V. Historische Entwicklung der Kinderbetreuung in den Niederlanden

Die ersten Kindertagesstätten entstanden in den Niederlanden während der Industrialisierung um 1840. Aufgrund niedriger Löhne musste oft die ganze Familie für den Broterwerb arbeiten. Viele Kinder litten in diesen armseligen Verhältnissen an Unterernährung oder starben. Um dieser Entwicklung gegenzusteuern, wurden Kinderaufbewahrungsschulen (bewaarscholen) gegründet, die von philanthropischen Bürgern aus der Kirche oder caritativen Einrichtungen finanziert und verwaltet wurden. Geleitet wurden diese Einrichtungen nach den pädagogischen Vorstellungen des Reformpädagogen Johann Heinrich Pestalozzi, der sich vor allem für arme und verwahrloste Kinder einsetzte sowie des Erfinders des „Kindergartens“, Friedrich Wilhelm August Fröbel.

Aus diesen „bewaarscholen“ entwickelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg die sogenannten „kleuterschoolen“ (Kindergarten) für Kinder von 4 bis 6 Jahren, in denen der staatliche Bildungsauftrag die caritative Betreuungsfunktion ablöste. Zunehmend setzten sich in den Kindergärten die pädagogischen Ansätze der Italienerin Maria Montessori durch, die 1852 im niederländischen Noordwijk aan Zee starb. Ebenfalls nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten die ersten Firmen Kinderkrippen (crèche). Unternehmen wie die beiden niederländischen Süßwarenhersteller Verkade und Van Melle boten ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, ihre Kinder während der Arbeitszeit betreuen zu lassen.

Kinderspielgruppen-Bewegung

Anfang der 60er Jahren kam die „Kinderspielgruppen-Bewegung“ (peuterspeelzaalbeweging) in den Niederlanden auf. Kinder zwischen 2 und 4 Jahren trafen sich ein bis zweimal die Woche für einige Stunden in einer Kinderspielgruppe, um zu spielen und in Kontakt mit Gleichaltrigen zu kommen, während die Mütter in dieser Zeit frei hatten. Geleitet wurden die Gruppen von Freiwilligen.

Der Geburtenrückgang in den 70er Jahren als Folge der Emanzipation und der Einführung der Pille beförderte das Interesse an den Spielgruppen, denn den Kinder fehlten zuhause die Spielkameraden während die Mütter pädagogische Unterstützung und Kontakt zu anderen Müttern suchten. Zwischen 1965 und 1980 wuchs die Zahl der Kinderspielgruppen daher von 100 auf ca. 3000 Einrichtungen. Der Staat unterstütze ab 1975 über die „Staatsbeitragsregelung für soziale und kulturelle Arbeit“ die Kinderspielgruppen finanziell. Die Eltern wurden um einen Elternbeitrag gebeten. Diese Form der Kinderspielgruppen gibt es heute noch.

Kindertagesstätten

Gleichzeitig stieg durch die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen der Bedarf an Kindertagesstätten. 1970 gründete sich die landesweit organisierte Arbeitsgemeinschaft Kinderzentren in den Niederlanden (Werkgemeenschap Kindercentra in Nederland, WKN). Diese Organisation sorgte für eine Professionalisierung des Erzieherberufs, stellte Qualitätsrichtlinien auf und bot den Kinderzentren, Gemeinden und auch dem Staat Information und Beratung hinsichtlich der Kinderbetreuung. 1977 wurde die bis dato indirekte Staatsfinanzierung der Kinderzentren im Rahmen der „Staatsbeitragsregelung Kindertagestätten“ durch eine direkte Gemeinde-Finanzierung ersetzt. Die Gemeinden erhielten dafür vom Staat Zuschüsse für die Personalkosten der Kindereinrichtungen. Diese Regelung legte auch bestimmte Qualitätsanforderungen fest (z. B. zum Betreuungsschlüssel) und machte Vorschriften zur Höhe des Elternbeitrages.

Wohlfahrtsgesetz

1986 wurde die Verantwortung für Verwaltung und Finanzen der Wohlfahrtsarbeit - zu der die Kinderbetreuung gezählt wurde - vom Staat auf die Gemeinden übertragen. Grundlage dafür war das Wohlfahrtsgesetz. Gleichzeitig wurden Eltern, die Kinderbetreuung nötig hatten, steuerlich bezuschusst. Aufgrund des Gesetzes nahm das Angebot von Kinderbetreuung in den folgenden Jahren zu, konnte aber nicht Schritt halten mit dem wachsenden Bedarf an Kindertagesplätzen durch die stark ansteigende Zahl berufstätiger Frauen.

