IX. Vergleich des deutschen und niederländischen Kinderbetreuungssystems

Das niederländische vor- und außerschulische Kinderbetreuungssystem unterscheidet sich vom deutschen grundsätzlich durch seine Zielsetzung. In Deutschland wird der Kleinkindbetreuung bis zum Schuleintritt im Alter zwischen 5 und 7 Jahren sowie der gerade im Ausbau befindlichen Ganztagsbetreuung in Grundschulen von staatlicher Seite eine Erziehungs- und Bildungsfunktion als Elementarbereich des Bildungswesens zugewiesen. Der niederländische Staat betrachtet die vorschulische Betreuung bis zum Alter von 4 Jahren und die außerschulische Betreuung von Kindern bis zum 12. Lebensjahr als Mittel, Eltern die Teilnahme am Arbeitsleben zu ermöglichen.

Unterschiedliche Ministerien

Diese grundlegend unterschiedliche Herangehensweise wird alleine schon daran deutlich, dass der Aufgabenbereich Kinderbetreuung in den Niederlanden zum Ministerium für Arbeit und Soziales gehört, während Kinderbetreuung in Deutschland auf Bundesebene unter das Ressort Familie, Senioren, Frauen und Jugend fällt. Verbindlich festlegen müssen diesen Erziehungs- und Bildungsauftrag im föderalen Deutschland allerdings die verschiedenen Bundesländern. In Nordrhein-Westfalen gehört der Bereich Kindergarten, Kindertagesstätten und Horte (noch außerschulische Betreuung, die allmählich durch die Ganztagsschule ersetzt wird) zum Beispiel zum Ministerium für Schule, Jugend und Kinder. Im Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder aus Nordrhein-Westfalen aus dem Jahre 1992 heißt es unter §2:

(1) Der Kindergarten ist eine sozialpädagogische Einrichtung und hat neben der Betreuungsaufgabe einen eigenständigen Erziehungs- und Bildungsauftrag als Elementarbereich des Bildungssystems. Die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes und die Beratung und Information der Erziehungsberechtigten sind von wesentlicher Bedeutung; der Kindergarten ergänzt und unterstützt dadurch die Erziehung des Kindes in der Familie.

Privatunternehmer versus öffentliche Hand

Der niederländische Staat überlässt das Betreiben von Kinderbetreuungseinrichtungen sowie den Ausbau von Betreuungsplätzen komplett privaten Anbietern. Er macht nur einige Vorschriften zur pädagogischen Qualität und zu den Sicherheitsstandards der Einrichtungen. In Deutschland werden Kindertagesstätten und Horte sowie die zunehmend entstehenden Ganztagsgrundschulen von den Kommunen vorgehalten und verwaltet. Verantwortlich für den Ausbau der Plätze ist das kommunale Jugendamt. Teilweise überlässt das Jugendamt die Ausführung von Kinderbetreuung auch Kirchen, freien Trägern der Wohlfahrtspflege oder Elternvereinen. Aber auch diese werden hauptsächlich über die Kommunen finanziert und müssen nach den Vorgaben des Jugendamtes geführt werden.

Finanzierung

Auch die Finanzierung der Kinderbetreuung spiegelt die unterschiedlichen Positionen der beiden Staaten zur Kinderbetreuung wieder. In den Niederlanden sind Eltern selbst für die Bezahlung der Kinderbetreuung verantwortlich, deren Kosten sich pro Betreuungstag je nach Einrichtung auf gut 50 Euro summieren können. Allerdings können die Eltern vom Staat Zuschüsse beantragen, deren Höhe vom Einkommen abhängig ist (je höher das Einkommen um so geringer die Zuschüsse). Die Zuschüssen werden allerdings nur für die Zeiträume gewährt, in denen beide Elternteile arbeiten. Die Arbeitgeber sind in den Niederlanden aufgefordert, jeweils 1/6 der Kinderbetreuungskosten zu bezahlen. Dies ist zwar (noch) keine gesetzliche Verpflichtung, zeigt jedoch die Denkweise des Ministeriums: Arbeitgeber profitieren von einer funktionierenden Kinderbetreuung und sollen daher auch ihren Teil dazu beitragen. Diese Finanzierungsweise schließt systematisch bestimmte gesellschaftliche Gruppen von vor- und außerschulischer Kinderbetreuung aus: Familien, in denen nur ein Elternteil arbeitet und Familien, in denen kein Elternteil arbeitet.

Die Kinderbetreuungseinrichtungen und Horte in Deutschland werden von den Kommunen finanziert. Von den Eltern wird ein Elternbeitrag eingefordert, der einkommensabhängig ist. Für Familien, deren Bruttoeinkommen unter 12.271 Euro liegt, sind in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel Kindergarten, Kindertagesstätte oder Horte kostenlos. Dieses System ermöglicht prinzipiell allen gesellschaftlichen Gruppen die Teilnahme an vor- und außerschulischer Betreuung – vorausgesetzt, es sind genügend Plätze da. Arbeitgeber sind in der Finanzierung von Kinderbetreuung in Deutschland offiziell nicht eingeplant. Über Betriebskindergärten engagieren sich einige Arbeitgeber freiwillig in der Kinderbetreuung.

Ausnahmen

Auch das deutsche Kinderbetreuungssystem kennt vor allem für Kinder unter 3 Jahren einen privaten Markt. Denn für diese Altersgruppe gibt es in den regulären Kindertagessstätten noch sehr wenig Plätze. Der Bedarf steigt durch die auch in Deutschland zunehmende Zahl an arbeitenden Mütter. Die beliebteste Betreuungsform für unter 3-Jährige ist in Deutschland die Tagesmutter. Zunehmend entstehen jedoch auch private Betreuungseinrichtungen. Die Kosten für diese Kinderbetreuung, deren Stundenpreise zwischen 4 und 6 Euro liegen, müssen die Eltern komplett selbst bezahlen. Allerdings können Eltern seit 2003 einen Teil der Kinderbetreuungskosten bei der Steuererklärung als Ausgaben geltend machen.
Günstigere Betreuungsalternativen sind selbstorganisierte Spielgruppen mit einer Fachkraft und ergänzender, wechselnder Elternbetreuung.

Für Schulkinder, die keinen Hortplatz haben oder in einer Ganztagsschule betreut werden, müssen sich die deutschen Eltern individuelle Lösungen suchen. Eine Variante dafür ist in Deutschland die Au Pair-Betreuung.

Ausblick

Während der niederländischen Staates für die Zukunft das Ziel hat, Arbeitgeber noch stärker in die Kinderbetreuungsfinanzierung einzubinden, um ihr Engagement in der Finanzierung zurücknehmen zu können, hat sich die deutsche Bundesregierung vorgenommen, die Tagesbetreuung in Kindertagesstätten auszubauen um dem wachsenden Bedarf Genüge zu tun. Die Bundesregierung hat die deutschen Kommunen gesetzlich verpflichtet, die derzeit 60.000 Betreuungsplätze für Kinder unter Jahren bis zum Jahre 2010 um 230.000 Plätze zu steigern. Motiviert ist dieses Gesetz durch die Forderung von Frauen, Beruf und Familie besser vereinen zu können. Die Bundesregierung erhofft sich dadurch eine größere Geburtenrate. Denn die liegt in Deutschland bei 1,3 während sie im Nachbarland bei 1,7 liegt.

Autorin: Stefanie Tyroller
Erstellt: Juni 2005