XII. Ein Tag in der Kindertagesstätte „Beerengoed“ in Heerlen

Als die Brüder Luke (3 Jahre) und Vincent de Waal (2 Jahre) kurz nach 9 Uhr in der Kindertagesstätte Beerengoed ankommen, sitzen ihre 9 Freunde schon lange in der Küche und singen fröhliche Lieder. Doch die kleinen Trödler setzen sich erst mal aufs Dreirad und drehen ein paar Runden. Erzieherin Renate lotst sie jedoch bald in Richtung Küche zu einer kleinen Zwischenmahlzeit mit Keksen und Saft. Schließlich sind manche Kinder schon seit 7.45 Uhr da und haben Hunger und Durst. Doch dann geht es endlich rüber ins geräumige Spielzimmer, das wie ein Wohnzimmer eingerichtet ist. Laminatboden, Kamin, rote Wohnzimmerwandleuchten, Sessel und gelbe Wände sorgen für Gemütlichkeit. Eine langer hölzerner Kindertisch mit Stühlen, eine Kuschelecken und das Häuschen „Villa Beerengoed“ laden zum Spielen ein.

Dreirad fahren, Verkleiden, Tischdecken

Während sich Vincent, Luke und der dreijährige Thomas sofort wieder aufs Dreirad schwingen und durch den Raum flitzen, hat die dreijährige Claudia sich aus der Verkleidungskiste ein Prinzessinnenkostüm herausgezogen. Isa (3) und Merel (3,5 Jahre) verkleiden sich mit grünen Zipfelmützen-Umhänge und toben fröhlich kreischend durch den Raum. Jesper (3) deckt inzwischen den langen Kindertisch mit Plastikgeschirr und bekommt Unterstützung von Cerino (2,5 Jahre). Im Hintergrund läuft fröhliche Kindermusik. Die Betreuerinnen Renate und Désirée haben nun Zeit für ein kleines Schwätzchen, eine Tasse Kaffee und ein Butterbrot. Schließlich sind sie seit 2 ½ Stunden permanent im Einsatz, haben nicht nur die zwölf nacheinander eintrudelnden Kinder begrüßt und beschäftigt sondern auch die Waschmaschine angeworfen, Essen vorbereitet und Geschirr gespült.

Während Renate die tobenden Kinder zur Ruhe ermahnt, hat sich Désirée die Hefte von Cerino und Valentijn vorgenommen. Sie notiert, dass beide frische Wechselkleidung benötigen, da sie beim Frühstück Saft über die Hosen geschüttet haben. „Jedes Kind hat so ein Heftchen, in das wir eintragen, wenn etwas besonders passiert ist oder etwas gebraucht wird“, erklärt Désirée. Auch die Eltern sind aufgefordert, aufzuschreiben was Zuhause vorgefallen ist, damit die Erzieherinnen bestimmte Verhaltensweisen der Kinder besser einschätzen können.

Renate beginnt in der Zwischenzeit, die Kinder zu wickeln. Die wenigsten der hauptsächlich zwischen zwei und drei Jahre alten Kinder gehen schon alleine auf die Toilette. Luke wird von seinen Eltern gerade zur Sauberkeit erzogen, deswegen setzt Renate ihn zuerst aufs Töpfchen, während sie dem kleineren Bruder Vincent die Windeln wechselt. Aus dem Schlafraum ist nun das Weinen von Jurre zu hören. Er ist mit seinen 5 Monaten der Kleinste in der heutigen Runde. Den Vormittag hat er bis jetzt verschlafen, doch nun bekommt er Hunger. Statt seiner will nun die knapp einjährige Eva ins Bett, die seit 9 Uhr in ihrem Laufstall saß und brav für sich alleine gespielt hat.

