IX. Blick von außen: Was (ehemalige) Sozialarbeiter schreiben

Geert Mak ist einer der bekanntesten Chronisten der Niederlande. Und es will schon etwas heißen, wenn jemand, der die Niederlande von einem kleinen Dorf bis in die Metropole Amsterdam und durch ein ganzes Jahrhundert literarisch vermessen hat, über eine Nachwuchsautorin sagt: Sie habe sich „in den unzugänglichsten Erdteil“ begeben, nämlich in „die verschlossene Welt der traditionellen muslimischen Familie in der europäischen Stadt“. Unwillkürlich schreckt der Leser zunächst ein bisschen zurück – kommt aber kurz darauf zu dem Schluss: Vermutlich ist daran etwas Wahres – und zwar unabhängig davon, ob sie sich auf dem Weg nach Amsterdam oder Berlin gemacht hat.

„Schaut endlich hin!“

„Schaut endlich hin!“ hat Margalith Kleijwegt das Ergebnis ihrer erhellenden Reise durch ein muslimisch geprägtes Wohnquartier in Amsterdam genannt. Gerichtet ist die Aufforderung dabei an die Familien selbst – der Originaltitel im Niederländischen lautet „Onzichtbare ouders“ (dt. Unsichtbare Eltern).  Wer das Buch liest, bekommt allerdings den Eindruck, es gäbe noch mehr, die gut einmal hinschauen könnten: Lehrer zum Beispiel, Streetworker, die Polizei. Anders als sie kennt die Journalistin nun das Zuhause aller Schüler einer achten Klasse in einer so genannten „schwarzen Schule“ im heruntergekommenen Westen Amsterdams. Die Familien, die im Vorfeld von der Schule angeschrieben worden waren, ließen sie hinein, wenn auch häufig erst beim zweiten oder dritten Versuch. Das mag man als Feindseligkeit gegenüber Niederländern deuten, aber auch als völlige Perplexität: Regelmäßig sagte man ihr, sie sei die erste, die zu Besuch käme – nach zehn, zwanzig oder dreißig Jahren in einem Land, in dem die Menschen traditionell keine Vorhänge aufhängen, um ihre ungeheure Offenheit zu demonstrieren. Warum eigentlich, fragt man sich, schauen niederländische Lehrer nicht einmal bei den Eltern vorbei, wenn die sich nicht in die Schule bemühen? Eine Frage, die sich, übrigens in Berlin genauso gut stellen lässt – wie auch die Anmerkung, dass Elternarbeit in beiden Ländern eins der Top-Integrationsthemen der vergangenen Jahre ist.

In den engen Wohnungen offenbart sich der Autorin eine Parallelwelt, die den Namen zur Abwechslung einmal verdient. Nahezu ausnahmslos trifft sie auf Mütter, die kein Wort Niederländisch sprechen; auf Elternpaare, die nicht die geringste Vorstellung haben, was ihre Kinder in der Schule treiben. Weil sie sich nicht auskennen, haben sie die Verantwortung häufig an ihre ältesten Söhne delegiert – und die sind weit davon entfernt, sich zu kümmern. Sie trifft auf Familien, denen das Gebet gen Mekka die einzige Struktur und der größte Halt im Leben ist – vielleicht zusammen mit dem Häuschen, das sie sich nach Jahrzehnten in zwei Zimmern immer noch im Rif-Gebirge leisten. Sie beobachtet Antisemitismus unter den Jugendlichen, der einem den Atem raubt – aber auch ganz normale Schüler, die beim Lernen dringend ein bisschen mehr Unterstützung bräuchten. Die bekommen in der Klasse nur jene Jugendlichen, die in einem islamischen Internat wohnen, und zwar unter Anleitung von älteren muslimischen Jugendlichen, die weder gewalttätig noch religiös verblendet noch ohne Ausbildung sind – sondern Jura oder Betriebswirtschaft studieren. Was unterscheidet die einen von den anderen? Auch darüber würde man gern mehr erfahren.

