XI. ‛Commissie Verwey-Jonker’ – Von den Wohnorten in die Wohnviertel

Die Ministerin vom MW, M.A.M. Klompé (KVP), erteilte am 24.9.1957 offiziell den Auftrag, eine Staatskommission zu bilden, welche sie bei der zukünftigen Molukkerpolitik beraten sollte. Hierbei sollten die politischen Aspekte bewusst außen vor gelassen werden, da man sich ausschließlich auf die soziale Komponente des Aufenthalts der Molukker in den Niederlanden konzentrieren wollte. Vorsitzende der Kommission sollte Hilda Verwey-Jonker werden. Diese ging engagiert an die Arbeit, sprach mit molukkischen Organisationen und ließ Studenten zum Thema Arbeit und Diskriminierung Befragungen durchführen. Am 22.4.1959 wurde der Bericht der Commissie Verwey-Jonker vorgestellt. Er enthielt Informationen und Zahlen über die molukkische Gesellschaft, sowie über deren Position im Bereich der Bildung und des Arbeitsmarktes. Grundlegende Aussage des Berichts war die Empfehlung an die Politik in Den Haag, ihr Augenmerk auf die Integration der Molukker in den Niederlande zu richten. Im Zuge dessen sollten die Wohnorte geschlossen werden und die Molukker in offene Wohnviertel umziehen. [15] Diese Wohnviertel sollten eine Größe von 50 Familien nicht überschreiten und in Gebieten mit einer Vielzahl an Arbeitsmöglichkeiten errichtet werden. [16] Für eine individuelle Unterbringung inmitten der niederländischen Gesellschaft war es laut der Kommission noch zu früh. [17]

Im Bereich der Bildung stellte die Kommission Defizite bei den molukkischen Jugendlichen fest, die damit begründet wurden, dass sie durch die Kriegsum-stände in Indonesien nicht immer zur Schule hatten gehen können. Daher gehörten sie hauptsächlich den niedrigeren Bildungsschichten an. Ein Grund dafür waren die Probleme mit der niederländischen Sprache. Aufgrund des Rückkehrgedankens hatte das CAZ dies nicht weiter beachtet und bot keine niederländischen Sprachkurse an.

Im Sommer 1958 gingen durch die Einführung der ‘Zelfzorgregeling’ 60% der Männer einer offiziellen Tätigkeit nach. Die Situation der Jugendlichen sollte sich jedoch als ernster herausstellen. Obwohl man vermutete, dass die molukkischen Jugendlichen durch den Schulunterricht, den sie in den Niederlanden bekamen, besser ausgebildet sein würden und die niederländische Sprache besser beherrschen würden als ihre Eltern, lag deren Arbeitslosenquote weit über der der Eltern. Waren zum 1.7.1958 rund 25% der molukkischen Erwachsenen arbeitslos, so lag die Arbeitslosigkeit bei den Jugendlichen im selben Zeitraum unter den männlichen Jugendlichen bei 36,4% und bei den weiblichen sogar bei 53,5%. Die Gründe dafür waren vielseitig: Die Jugendlichen zogen sich in den Familienverband zurück, litten unter einem Sprachdefizit und die Konfrontation mit anderen Normen und Werten, als die, die sie zu Hause lernten, ließen den Wunsch nach einer Rückkehr in ihre Heimat wachsen. [18]

Nachdem klar wurde, dass der Aufenthalt der Molukker in den Niederlanden länger dauern würde, wurden deren Unterkünfte zur zentralen Frage für die Molukkerpolitik. Die Wohnorte, die als Notlösungen galten und mit Absicht isoliert gelegen waren, wurden nun als Nachteil gesehen, da sie die Integration der Molukker behinderten. Wie bereits erwähnt, sollten die neu erbauten Wohnviertel eine Zahl von 50 Familien nicht übersteigen und in der Nähe von Ballungsgebieten mit vielen Arbeitsmöglichkeiten platziert werden. Ziel war es, den Abstand zwischen der molukkischen und der niederländischen Gemeinschaft zu verkleinern.

Nachdem die Regierung das Gutachten bezüglich der Wohnviertel vollständig angenommen hatte, stellte sich die Umsetzung als schwierig heraus, da viele Molukker sich weigerten, in normale Häuser umzuziehen. Hierbei spielte nicht nur eine Rolle, dass die Molukker sich an ihre Wohnorte gewöhnt hatten, sondern vor allem, dass sie mit der Schließung der Wohnorte ihren militärischen Status, den sie ohnehin bereits eingebüßt hatten, weiter schrumpfen sahen. Als sie Java verlassen hatten, war ihnen gesagt worden, dass sie in Wohnorten untergebracht und von Staatswegen versorgt werden würden. War die Versorgung durch die ‘Zelfzorgregeling’ bereits zum größten Teil gekürzt worden, so sollten nun auch ihre Wohnorte verschwinden. Einige Wohnorte konnten daher nur durch massiven Polizeieinsatz geräumt werden. [19] Zudem wurden durch die Umzüge ganzer molukkischer Gruppenverbände die Wohnviertel größer als geplant. Auch der Charakter der offenen Wohnviertel stimmte oft nicht mit den Empfehlungen der Kommission überein. Viele Viertel lagen meist am Rand von Städten und Dörfern und besaßen oftmals eine eigene Kirche und eigene Schulen, wodurch die isolierte Lage bewahrt blieb.

