff jedoch einzugrenzen, wird die Definition des Eindrapport Tijdelijke commissie onderzoek integratiebeleid von 2004 herangezogen. Diese Definition besagt, dass eine Person oder Bevölkerungsgruppe dann in die niederländische Gesellschaft integriert ist, wenn sie die gleichen Rechte besitzt, im gleichwertigen Maße am sozialökonomischen Leben mitwirkt, die niederländische Sprache beherrscht sowie gesellschaftlich gültige Werte, Normen und Verhaltensweisen respektiert. Im Minderheitenbericht des Sociaal en Cultureel Planbureau (SCP) von 2003 wird zwischen Assimilation und Integration dahingehend unterschieden, dass Integration weniger zwingend oder radikal ist als Assimilation. Bei Assimilation gibt eine Minderheit ihre Kultur und damit ihre Unterscheidung zur niederländischen Gesellschaft auf. Bei Integration hingegen bleiben die kulturellen Charakteristika einer Minderheit weitestgehend erhalten. Wichtig dabei ist, dass der Zustand einer ethnischen Minderheit nicht durch sozialen Rückstand gekennzeichnet wird und dass in Bezug auf Bildung, Arbeit, Einkommen und Wohnsituation das Niveau der übrigen Bevölkerung erreicht wird.

Vgl. Tweede Kamer, Bruggen bouwen. Eindrapport Tijdelijke commissie onderzoek integratiebeleid, 2003-2004, 28 689, Nr. 8, Den Haag 2004, S. 105 f. sowie Praag, C. van, Algemene inleiding, in: Dagevos, J./Gijsberts, M./ Praag, C. van, Rapportage minderheden 2003. Onderwijs, arbeid en sociaal-culturele integratie, Den Haag 2003, S. 5-12, hier S. 8 f.

Die Kapitel

Um verstehen zu können, warum 1951 12.880 molukkische Militärs in die Niederlande gebracht wurden, ist es zunächst wichtig, auf die Kolonialzeit der Niederländer in Indonesien einzugehen und zu klären, wie es dazu kam, dass vor allem die Bewohner der Molukken in den Dienst der niederländischen Kolonialarmee traten. Das Kapitel Von einzelnen Handelsposten zur Kolonisierung des indonesischen Archipels erstreckt sich somit über den Zeitraum von circa 1600 bis 1942 und leitet über in die Zeit der japanischen Besetzung Niederländisch-Indiens im Zweiten Weltkrieg bis zum Ende der niederländischen Kolonialherrschaft auf dem indonesischen Archipel.

Das Kapitel In den Niederlanden – Von stolzen Militärs und dem Aufbegehren der zweiten Generation analysiert die ersten dreißig Jahre der Molukker in den Niederlanden und lässt die Geschehnisse auf dem indonesischen Archipel der fünfziger Jahre weitestgehend außer Acht. Schwerpunkte liegen hierbei auf den fünfziger Jahren, in denen, nach der isolierten Unterbringung der Molukker, erste Maßnahmen der niederländischen Regierung zum Start des Integrationsprozesses führten. Der zweite Schwerpunkt in diesem Kapitel erstreckt sich über das Ende der sechziger Jahre in die siebziger Jahre hinein, in denen molukkische Jugendliche der zweiten Generation mit Zugentführungen und Geiselnahmen auf die Unabhängigkeitsbestrebungen der Molukker aufmerksam machten. Das Kapitel endet mit ersten Maßnahmen, die von Seiten der niederländischen Regierung ergriffen wurden, um den Molukkern die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie mit ihren Aktionen zuvor eingefordert hatten.

Im Kapitel Ein neuer Anfang – Neuorientierung und stagnierende Integration wird die Situation der Molukker in den Niederlanden von 1980 bis 2000 betrachtet. Abwechselnd werden Maßnahmen und Fortschritte bei der Integration der Molukker und offizielle Zahlen zum Bildungsniveau und zur Arbeitslosigkeit der Molukker analysiert. Durch diese Vorgehensweise werden Erfolge und Misserfolge bei der Integration der Molukker deutlich sichtbar und können an Ereignissen oder Maßnahmen festgemacht werden.


[1] Vgl. Firley, I.: Multikulturelle Gesellschaft in den Niederlanden, Pfaffenweiler 1997, S. 48 f.
[2] Vgl. Lutz, H.: Integration und Integrationspolitik in den Niederlanden, in: Meendermann, K., Migration und politische Bildung. Integration durch Information, Münster 2003, S. 37-52, hier S. 39.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010