Stimulierungspolitik

Aufgrund des zu geringen Angebots an Betreuungsplätzen verfolgte der Staat von 1990 bis 2002 eine finanzielle Stimulierungspolitik über die Gemeinden, um das Angebot an Kinderbetreuungsplätzen zu erhöhen. Mehrere aufeinanderfolgende Stimulierungsmaßregeln sollten zu einer Ausweitung der Kindertagesplätze von 23.000 Plätzen (1989) auf etwa 160.000 Plätzen (2003) führen. Auch die Wirtschaft übernahm nun Verantwortung in der Kinderbetreuung. Die Stiftung Kinderbetreuung Niederlande (Stichting kinderopvang Nederland, SKON) wurde Ende der 80er Jahre ins Leben gerufen. Sie gründete Kinderzentren, in denen Betriebe zu vorher abgesprochenen Konditionen Plätze für ihre Arbeitnehmer mieten konnten. Zunehmend wurde das Kinderbetreuungsangebot für Arbeitnehmer Teil von Tarifverträgen und führte zu einer wachsenden Anzahl von Betriebsplätzen. Die Stimulierungspolitik sorgte auch für einen Aufschwung privater Betreuungseinrichtungen. Immer mehr Privatunternehmer gründeten in den 90er Jahren Kindertagesstätten. Auch Gasteleltern-Betreuung – die Betreuung einer kleinen Gruppe von Kindern im eigenen Zuhause – wurde eine zunehmend beliebtere Form der Kinderbetreuung.

Aufgrund des größeren Bedarfs an Kinderbetreuung richtete der Staat neben dem Ausbau der Kapazität nun auch das Augenmerk auf die Qualität. 1996 wurden mittels des „zeitlichen Beschluss Qualitätsregeln in der Kinderbetreuung“ auch Qualitätsforderungen an die Einrichtungen gestellt.

Ministeriumswechsel

2002 wanderte der Aufgabenbereich Kinderbetreuung vom Ministerium für Volksgesundheit, Wohlfahrt und Sport ins Ministerium für Arbeit und Soziales. Kinderbetreuung wurde von diesem Zeitpunkt ab vor allem unter dem Blickwinkel gesehen, Eltern die Kombination von Familie und Arbeit zu ermöglichen. Dies blieb Anfang des neuen Jahrtausends immer noch schwierig, da es noch immer zu wenig Kinderbetreuungsplätze gab, und Kinderzentren lange Wartelisten hatten. Erst die wirtschaftliche Rezession in der damit verbundene Rückgang des Kinderbetreuungsbedarfs sorgten dafür, dass die Wartelisten verschwanden.

2004 gab es in den Niederlanden 1200 Kinderbetreuungsorganisationen, von denen etwa die Hälfe (55 %) eine Kinderbetreuungseinrichtung betrieben. 30 % der Unternehmen unterhielten 2 bis 5 Einrichtungen, 7,5 % 6 bis 10 und ebenfalls 7,5 % mehr als 11 Einrichtungen. Insgesamt gab es 2004 landesweit 185.287 Betreuungsplätze.

Erstes Gesetz zur Kinderbetreuung

Am 1. Januar 2005 ist das Gesetz zur Kinderbetreuung in Kraft getreten. Damit hat Kinderbetreuung zum ersten Mal in den Niederlanden einen gesetzlichen Rahmen bekommen. Einerseits soll das neue Gesetz die Qualität der Kinderbetreuung garantieren, in dem Kinderbetreuungsunternehmer verpflichtet werden, für einen sichere und gesunde Umgebung der Kinder sorgen. Andererseits regelt das Gesetz die Finanzierung der Kinderbetreuung so, dass Kinderbetreuung für alle gesellschaftlichen Gruppen, die arbeiten wollen, bezahlbar sein soll. Eltern bekommen für die Betreuungskosten Zuschüsse von Arbeitgebern und Staat. Während der Arbeitgeberanteil auf ein 1/3 der Kosten gedeckelt ist, gewährt der Staat abhängig vom Einkommen Zuschüsse. Je geringer das Einkommen, um so höher ist der Staatsbeitrag.

Mit dem neuen Gesetz sind kommunale Subventionen aufgrund des Wohlfahrtsgesetzes gestrichen. Auch Betriebsplätze gibt es nicht mehr. Alle Kinderbetreuungseinrichtungen sind nun unternehmerisch tätig und haben nun nur noch mit den Eltern als Kunden zu tun.

Die Einführung des Gesetzes und die damit verbundenen finanziellen und administrativen Umstellungen sorgten in den ersten Monaten des Jahres 2005 für einen Einbruch der Belegungszahlen in den Kinderbetreuungseinrichtungen. Ob dieser Trend anhalten wird, hängt zum einen von der wirtschaftlichen Lage ab, und zum anderen davon, ob sich Eltern weiterhin von den administrativen Hürden des neuen Gesetzes abschrecken lassen.

Autorin: Stefanie Tyroller
Erstellt: Juni 2005