Bereits 1965 wohnten zwei Drittel der Molukker in den sogenannten Wohnvierteln. Obwohl man davon sprach, dass der Plan aufgegangen war und die meisten der 61 Wohnviertel zwischen 1959 und 1964 errichtet wurden, sollte der Prozess der Umsiedlung von den Wohnorten in die Wohnviertel über 30 Jahre dauern und von erheblichen Qualitätsmängeln der Wohnviertel überschattet werden. Erst 1989 wurde der letzte Wohnort, Lunetten in Vught, renoviert und 1993 zu einem Wohnviertel umfunktioniert. Diese Trägheit bei der Umsiedlung zeigt, dass die massiven Widerstände der Molukker gegen das Wohnviertelprojekt und die zum Teil fehlerhafte Umsetzung des Projekts durch das CAZ die Ausführung über Jahrzehnte verzögert haben.

Anzahl der Molukker von 1951 bis 1968, unterschieden nach Art der Unterbringung
Quelle: CAZ, Enkele cijfers over de Ambonezen in Nederland, November 1968, in: Smeets/Steijlen: In Nederland gebleven, S. 177.
Wohnorte Wohnviertel Individuell Total
1951 12.169  -  - 12.169
1955 15.713  -  - 15.713
1959 18.593  -  - 18.593
1960 19.216 25  - 19.241
1961 19.354 527  - 19.881
1962 15.776 4.269  - 20.045
1963 12.882 7.374  - 20.256
1964 11.539 9.221 397 21.157
1965 9.230 11.571 771 21.572
1966 6.855 13.910 1.365 22.130
1967 5.719 14.768 2.009 22.519
1968 4.657 15.485 2.541 22.697

Die Umsiedlung in die Wohnviertel war ein wichtiger Schritt zur Heranführung der Molukker an die niederländische Gesellschaft. Dieses Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen hatte jedoch auch ein gewisses Konfliktpotenzial. Zum einen wurde es für die Molukker immer schwieriger, ihre eigene Kultur und Lebensweise beizubehalten und diese an ihre Kinder weiterzugeben. Zum anderen kamen ihre Kinder in Kontakt mit niederländischen Altergenossen und mussten feststellen, dass ihre eigenen Eltern es nicht sehr weit gebracht hatten. Dadurch fiel ein Element der harten molukkischen Erziehung weg. Die Eltern waren kein Vorbild mehr für ihre Kinder und konnten daher keine Härte und Disziplin von ihren Kindern verlangen, da sie selbst arbeitslos waren oder in Fabriken arbeiteten. [20]

Die Kommission äußerte sich ausführlich zu dem Prozess der Integration. Sie konstatierte, dass die Molukker zwar einen Integrationsprozess durchmachten, dieser sich jedoch von denen anderer Bevölkerungsgruppen unterscheide. Der Grund dafür sei die Tatsache, dass sie nicht individuell, sondern als Gruppe in die Niederlande gekommen waren und eine starke Gruppenbindung besaßen. Daher seien auch die Erwartungen der molukkischen Gemeinschaft keine individuellen, sondern kollektive Erwartungen. Gleichzeitig bestehe auf der einen Seite eine gewisse Verbundenheit und Bewunderung zur niederländischen Kultur, auf der anderen Seite jedoch die Angst vor der Integration in die niederländische Gesellschaft, da Karrierechancen und die niederländischen Vorstellungen von Freiheit und Selbstständigkeit die Normen und Werte sowie die Bindung zum molukkischen Volk gefährdeten. Gleichzeitig warnte sie ausdrücklich davor, dass eine steigende Arbeitslosigkeit unter den Molukkern oder ein abruptes Ende der Unterstützung durch das CAZ zur Verwahrlosung führen und eine Stigmatisierung der Gruppe durch die niederländische Gesellschaft zur Folge haben könnte.

Die ‘Zelfzorgregeling’ und das Wohnviertelprojekt hatten zwar zu integrationsfördernden Effekten geführte, welche jedoch durch den Widerstand der Molukker wieder gebremst wurden. Die Empfehlungen der Kommission, wie z.B. auf den Vorschlag, weitere Untersuchungen in Bezug auf die molukkische Jugend durchzuführen, wurden jedoch nur unzureichend oder zu spät umgesetzt, wodurch die sozialökonomische Situation der Molukker gegenüber ihrer verbesserten Wohnsituation weiterhin schwach blieb. [21]


[17] Vgl. Pflock: Auf vergessenen Spuren, S. 75.
[18] Eigene Übersetzung. Zitiert aus: Smeets/Steijlen: In Nederland gebleven, S. 83 f.
[19] Vgl. Steijlen, F.: Het archief van het Commissariaat Ambonezenzorg, in: Archievenblad 6 (2002), S. 18-23, hier S. 18.
[20] Vgl. Smeets: De organisatie van de Ambonezenzorg, S. 22; Moerel, H.W.J.: Scholing en werk voor Molukkers, Arnheim 1987, S. 23.
[21] Vgl. Smeets: De organisatie van de Ambonezenzorg, S. 18 f.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010