Mikrokosmos Rollbergkiez

Einem noch kleineren Ausschnitt der Zuwanderungsgesellschaft – und zwar in ihrer in Deutschland allerproblematischsten Ausprägung – widmet sich die Berliner Ex-Sozialarbeiterin Güner Balci. Jahre nachdem sie ihre Heimat verlassen und eine Laufbahn als Journalistin beim Zweiten Deutschen Fernsehen begonnen hatte, zog es sie zurück: in den Rollbergkiez in Berlin-Neukölln, der längst bundesweit ein Begriff ist. Rund die Hälfte der Bewohner ist nichtdeutscher Herkunft, nahezu ebenso viele sind ohne Arbeit. 40 Prozent der Schüler beenden die Schule mit einem in der Berufswelt immer schlechter verwertbaren Hauptschulabschluss, 30 Prozent gar ganz ohne Abschluss. In der Öffentlichkeit steht der Rollbergkiez allerdings vor allem für andere Schlagworte: für Unregierbarkeit, Kriminalität und die Dominanz einiger weniger libanesischer Großfamilien, die das Viertel seit Jahren stärker unter ihrer Kontrolle haben als die Berliner Polizei. Der Rollbergkiez ist ein Viertel, das stärker als das benachbarte Kreuzberg von arabischer Zuwanderung geprägt ist; auch wenn  ebenso dort wie hier die Mehrheit türkische Wurzeln hat.

In einem Buch, das ein Roman ist, aber auf jahrelangen Beobachtungen basiert, schildert Güner Balci das Leben eines Protagonisten namens Rashid: Der Sohn einer libanesisch-palästinensischen Familie nennt sich selbst „Arabboy“; und so lautet auch der Titel des Buches. Nüchtern und beinahe lakonisch erzählt die Berlinerin türkischer Herkunft den Weg des Jungen – kurz gesagt – von seinem ersten Diebstahl bis in den frühen Tod. Rashid steuert ab seiner frühesten Jugend ohne Umwege auf den Abgrund zu: Er stiehlt und dealt, schlägt zu, tritt und vergewaltigt. Wer in der Hierarchie unter ihm steht hat das Nachsehen, denen über ihm gehorcht er blind. Nahezu minütlich wird der Leser Zeuge krimineller Delikte: von Diebstahl, Raub, Körperverletzung, Hehlerei, Drogenhandel, Vergewaltigung. Rashid ist ein „Mega-Checker“: einer, der die Gesetze der Straße beherrscht, sonst allerdings nichts. Am Ende wird er in die Türkei abgeschoben, ein Land in dem er nie war und dessen Sprache er nicht spricht.

Auf die Frage, ob das nicht eine übertriebene Darstellung der Realität sei, sagt Güner Balci im Jahr 2008: „Natürlich habe ich meine Beobachtungen verdichtet. Aber wenn Sie fragen, ob es nicht möglich gewesen wäre, ein paar „lichtere Gestalten“ in die Geschichte einzufügen, Menschen, die das Gegenteil von Rashid und seinen Kumpels sind: Nein. Aus dem einfachen Grund, weil es solche Leute im Leben dieser Jungs nicht gibt“.

„Viele Kinder resignieren schon mit zehn Jahren“

Obschon die Journalistin und ehemalige Sozialarbeiterin in ihrer Beschreibung einen rauen Ton gegenüber den Jugendlichen anschlägt, hält sie die deutsche Gesellschaft für verantwortlich für die Lage der zweiten und dritten Generation. Kinder wie Rashid spürten schon in der Grundschule, dass es zwei Welten gibt: „eine, in der Kinder von ihren Eltern betreut und versorgt werden und ihre, in der sich niemand kümmert und die keine sozialen Aufsteiger kennt. Häufig resignieren diese Kinder schon mit zehn Jahren. Sie sehen, dass sie in der falschen Welt leben und bemühen sich gar nicht erst, die andere zu erreichen. Und sie suchen sich eine Clique, die ihr Schicksal teilt“.

In eindringlichen Worten schildert Balci das Aufwachsen auf der Straße als ständigen Kampf: „Jeder muss dauernd seine Position sichern und möglichst verbessern. Es sind auch keine Freundschaften, die diese Jugendlichen verbindet, sondern das ständige Gerangel um Rang und Einfluss“. Was den Einfluss der Eltern angeht, ist sie pessimistisch: „In den Heimatländern gibt es den“. In Berlin sei der „Grad der Entwurzelung so groß, dass diese Struktur nicht hält. Die meisten Familien versuchen schlicht, sich irgendwie durchs Leben zu kämpfen“. Diese Entwurzelung führe auch dazu, dass viele sich auf Tradition und Religion zurückzögen. Auch unter den Jugendlichen höre man die Floskel „Ich bin Moslem“ ständig: „Wenn Schulabschluss und Beruf nicht in Sicht sind, wird die Pilgerfahrt nach Mekka als Lebensziel bemüht“. Auch der politische Islam sei eine große Gefahr: „Seit ein paar Jahren treten immer mehr radikale Jungprediger in den Kiezen auf – mit großem Einfluss und hohem Ansehen“.


Autorin: Jeannette Goddar
Erstellt: April 2010