VII. “Michelin-Sterne für Kinderbetreuungseinrichtungen”

Interview mit Prof. Dr.Marianne Riksen-Walraven, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Radboud Universiteit Nijmegen [1]

Tyroller: Professor Riksen-Walraven, wie beurteilen Sie das niederländische Kinderbetreuungssystem?
Riksen-Walraven: Das niederländische Betreuungssystem ist vor allem marktgesteuert und kaum durch den Staat reguliert. Das wirft Probleme auf. Vor allem hinsichtlich der Qualität der Kinderbetreuung müsste der Staat viel mehr Forderungen stellen und sie auch überwachen. Hinsichtlich Sicherheitsfragen und Brandschutz wird regelmäßig kontrolliert. Aber das, was die Kinder jeden Tag mit ihren Erzieher erleben, wird kaum betrachtet.

Tyroller: Sie wurden vom Ministerium für Arbeit und Soziales um Rat gefragt, als das neue Gesetz zur Kinderbetreuung geschrieben wurde. Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?
Riksen-Walraven: Ich habe Vorschläge zur Qualität gemacht. Dabei habe ich mit Kolleginnen vier pädagogische Zielvorstellungen formuliert. 1. muss die psychologische Sicherheit des Kindes garantiert sein, dass heißt es muss sich bei seiner Erzieherin gut aufgehoben fühlen. 2. muss garantiert sein, dass das Kind seine Persönlichkeitskompetenzen entwickeln kann. Die Kindertagesstätte muss 3. die Chance bieten, dass ein Kind soziale Kompetenzen entwickeln kann. 4. muss eine Kindertagesstätte den Kindern auch Werte und Normen nahebringen, zum Beispiel dass Mensch und Natur geachtet werden, dass Toleranz eingeübt wird. Diese Zielvorstellungen sind leider nur sehr allgemein in das Gesetz eingegangen. Es wird auch nicht erklärt, wie diese Zielstellungen zu erreichen sind. Und das schlimmste daran ist, dass es überhaupt kein Kontrollsystem gibt, um Qualität zu überprüfen.

Tyroller: Dadurch, dass die Eltern im neuen Gesetz als Kunden in den Mittelpunkt gerückt wurden und ihnen Mitspracherecht in Form einer Elternkommission zugesprochen wurde, soll sich ja die Qualität verbessern. Glauben Sie das?
Riksen-Walraven: Was die Beurteilung der Qualität einer Kindertagesstätte angeht, sind Eltern überfordert. Es gibt überhaupt keine Gütezeichen, an denen sie sich orientieren können. Eigentlich sollten Kindertagesstätten von einer unabhängigen Instanz auch eine Art von Michelin-Sternen bekommen. Und Eltern sollten deutlich sehen können, wenn ein Stern aberkannt wurde.

Tyroller: Viele Kinder in den Niederlanden gehen mit 3 oder 4 Monaten in eine Kindertagesstätte. Was bedeutet das für ein Kind?
Riksen-Walraven: Nach meiner persönlichen Auffassung ist das viel zu früh. Mit 3 Monaten lernt ein Kind noch nichts von anderen Kindern. Bis zum ersten Lebensjahr lernen Kinder nur in der eins-zu-eins Beziehung mit einem Erwachsenen. Ich denke, für das Kind wäre eine Betreuung zuhause mit einer Pflegerin am besten. In einer Kindertagesstätte müsste der Betreuungsschlüssel für unter Einjährige mindestens 1:3 sein. Doch leider gibt es den fast nirgends. Meist müssen die Betreuerinnen auf 4 oder 5 Babys aufpassen. Zudem braucht man gerade für die Kleinen sehr gut ausgebildete Erzieher. In der Erzieherausbildung spielen aber Babys nur eine kleine Rolle. Doch wenn es gute Erzieherinnen sind, die sich als feste Bezugspersonen um das Kind kümmern, nimmt ein Kind unter einem Jahr sicher keinen Schaden.

Tyroller: Was bedeutet es für die Mutter?
Riksen-Walraven: Grundsätzlich finde ich, dass der Mutterschaftsurlaub in den Niederlanden mit 3 Monaten viel zu kurz ist. Mit 3 Monaten fangen die Kinder gerade an, eine Beziehung aufzubauen. Wir merken bei unseren Untersuchungen, dass es den Eltern dann sehr schwer fällt, ihr Kind wegzugeben. In Skandinavien dauert der Mutterschaftsurlaub 1 Jahr. Das würde auch in den Niederlanden viele Probleme lösen.

Tyroller: Was bedeutet die Trennung in den frühen Jahren für die Eltern-Kind-Bindung?
Riksen-Walraven: Schön ist, dass das keinen Einfluss auf die Eltern-Kind-Bindung hat. Die Verbundenheit hängt vielmehr davon ab, wie die Eltern die Zeit mit ihrem Kind verbringen, wenn sie zusammen sind. Aus Untersuchungen wird deutlich, dass sich arbeitende Eltern in ihrer Freizeit viel mehr um ihre Kinder kümmern.

Tyroller: Warum haben die Niederländischen Kinderbetreuungseinrichtung keinen Erziehungs- oder Bildungsauftrag?
Riksen-Walraven: Das ist historisch bedingt. Kinderbetreuung wird hier nur als Dienst an den arbeitenden Eltern verstanden. Man sieht das schon daran, dass der Aufgabenbereich Kinderbetreuung zum Arbeitsministerium gehört. Meiner Meinung nach müsste er im Schulministerium angesiedelt sein und inhaltlich auf die Kinder ausgerichtet werden. Die niederländischen Peuterspeelzalen (Kinderspielgruppen für Kinder ab 2 Jahren, Anmerkung S.T) sind viel mehr auf das Wohl der Kinder ausgerichtet. Dort sollen Kinder im Kontakt mit Gleichaltrigen soziales Verhalten lernen und ihrem Alter angemessene Anregungen und Spielmöglichkeiten erhalten. Sie arbeiten oft mit den Grundschulen zusammen und bereiten – gerade auch Ausländer – auf die Schule vor. Diese Ziele sollten eigentlich auch in einem Kindertagesstätte verfolgt werden.


[1]  Ihre Forschungs-Schwerpunkte sind frühkindliche Entwicklung, Erzieher-Kind-Interaktion, Verbundenheit, Elternschaft und Kinderbetreuung. Zusammen mit Prof. Dr. Ijzendoorn und Prof. Dr. Tavecchio erarbeitet sie innerhalb des Forschungs-Projektes „Nederlands Consortium Kinderopvang Onderzoek (NCKO)“ Instrumentarien, um die Qualität in Kinderbetreuungseinrichtungen messen zu können.

Autorin: Stefanie Tyroller
Erstellt: Juni 2005