I. Einleitung: Erfolgreich und trotzdem problematisch

An der Frage der Kinderbetreuung entscheidet sich Europas Zukunft. Seit Frauen ihr Glück nicht mehr nur in Familie und Mutterschaft sehen, sondern sich zunehmend auf ihre Ausbildung und das Arbeitsleben konzentrieren, fallen die Geburtenrate in ganz Europa. Die Niederlande haben den Weg aus der Talsohle geschafft. Seit 1990 stieg die Geburtrate kontinuierlich von 1,6 auf heute 1,7 Kinder pro Frau. In genau der selben Zeit verdoppelte sich die Arbeitsteilnahme von Frauen mit minderjährigen Kindern von 30 auf 60 Prozent. Entsprechend stieg das Angebot an Kinderbetreuungsplätzen von 29.000 auf über 200.000 im Jahr 2004.

Statistiken zeigen, dass die niederländischen Familien dabei am liebsten eine Vollzeit- mit einer Teilzeitstelle kombinieren. Kinderbetreuung ist in diesem arbeitsmarktpolitischen Erfolgsmodell zu einem Markt geworden, der einzig das Bedürfnis der Eltern nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie befriedigen soll. Das schafft nicht nur einen eigenen Wirtschaftszweig sondern zugleich auch Jobs für viele arbeitswillige Frauen. Wie sich die Kinderbetreuung in den Niederlanden bis zu diesem Modell entwickelt hat, ist in einem historischen Überblick nachzulesen.

Das Dossier stellt die aktuellen Kinderbetreuungsmöglichkeiten vor, die in den Niederlanden angeboten werden. Trotz eines hauptsächlich am Arbeitsmarktnutzen orientierten Systems gibt es auch Betreuungsmodelle, in denen das Wohl des Kindes im Vordergrund steht.

Zum 1. Januar 2005 ist in den Niederlanden das erste Kinderbetreuungsgesetz in der Geschichte der Niederlande in Kraft getreten. Es regelt landesweit und für alle verbindlich die Finanzierung von Kinderbetreuung sowie die qualitativen Standards der Betreuungseinrichtungen. Das Dossier skizziert das Gesetz und zeichnet die Folgen für die Akteure in der Kinderbetreuung nach.

Der marktwirtschaftliche Ansatz des Kinderbetreuungssektor drängt die pädagogische Qualität in den Hintergrund. Ein Interview mit der Psychologin Marianne Riksen-Walraven versucht zu klären, welche Folgen das für Kind und Familie hat.

Werden die arbeitenden Mütter selbst befragt, so zeigt sich, dass sie trotz einiger Kritik am Betreuungssystem der festen Überzeugung sind, dass eine arbeitende Mutter eine bessere Mutter sein kann. Der Begriff Rabenmutter ist ihnen dabei im wahrsten Sinne des Wortes ein Fremdwort.

Im Vergleich des niederländischen mit dem deutschen Betreuungssystem wird deutlich, dass in Deutschland die Bildung und Erziehung in der Kinderbetreuung im Vordergrund steht. Doch das Betreuungsangebot ist lückenhaft. Es stehen nicht ausreichend Plätze für unter 3-Jährige und noch viel zu wenig Ganztagsgrundschulen zur Verfügung. Die privaten Betreuungsmöglichkeiten, auf die Eltern dann zurückgreifen müssen, sind in Deutschland kaum günstiger als beim Nachbarn und werden nicht von Staat und Arbeitgeber mitfinanziert.

Autorin: Stefanie Tyroller
Erstellt: Juni 2005
Aktualisiert: Januar 2008