XIII. Zugentführungen und Geiselnahmen – Eskalation der Gewalt Mitte der siebziger  Jahre

Nachdem 1970 die Radikalisierung der zweiten Generation mit der Aktion in Wassenaar begonnen hatte, kam es in den Jahren zwischen 1973 bis 1975 zu mehreren kleinen Aktionen der jugendlichen Molukker, z.B. Brandanschläge auf eine indonesische Fluggesellschaft und auf den Friedenspalast in Den Haag. Eine geplante Entführung der Königin, ‛Plan Soestdijk’ genannt, scheiterte. Als Königin Juliana am 25.11.1975 ihre Rede zur Unabhängigkeit Surinams mit den Worten: ‚Jedes Volk hat ein Recht auf Unabhängigkeit’ begann, war es bereits zu spät, die erste Zugentführung in der niederländischen Geschichte zu verhindern. [30]

Inspiriert durch andere radikale Gruppen in westlichen Ländern, wie z.B. die Palästinenser im Kampf gegen Israel und die Rote Armee Fraktion, entführten sieben molukkische Jugendliche aus Bovensmilde am 2.12.1975 einen Regionalzug von Groningen nach Zwolle, indem sie bei Wijster die Notbremse zogen und den Zug in ihre Gewalt brachten. Ihre Forderungen waren die Freilassung aller inhaftierten Molukker, ein Gespräch zwischen Manusama und Suharto, sowie zwischen Manusama und der niederländischen Regierung, wodurch die RMS anerkannt werden sollte. Des Weiteren sollte ein Bus die Geiselnehmer samt Geiseln nach Schiphol bringen, damit sie von dort aus in ein Land ihrer Wahl fliegen könnten. Da, laut den Entführern, die niederländische Regierung zu langsam auf die Forderungen einging, wurden zwei Geiseln hingerichtet – der Lokführer wurde bereits zu Beginn der Geiselnahme erschossen.

Spontan unterstützt wurde die Zugentführung in Wijster durch eine Gruppe molukkischer Jugendlicher, die am 4.12.1975 das indonesische Konsulat in Amsterdam besetzten. Nachdem die Verhandlungen in Wijster festgefahren waren, schien eine gewaltsame Beendigung der Zugentführung immer wahrscheinlicher, doch die Verwundung von einem der Zugentführer durch einen Blindgänger sowie Verhandlungen mit molukkischen Unterhändlern beendeten die Zugentführung am 14.12.1975. [31] Die Geiselnahme in Amsterdam wurde fünf Tage später ebenfalls ohne weiteres Blutvergießen durch Verhandlungen beendet. [32]

Eine Bedingung zur Aufgabe war ein Gespräch zwischen der niederländischen Regierung und den molukkischen Autoritäten, welches am 17.1.1976 stattfand. RMS-Präsident Manusama bat die niederländische Regierung um einen Kurswechsel der Regierungspolitik: Das kategorische ‚Nein’ zur RMS sollte durch eine Regierungserklärung aufgehoben und der Begriff ‚unrealisierbar’ sollte in Bezug auf die RMS ausgeklammert werden. Für den Ministerpräsident Joop den Uyl waren diese Bitten jedoch nicht Inhalt des Gesprächs. Er wollte mit den molukkischen Autoritäten über eine Verbesserung der Beziehung zwischen Niederländern und Molukkern verhandeln und nicht über Manusamas Forderungen, die RMS anerkennen.

Am 23.5.1977 entführten neun molukkische Jugendliche bei De Punt in Drenthe einen Intercity. Zur selben Zeit wurde eine Grundschule in Bovensmilde besetzt. Von dem Umstand, dass man nun über 100 Kinder als Geiseln genommen hatte, versprachen sich die Geiselnehmer in Bovensmilde ein neues Druckmittel. Diese Aktion ließ jedoch jedes Verständnis der niederländischen Gesellschaft für die Sache der Molukker endgültig schwinden.

Um ihren Forderungen, die jenen von Wijster glichen, Nachdruck zu verleihen, ließen die Besetzer der Grundschule die Kinder ‚Van Agt wir wollen leben!’ [33] aus dem Fenster rufen und drohten damit, eine Handgranate in eine Gruppe Kinder zu werfen. Van Agt reagierte bestürzt darüber: ‚Schlimmer geht es nicht. In so einem Moment möchte man etwas anderes sein als Justizminister.’ [34] Kurz darauf wurden einige der Kinder schwer krank, und nach und nach wurden alle Kinder freigelassen. Um die niederländische Regierung unter Druck zu setzen, täuschten die Zugentführer die Hinrichtung zweier Geiseln außerhalb des Zuges vor. Nachdem bei der Zugentführung nach drei Wochen die Verhandlungen zum Erliegen kamen, wurde beschlossen, beide Geiselnahmen mit Gewalt zu beenden. [35] Bei der Erstürmung des Zuges starben zwei Geiseln und sechs der neun molukkischen Geiselnehmer. Die Geiselnahme in der Grundschule, in der zum Schluss nur noch vier Lehrkräfte festgehalten wurden, fand am selben Tag ein unblutiges Ende.

Die Tatsache, dass die niederländische Regierung sich nicht für die Belange der Molukker eingesetzt hatte, spielte bei den molukkischen Aktionen eine wesentliche Rolle. Von den meisten Politikern wurde die Molukkerproblematik nicht als eine ressortübergreifende, sondern als alleinige Aufgabe des CRM gesehen. Die niederländische Politik unterschätzte das RMS-Ideal und das Gewaltpotenzial der zweiten Generation, welche die Träume und Hoffnungen der ersten Generation mit Hilfe von Zugentführungen und Geiselnahmen erreichen wollte.


[30] Eigene Übersetzung. Zitiert aus: Bootsma, de Molukse acties, S. 82.
[31] Vgl. Bootsma, de Molukse acties, S. 163 ff.
[32] Vgl. Merriënboer/Bootsma/Griensven, Van Agt Biografie, S. 222 ff.
[33] Eigene Übersetzung. Zitiert aus: Merriënboer/Bootsma/Griensven, Van Agt Biografie, S. 228.
[34] Eigene Übersetzung. Zitiert aus: Merriënboer/Bootsma/Griensven, Van Agt Biografie, S. 228.
[35] Vgl. Bleich, Joop den Uyl 1919-1987, S. 332 f.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010