IX. Vertrauensverlust – Entlassung aus dem militärischen Dienst

Kurz nachdem die molukkischen Soldaten niederländischen Boden betreten hatten, wurde ihnen im Demobilisierungszentrum in Amersfoort mitgeteilt, dass sie aus dem militärischen Dienst der KL entlassen werden würden. Für die Soldaten kam diese Mitteilung völlig unerwartet und viele weigerten sich, das offizielle Entlassungsschreiben zu unterzeichnen.  [7] Von einem auf den anderen Moment wurde aus stolzen Militärs, die ihre Familien versorgen konnten und treu an der Seite der Niederländer gekämpft hatten, mittellose Personen ohne Status und Sold. [8] Die Reaktionen auf die Entlassungen waren sehr deutlich: Die Ankömmlinge fühlten sich betrogen und das Vertrauen in die Niederlande wandelte sich in Aggression und Enttäuschung.

Die Entscheidung für die Entlassung ging in hohem Maße auf den damaligen Ministerpräsidenten W. Drees zurück, der die Molukker in jedem Fall zunächst demilitarisieren wollte. Gegen die Bedenken des Kriegsministeriums und des MINUORs, dass eine Entlassung die militärische Disziplin und die Ordnung gefährden würde, setzte der Ministerrat die Entscheidung zur Entlassung aus folgenden Gründen durch: Da die molukkischen Soldaten mit der indonesischen Unabhängigkeitserklärung von 1949 de facto indonesische Staatsbürger geworden waren, konnten sie formal kein Teil der KL sein. Zudem berief sich der niederländische Staat darauf, dass man die Militärs nur zeitweise in die KL aufgenommen hatte, um die Auflösung des KNILs sachgemäß durchführen zu können. Des Weiteren hatte man der indonesischen Regierung im ‘Hatta/Hirschfeld-Abkommen’ vom 14.7.1951 zugesichert, dass die ehemaligen molukkischen KNIL-Soldaten nicht mehr zu militärischen Zwecken eingesetzt werden würden. Der von nun an fehlende Status der Molukker gab ihnen keine rechtliche oder finanzielle Position, aus der sie hätten agieren können. Diese Tatsache kam der Regierung entgegen und verhinderte finanzielle wie rechtliche Ansprüche von Seiten der Molukker gegenüber dem niederländischen Staat.

Mit der Entlassung aus dem militärischen Dienst blieb der Status der Molukker unklar. Laut dem damaligen niederländischen Einwanderungsgesetz waren sie Ausländer. Da sie zum Zeitpunkt ihrer Ankunft in den Niederlanden indonesische Staatsbürger waren, hätten sie bei der indonesischen Botschaft einen Nachweis über ihre Nationalität beantragen müssen. Dies kam für die Molukker nicht in Frage, da sie sich als Bürger der RMS fühlten. Das Erteilen der niederländischen Staatsbürgerschaft wurde von Seiten der Regierung ausgeschlossen, zumal die wenigsten Molukker diese vermutlich angenommen hätten.

Es stellt sich die Frage, ob es sinnvoll war, den durch die Geschehnisse in Indonesien bereits desorientierten Molukkern noch während ihrer Ankunft in einer fremden Umgebung den militärischen Status zu nehmen. [9] Es sollte sich zeigen, dass die dadurch entstandene psychische Leere in den folgenden Jahrzehnten zu ungeahnten Problemen führen würde. Unbestritten bleibt, dass die Entlassung einen großen Einfluss auf die molukkischen Militärs und deren Familien hatte. Sie fühlten sich vernachlässigt, und die durch die Abhängigkeit vom niederländischen Staat verlorene Selbstachtung entlud sich in Frust und Aggressionen gegenüber der niederländischen Verwaltung. Obwohl die niederländische Regierung gehofft hatte, durch das Auflösen des Dienstverhältnisses den RMS-Nationalismus zu schwächen, trieben die fehlende Rechtsposition und die Perspektivlosigkeit die Molukker genau dorthin. [10]

Bereits 1951 zeigte sich, dass die Interessen und Ziele des niederländischen Staa-tes und der molukkischen Militärs grundverschieden waren. Wollten die Niederlande die Molukker einfach nur an einem anderen und endgültigen Ort unterbringen, so wollten die Molukker in einen Staat umgesiedelt werden, der jedoch nicht existierte. Die Entlassung aus dem militärischen Dienst zwang die Molukker zum Warten auf die Rückkehr in ihre Heimat. Ohne eine wirkliche Aufgabe, ausgesetzt in den Niederlanden, wuchs in ihnen der Wunsch nach einem eigenen Staat und damit der RMS-Nationalismus.


[7] Vgl. Bilddatenbank des Nationaalarchiefs, online unter: http://www.nationaalarchief.nl/aankomst/achtergrondinformatie/groteafbeelding-en/ontslagbrief.html, eingesehen am 09.01.2010.
[8] Vgl. Pessireron, Wij kwamen hier op dienstbevel, S. 33.
[9] Vgl.: Verwey-Jonker, H., Ambonezen in Nederland, Den Haag 1959, S. 100 f.
[10] Vgl. Tweede Kamer, Problematiek van de Molukse minderheid in Nederland. De Molukkersnota, 1977-1978, 14 915, Nr. 1-2, Den Haag 1978, S. 21; Oostindie, G., Postkoloniaal Nederland. Vijfenzestig jaar vergeten, herdenken, verdringen, Amsterdam 2010, S. 91 ff.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010