XII. Die zweite Generation der Molukker – Radikalisierung durch sozialökonomische Probleme?

In den sechziger Jahren ließ der autoritäre Erziehungsstil der Eltern der zweiten Generation immer mehr nach. Die molukkischen Jugendlichen wurden rebellischer und passten sich den niederländischen Jugendlichen an. Diese Anpassung geschah durch die Umzüge in die Wohnviertel und dem damit einhergehenden verstärkten Kontakt mit Niederländern. Um den Ursachen für das Verhalten der zweiten Generation auf den Grund zu gehen, wurde 1964 eine Subkommission gegründet. Diese sollte sich explizit mit den Jugendfragen, wie den Themen Bildung, Arbeitsmarkt, molukkische Identität und der Situation der molukkischen Jugend befassen.

Laut dem Bericht der Subkommission waren sich die molukkischen Jugendlichen ihrer Identität beziehungsweise der Tatsache, dass sie in zwei Kulturen lebten, bewusst. Dieses Bewusstsein schaffte ein Gefühl von Unsicherheit. Die zweite Generation erlebte das Aufeinandertreffen ihres statischen und traditionellen Kulturmusters und des niederländischen industrialisierten Kulturmusters als eine Konfliktsituation, weshalb sie Schutz und Geborgenheit innerhalb der Gruppe suchte. Dies tat sie, weil sie mit der auf Dynamik ausgerichteten niederländischen Gesellschaft nicht mithalten konnte. Daher verschloss sich das gesamte Kollektiv gegen diese dynamische Welt. Das genannte Kollektiv machte Integration auch für Molukker, die nicht direkt gegen Integration waren, unmöglich. [22]

Die Ministerin vom 1965 neu gegründeten ‛Ministerie van Cultuur, Recreatie en Maatschappelijk Werk’ (Ministerium für Kultur, Freizeit und soziale Angelegenheiten/CRM), M. Klompé, beschloss 1968, das CAZ zum 1.1.1970 zu schließen und dessen Aufgaben in den regulären Abteilungen ihres Ministeriums unterzubringen. Ab 1968 übernahm die Abteilung Ambonesen unter der Abteilung Gesellschaftliche Entwicklung Stück für Stück die Aufgaben des CAZ. Ministerin Klompé rechnete damit, dass bis 1972 das Wohnviertelprojekt abgeschlossen sein würde – eine Einschätzung, die zu früh kam, genauso wie das Schließen des CAZ. [23]

Zu den Schwierigkeiten der zweiten Generation, in der niederländischen Gesell-schaft Fuß zu fassen, und dem vorzeitigen Auflösen des CAZ mischte sich in den sechziger Jahren eine immer stärker werdende Idealisierung der RMS. Ging es den Molukkern in den ersten Jahren in den Niederlanden allein um die Wiederherstellung der Rechtsposition der Militärs, so begann nun der politische Kampf für die RMS. Die zweite Generation der Molukker besaß ein romantisches Bild von der RMS, welches ihnen von der ersten Generation vermittelt worden war. Da ihre Eltern sie lehrten, dass weder die Niederlande noch Indonesien ihre Heimat sei, kam es unter den jungen Molukkern zu einer Art Orientierungslosigkeit und Leere, welche durch die RMS-Romantik gefüllt wurde. [24]

Durch die Gefangennahme des RMS-Präsidenten C.R.S. Soumokil auf Seram am 1.12.1963 und seiner Exekution am 12.4.1966 kam es zum endgültigen Ende der RMS auf dem indonesischen Archipel. [25] Soumokils Frau und Kind wurden in die Niederlande gebracht, wo Manusama bereits eine Exil-Regierung gegründet hatte. Die erste Generation trauerte um den verlorenen Kampf auf Seram und versuchte, durch Demonstrationen und Petitionen auf sich aufmerksam zu machen. Die Trauer der ersten Generation traf auch die jungen Molukker, die sich von nun an noch intensiver mit dem Kampf für die RMS beschäftigten und zu radikaleren Mitteln griffen. [26]

Als für September 1970 ein Staatsbesuch vom neuen Präsidenten der Republik Indonesien Suharto angekündigt wurde, bildeten sich einzelne Gruppen Jugendlicher, die Anschläge vorbereiteten. Geplant war, die indonesische Botschaft in Den Haag, das indonesische Konsulat in Amsterdam sowie die indonesischen Botschafterwohnung in Wassenaar am Vorabend des Besuchs am 31.8.1970 zu erstürmen und zu besetzen. Von den drei Plänen wurde nur der letztgenannte umgesetzt. Dabei kam ein Polizist ums Leben. Der indonesische Botschafter konnte flüchten. Ein durch die Geiselnahme des Botschaftspersonals gefordertes Gespräch zwischen Manusama und Suharto kam nicht zustande. [27] Die 33 Geiselnehmer ergaben sich unter Vermittlung von Manusama und Metiary noch am selben Abend unter der Bedingung, dass ein Gespräch zwischen Manusama und dem niederländischen Ministerpräsidenten P. de Jong zustande kommen sollte.

1966 beschleunigte sich die Radikalisierung der zweiten Generation. Der Brandanschlag auf die indonesische Botschaft war der Anfang einer Reihe von Anschlägen, die bis 1978 andauerten. [28] Die Molukker wendeten sich gerade durch die Interaktion mit der niederländischen Gesellschaft von dieser ab. Sie entschieden sich für den Kampf für die RMS, ein Land, welches nicht mehr existierte und welches sie nie gesehen hatten. Sie kreierten eine Subkultur, in der der Raum für die erste Generation immer weiter abnahm und man den Streit mit der niederländischen Gesellschaft suchte. [29]

Die Molukker der zweiten Generation machten nur wenig Gebrauch von den sozialökonomischen Vorteilen der Wohnviertel, da sie den Kampf für die RMS als wichtiger empfanden. Dadurch verschlechterte sich ihre wirtschaftliche Si-tuation, was durch die beginnende Rezession in den siebziger Jahren beschleunigt wurde. Diese verschlechterte Situation hatte wiederum zur Folge, dass sich noch mehr junge Molukker dem aussichtslosen Kampf für die RMS anschlossen und in den siebziger Jahren nicht nur gegen Indonesien, sondern auch gegen die Niederlande Anschläge verübten.


[22] Vgl. Smeets/Steijlen: In Nederland gebleven, S. 197.
[23] Vgl. Smeets: Een kwestie van organisatie, S. 30 ff.
[24] Vgl. Pollmann/Seleky: Istori-istori Maluku, S. 193 f.
[25] Vgl. Steijlen: RMS – van ideaal tot symbool, S. 108 f.
[26] Vgl. Smeets/Steijlen: In Nederland gebleven, S. 211.
[27] Vgl. Bootsma: de Molukse acties, S. 37.
[28] Vgl. Steijlen: RMS – van ideaal tot symbool, S. 117.
[29] Vgl. Smeets/Steijlen: In Nederland gebleven, S. 231.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010