VII. Der letzte Ausweg – Unfreiwillige Reise in die Niederlande

Im August 1950 hatte der niederländische Heerführer Buurman van Vreede eine Delegation von molukkischen Militärs unter Führung des molukkischen Unteroffiziers F.A. Aponno in die Niederlande geschickt. Diese sogenannte Aponno-Delegation klagte am Gericht in Den Haag gegen den niederländischen Staat, um zu verhindern, dass die molukkischen Soldaten auf Java gegen ihren Willen auf indonesisch kontrolliertem Gebiet demobilisiert werden würden. Das Gericht in Den Haag urteilte, dass keine Mitglieder der Armee gegen ihren Willen an einen ihnen gegenüber feindlichen Staat ausgeliefert werden dürften. Die niederländische Regierung legte daraufhin Revision gegen das Urteil ein und ging vor den ‘Hoge Raad’ (Staatsgerichtshof der Niederlande), welcher das Urteil aus Den Haag bestätigte. [23] Die Hoffnung der Delegation, dass der Staatsgerichtshof die niederländische Regierung dazu zwingen würde, die molukkischen Militärs nach Neu-Guinea zu bringen, wurde jedoch nicht erfüllt. Eine Demobilisierung in Neu-Guinea wurde ausgeschlossen, da das wirtschaftlich schwach entwickelte Gebiet Neu-Guineas nicht mit 12.880 Molukkern belastet werden sollte und die Republik Indonesien einem solchen Vorhaben nicht zugestimmt hätte. [24]

Der niederländischen Regierung wurde immer bewusster, dass eine Unterbringung der Soldaten in den Niederlanden die einzige Lösung war. [25] Am 2.2.1951 erfolgte auf Java folgender Befehl an die molukkischen Militärs: Entlassung aus dem militärischen Dienst innerhalb Indonesiens oder zeitliche Unterbringung in den Niederlanden. Die Aponno-Delegation riet den Militärs am 16.2.1951, in die Niederlande zu gehen, da dies die einzig sichere Variante zu sein schien. [26] Auf niederländischer Seite kam so schnell der Gedanke auf, die Molukker wären nur aufgrund der Delegation in die Niederlande gekommen. Auf molukkischer Seite wurde berichtet, dass Soldaten, die sich für keine der zwei Varianten entschieden, gezwungen werden würden, auf die Schiffe Richtung Niederlande zu gehen oder auf der Stelle aus dem militärischen Dienst entlassen werden würden. [27]

Die indonesische Regierung gab ihr Einverständnis, dass die de facto indonesischen Staatsbürger in die Niederlande einreisen durften. Am 20.2.1951 verließ das erste Schiff mit 850 Passagieren den Hafen von Semarang in Richtung Rotterdam. Bis Ende Juni 1951 brachten elf – zum Teil extra gecharterte – Schiffe die 4.000 molukkischen Militärs samt ihrer Familien in die Niederlande. [28]

Beim Aufenthalt der Molukker in den Niederlanden sprach man von Anfang an von einem zeitlich begrenzten Aufenthalt von rund sechs Monaten, nach welchem die Soldaten wieder nach Indonesien zurückgehen könnten. Doch bereits bei dieser Regelung hatten die niederländische Regierung und die Militärs grundverschiedene Interpretationen. Auf niederländischer Seite sah man eine Rückkehr der Molukker nach Indonesien als eine Entscheidung des individuellen Molukkers an. Der Aufenthalt in den Niederlanden wurde dagegen auf molukkischer Seite als Zwischenstation gesehen, bevor man auf den Molukken, auf dem Boden der RMS, demobilisiert werden würde.[29]

Als die Molukker Indonesien verließen, stand nicht ihr persönliches Schicksal im Vordergrund, sondern vielmehr die diplomatische Normalisierung mit Indonesien und die Rückkehr der 5.000 noch in Indonesien stationierten niederländischen Soldaten. [30] Aufgrund der begrenzten Zeit und dem Mangel an Alternativen sah sich die niederländische Regierung gezwungen, die 12.880 Molukker selbst aufzunehmen. Eine weitere tragende Rolle bei der Entscheidung, die Molukker in die Niederlande zu bringen, spielte die Aponno-Delegation, die mit ihren Gerichtsverfahren die Spielräume der niederländischen Regierung soweit verkleinerte, dass der Gang in die Niederlande unvermeidbar wurde.


[23] Vgl. Steijlen: F., RMS - van ideaal tot symbool. Moluks nationalisme in Nederland, 1951 - 1994, Amsterdam 1996, S. 50 f.
[24] Vgl. Pollman/Seleky: Istori-istori Maluku, S. 116 ff.
[25] Vgl. Steijlen: RMS - van ideaal tot symbool, S. 52.
[26] Vgl. Pollman/Seleky: Istori-istori Maluku, S. 117; Steijlen, RMS - van ideaal tot symbool, S. 55.
[27] Vgl. Pollman/Seleky: Istori-istori Maluku, S. 122.
[28] Vgl. Smeets/Steijlen: In Nederland gebleven, S. 69.
[29] Vgl. Steijlen: RMS - van ideaal tot symbool, S. 56.
[30] Vgl. Smeets/Steijlen: In Nederland gebleven, S. 72.

Autor: Frederic Arntz
Erstellt:
September 2010