III. Säulen für die niederländischen Muslime

Es ist noch gar nicht lange her, dass man in Holland nicht an Mohammed, sondern an Menschen wie Mina dachte, wenn es um Muslime ging. Mina war eine junge Marokkanerin, die der Tageszeitung „De Volkskrant“ in den 1990er Jahren als Paradebeispiel geglückter Integration taugte. Sie erzählte, dass sie ihren Ohren nicht traute, als ihre kleine Tochter eines Tages aus der Schule kam und das Liedchen „Jesus ist geboren“ anstimmte. Ein Problem, sagte Mina aber auch, sei das nicht. Sollte ihre Tochter doch ruhig christliche Lieder summen – solange sie am Nachmittag weiterhin wie all ihre Freunde den Koranunterricht besuchte. Im Rückblick betrachtet symbolisiert Mina geradezu in Perfektion die über Jahrzehnte herrschende Vorstellung in den Niederlanden: Wenn man Menschen ihre religiösen Werte und Strukturen lasse, integrierten die sich nahezu von selbst – genauso wie es eben auch die Christen taten. Ein junger muslimischer Niederländer sollte sich als Amsterdamer oder Rotterdamer verstehen und genauso selbstverständlich ein Kopftuch tragen oder eine islamische Schule besuchen.

Die – auch religiöse – Verankerung der Muslime in der Gesellschaft wurde dabei in den Niederlanden jahrzehntelang nicht nur toleriert, sondern auch gefördert. Vom Beginn der Gastarbeiter-Zuwanderung bis in die 1990er Jahre entstanden in den Niederlanden nicht nur rund 400 Moscheen, sondern auch mehr als 40 islamische Grundschulen und eine private islamische Universität; islamische Altenheime, Krankenhäuser, Rundfunkprogramme und Schlachtereien. Das Schächten von Tieren wurde den Muslimen ohne große Umstände ebenso gestattet wie dem Muezzin der lautsprecherverstärkte Ruf zum Gebet. Auch in der Auswahl der Gesprächspartner war die niederländische Regierung großzügig: Die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtete türkische Milli Görus wurde ebenso eingeladen wie umstrittene marokkanische Moscheevereine.

Wer Glocken will, muss auch Muezzine tolerieren

Hinter der enormen Präsenz, die der Islam in der niederländischen Gesellschaft hatte – und: mit Einschränkungen bis heute hat! – ist dabei gar nicht in erster Linie auf die viel zitierte niederländische Toleranz zurückzuführen. Sondern auf ein einzigartiges Gesellschaftsmodell, das immer wieder einmal – zuletzt zu Zeiten der Kriege auf dem Balkan – auch immer wieder als mögliches Vorbild für andere multireligiöse Staaten gehandelt wurde: die so genannte „Versäulung“. Nach Jahrhunderten voller Konflikte zog mit deren Hilfe lang ersehnte religiöse Friede in dem kleinen Land ein. Ab den 1920er Jahren des vergangenen Jahrhunderts organisierten Calivnisten und Katholiken ihr Leben in weitgehend autonomen Säulen – bis sie über strikt getrennte Kindergärten, Schulen, Universitäten, Radio- und Fernsehprogramme, Schwimmbäder und Schachvereine verfügten. In der Nachkriegszeit konnte man zumindest auf dem platten Land groß werden, ohne je einen Angehörigen einer anderen Religion gesprochen zu haben. Die Überreste der Versäulung machten es auch Muslimen leicht, Ansätze einer eigenen Säule zu errichten. Dass man ihnen in einem zutiefst religiösen Land, in das „Gott sei mit uns“ in jede Münze eingraviert war, das Recht auf religiöse Präsenz einräumen musste, schien vielen eine Selbstverständlichkeit; frei nach dem Motto: „Wenn Andersgläubige unsere Kirchenglocken ertragen, müssen wir uns auch den Ruf des Muezzin gefallen lassen“.


Autorin: Jeannette Goddar
Erstellt: April 2010