Reinheit, Regelmäßigkeit, Ruhe

„Reinheit, Regelmäßigkeit und Ruhe, dass sind die drei Hauptregeln unserer Kindertagestätte“, betont Erzieherin Renate. Das ist in einer altersgemischten Gruppe, in der Kinder von 0 bis 4 Jahren aufgenommen werden, und bei bis zu 16 Kindern gleichzeitig kein leichtes Unterfangen und bedeutet für die Erzieherinnen straffe Organisation. So steht, nachdem die heute anwesenden 12 Kinder nacheinander gewickelt sind, auch schon der nächste tägliche Programmpunkt an, das Basteln. In Zweiergruppen dürfen sich die Kinder zu Renate setzen und mit Salzteig kneten. Die Jungen formen ein Auto, die Mädchen Perlen und ein Schmetterling für eine Kette. Die anderen Kinder sitzen derweil am Küchentisch und blättern in Kinderbüchern. Dann ist es Zeit fürs Mittagessen. Während Renate mit den Kindern wieder singt und Flöte spielt, bereitet Désirée Brote und Milch für die Kinder vor. Auch die einjährige Eva isst – ganz Niederländerin – statt Brei schon Kaasbroodje.

Private Einrichtung

„Ich dachte mir, Kinderbetreuung ist ein Geschäft mit Zukunft“, erklärt Marion Schelberg, die Chefin der Kindertagesstätte „Beerengoed“, weshalb sie 1992 in ihrem damaligen Zuhause ihre erste Kindergruppe gegründet hat. „Damals gab es kaum Kinderbetreuungsangebote in Heerlen, und ich musste wegen der großen Nachfrage bald eine zweite Gruppe aufmachen.“

Die Kindertagesstätte Beerengoed, in der nun über die Woche verteilt etwa 50 Kinder in zwei Gruppen betreut werden, ist in der Hand einer einzigen Person und damit eigentlich typisch für die Niederlande. 55 Prozent der Kinderbetreuungsorganisationen unterhalten nur eine Einrichtung. Daneben gibt es allerdings auch große Organisationen und Stiftungen, die landesweit viele Einrichtungen betreiben und bis zum Inkrafttreten des neuen Gesetzes auch von den Gemeinde Subventionen für ihre Betreuungsplätze bekamen. Um staatliche Unterstützung hat sich Marion Schelberg allerdings nie bemüht, da sie sich nicht an bestimmte Auflage wie zum Beispiel Linoleumböden halten wollte. „Ich wollte die Räume so gemütlich wie möglich einrichten, und das geht nicht mit Mülleimern an den Wänden und vorgeschriebener Deckenbeleuchtung“. Ihr Konzept, die Tagesstätte wie eine Privatwohnung einzurichten, fällt auch in ihrem heutigen Gebäude, einem von ihr 1998 umgebauten Kindergarten, sofort ins Auge. Im Flur steht eine dunkle Konsole, auf der jedes Kind in einem goldenen Bilderrahmen verewigt ist. Jede der zwei Gruppen hat ein großes Wohnzimmer zum Spielen, eine Küche zum Essen und Basteln, einen Ruhe- und zwei Schlafräume.

Erzieherinnen putzen auch

In die zwei Schlafräume verschwinden nach dem Essen, Händewaschen und Zähneputzen die Kinder, um Mittagschlaf zu machen. Vincent, Robin und Jesper denken allerdings gar nicht daran. Sie liegen zwar brav in ihren Betten, aber das Kuscheltier und die Freunde nebenan sind viel zu interessant, um einzuschlafen. Darum sind sie auch froh, als sie um halb drei wieder aufstehen und nach einem kleinen Obstsnack im Garten toben dürfen. „Von den drei Tagen, an denen Vincent bei uns ist, schläft er dreimal nicht“, erklärt Erzieherin Désirée schmunzelnd. Während sie die Kinder draußen beaufsichtigt und diejenigen verabschiedet, die nun im Laufe des Nachmittags abgeholt werden, putzt Renate Wohnzimmer und Küche und spült das Geschirr. Später ist Renate bei den Kindern und Désirée zieht die Betten ab und macht das Badezimmer sauber. Denn bis um 18 Uhr, wenn Luke und Vincent von Mama Evelyn abgeholt werden, muss auch die Kindertagestätte Beerengoed geputzt, aufgeräumt und das Bastelprogramm für den nächsten Tag vorbereitet sein. Denn schließlich wollen morgen ab halb 8 Uhr 16 Kinder zwischen 0 und 4 Jahre wieder in einer sauberen, ordentlichen und gemütlichen Umgebung den ganzen Tag betreut werden.

Autorin: Stefanie Tyroller
Erstellt: Juni 2005