XV. Ein neuer Anfang – Neuorientierung und stagnierende Integration (1980-2009)

In diesem Kapitel werden Zahlen und Daten zur Bildung und Arbeitsmarktsituation der Molukker als Grundlage für den Fortschritt oder Stillstand der Integration herangezogen. Integration lässt sich zwar nur schwer anhand von Zahlen und Daten festmachen, diese zeigen jedoch, ob Ereignisse oder Maßnahmen den gewünschten Erfolg hatten oder nicht. Die Untersuchungen des Instituut voor Sociologisch-Economisch Onderzoek von 1983, 1990 und 2000 lassen einen Vergleich dieser Zahlen über einen Zeitraum von fast 20 Jahren zu – unterstützt durch die Daten der Commissie Verwey-Jonker von 1959. Zwischen den einzelnen Untersuchungen kommt es mit der ‘Gezamenlijke Verklaring’ (Gemeinsame Erklärung) von 1986 und dem Ausbruch des Konflikts auf den Molukken 1999 zu Ereignissen, die positive und negative Einflüsse auf die Integration der Molukker in den Niederlanden hatten.

‘Inspraakorgaan Welzijn Molukkers’ – Die Schaffung neuer Ideale

Als Nachfolger der ‘Commissie Welzijn Ambonezen’ wurde am 25.2.1976 das ‛Inspraakorgaan Welzijn Molukkers’ (IWM) vom Minister des CRM, H.W. van Doorn, gegründet. In Bezug auf die Aufgaben und Funktionen des IWM gab es kaum Unterschiede zu seinem Vorgänger, in der Zusammensetzung entschied sich das CRM jedoch zu einem Kurswechsel. Das IWM sollte das erste rein molukkische Beratungsgremium sein, deren Mitglieder nicht wie bisher vom CRM, sondern von den molukkischen politischen Organisationen gewählt wurden. Es beriet die niederländische Regierung im sozial-kulturellen Bereich und beschäftigte sich mit der Unterstützung von lokalen und regionalen Initiativen für Molukker und warb um Vertrauen innerhalb der molukkischen Gemeinschaft. Gleichzeitig übernahm das IWM die Verhandlungen der molukkischen politischen Parteien mit der niederländischen Regierung und nuancierte 1978 in seinem Bericht ‛Knelpunten tussen de Nederlandse overheid en de Molukse minderheid’ die Molukkersnota. [1]

Es fanden jedoch nicht nur Veränderungen auf institutioneller Ebene statt, sondern auch innerhalb der molukkischen Gemeinschaft. Nachdem die RMS in unerreichbare Ferne gerückt war und der Großteil der Molukker sich auf ein Leben in den Niederlanden eingestellt hatte, entwickelte sich in den achtziger Jahren vor allem in den großen Städten wie z.B. Amsterdam das kulturelle Leben der molukkischen Gemeinschaft. Molukker, die wegen ihrer neuen Denkweise die Wohnorte und Wohnviertel verlassen hatten, gingen auf die Suche nach einer neuen Identität. In Amsterdam erlebten sie, dass sie dort nur eine kleine ethnische Minderheit waren und ihnen weitaus weniger Aufmerksamkeit zuteil kam, als den Molukkern in den Wohnvierteln. Vor allem die jugendlichen Molukker entwickelten mit Hilfe ihrer kulturellen Geschichte und westlichen Werten eine neue Form ihrer Kultur und fanden in Musik, Theater und Literatur einen Weg, Teil der multikulturellen Gesellschaft zu sein. Zudem suchten sie Kontakt zu niederländischen Anti-Rassismus- und Anti-Faschismusgruppen. [2] Diese kulturelle Neuorientierung hing laut Steijlen mit der wachsenden Bereitschaft zur Integration in die niederländische Gesellschaft zusammen und war ein weiterer Schritt in Richtung Integration, jedoch ohne das dabei die molukkische Identität abgelegt oder gar vergessen wurde. [3]

Das RMS-Ideal schwächte sich nach der letzten Aktion in Assen Ende der siebziger Jahre ab und blieb nur noch für einzelne Molukker von Bedeutung. Die Beziehungen zu den Molukken, zu Familien und Dorfgemeinschaften wurden stets mehr von Solidarität als vom RMS-Ideal geprägt und führten zu Hilfsprojekten, welche von den Niederlanden aus koordiniert wurden. Für die Molukker in den Niederlanden standen nicht mehr ihre politischen Ideale, sondern ihre sozialen Probleme wie Arbeitslosigkeit, Drogenmissbrauch, Diskriminierung und ihre Wohnsituation im Vordergrund. Diese Verschiebung des Unabhängigkeitsgedanken vom Ideal zu einem Symbol, schaffte den Raum für die Neuorientierung der Molukker in den Niederlanden. [4]


[1] In den ersten Jahren der Molukker in den Niederlanden entstanden eine Reihe von Parteien und Organisationen, welche sich in den ersten zehn bis fünfzehn Jahren weniger für das RMS-Ideal, als für das Einfordern ihrer Rechte, wie z.B. Rentenansprüche und Verbesserung ihrer Unterkünfte einsetzten. Vgl. Brinke/Latupeirissa: Ceritra Saja, S. 20 f.; Pollman/Seleky: Istori-istori Maluku, S. 144 f. Einen ausführlichen Überblick über die Vielzahl der molukkischen Parteien und Interessenverbände gibt die folgende Monographie: Smeets, H.: Een kwestie van organisatie. Organisatie van het Molukkersbeleid en Molukse zelforganisatie, Utrecht 2001, S. 37 ff.
[2] Vgl. Smeets/Steijlen: In Nederland gebleven, S. 283 ff.
[3] Vgl. Steijlen: RMS – van ideaal tot symbool, S. 193. Ein weiterer wichtiger Grund für die Neuorientierung war die Tatsache, dass jede weitere Generation dem westlichen Denken und Handeln ausgeliefert war und ihre eigenen Ideale in den Hintergrund treten lässt. Vgl. Rinsampessy: Saudara Bersaudara, S. 261.
[4] Vgl. Steijlen: RMS – van ideaal tot symbool, S. 193 f.; Rinsampessy, Saudara Bersaudara, S. 263; Steijlen, Molukkers in Nederland, S. 243; Oostindie, Postkoloniaal Nederland, S. 125.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010