VIII. Integrationskurse und Sprachtests

Mit dem Fahrrad zur Integration

Tulpen und Drahtesel, Käse und Klompen – vier niederländische Importwaren, die in Deutschland schon immer jeder kannte. Seit den späten 90er Jahren des 20. Jahrhunderts kennen die Deutschen noch ein fünftes Produkt: den Integrationskurs.

Bereits in den 1950er Jahren und damit wohl als erste in Europa haben die Niederländer damit experimentiert. Um sie in ihrer Heimat Indonesien als Christen und Verbündete nicht größeren Gefahren auszusetzen, schifften sie nach 1952 tausende Molukker nach Holland. Damit sie sich dort zurechtfanden, wurde ihnen in einem kleinen Kurs das Wichtigste der neuen (Übergangs-)heimat beigebracht: darunter auch, wie man Fahrrad fährt und wie man Kartoffeln schält, nämlich die Schneide des Messers zu sich hin und nicht andersrum. Erst in den 1960er Jahren wurde derartige Heimatkunde als „zu paternalistisch“ eingestuft und wieder eingestellt.

Vorreiter Niederlande: Ab zum Integrationskurs!

Allerdings nicht für immer: 1994 einigten sich die Niederlande über einen „Einbürgerungsvertrag“, der die Einwanderer zu Kursteilnehmern machen sollte. Noch bevor die „Neuen“ die Sprache lernten, sollten sie Gepflogenheiten und Gesellschaft lernen: Was bieten die Bezirksämter an, welche Rolle spielt die Königin, wie viele Streifen stemple ich ab, wenn ich mit der Straßenbahn zum Bahnhof fahre? In Rollenspielen übte man, dass man sich am Telefon nicht mit „Hallo", sondern mit dem Namen meldet, wie man sich höflich und nicht barsch beim Arbeitgeber krank meldet, wie ein Antrag auf Kindergeld ausgefüllt wird.

Ab 1998 waren Integrationskurse unter dem Wet Inburgering Nieuwkomers (dt. Gesetz zur Einbürgerung von Migranten) verpflichtend für alle Neuankömmlinge, die nicht aus der EU, der Türkei, Polen oder den USA stammen und dauerhaft im Land bleiben wollen. Über einen Zeitraum von 600 Stunden lernen die Migranten die niederländische Sprache und Kultur kennen. Organisiert wird der Unterricht von den Kommunen und ausgerichtet von Anbietern des Bildungsmarktes. Die Kosten von immerhin 6.600 Euro – oder sechs Mark pro Stunde – pro Teilnehmer übernahm die Regierung, die Organisation die Kommunen. Im Zuge des Rechtsrucks in der niederländischen Politik wurde die großzügige Kostenübernahme 2002 wieder abgeschafft: Inzwischen sind die Kurse privatisiert; zahlen müssen die Teilnehmer. Deren Kommen ist zwar seither auch nicht mehr verpflichtend – Pflicht geblieben ist allerdings weiterhin ein Integrationstest, den der Staat nach wie vor unter seiner Ägide durchführt.

Rot-Grün zieht nach – zum Sonderpreis

Die 1998 gewählte erste rot-grüne Regierung der Bundesrepublik schaute voller Interesse auf die Kurse im Nachbarland – und entwarf, im Zuge des ersten Zuwanderungsgesetzes etwas Ähnliches: einen dreiteiligen Integrationskurs, bestehend aus: einem 300-stündigen „Basissprachkurs“, der vom Bund finanziert wird, einem 300-stündigen Aufbausprachkurs, dessen Kosten von den Ländern getragen werden. Und einen 30-stündigen „Orientierungskurs“, der „Kenntnisse der deutschen Rechtsordnung, Kultur und Geschichte“ vermittelt. Kosten sollte das Angebot allerdings nur ein gutes Drittel der in den Niederlanden veranschlagten Summe pro Teilnehmer und Stunde. Inzwischen wurde die Unterstützung heraufgesetzt; die schlechte Bezahlung – und die vermutlich damit verbundene Qualität – der Kursleiterinnen und Kursleiter – gilt Migrationsexperten bis heute als großes Manko. Seit 2004, als das Zuwanderungsgesetzt in Kraft trat, sind die Kurse für Zuwanderer aus Nicht-EU-Ländern verpflichtend. Das soll auch unter der 2009 gewählten schwarz-gelben Regierung so bleiben; diese beschloss zudem in ihrem Koalitionsvertrag, den Sprachkurs von 600 auf 900 Stunden aufzustocken.

Integrations-Check am Telefon

Außerdem haben beide Länder in den vergangenen Jahren den Integrationskursen etwas hinzugefügt, was sie „Integration im Ausland“ nennen – was Kritikern allerdings schlicht als „Zuwanderungs-Verhinderungs-Maßnahme“ bezeichnen. In den Niederlanden setzte die als „Eiserne Rita“ bekannt gewordene rechtsliberale Integrationsministerin Rita Verdonk (ehemals VVD) durch, dass jeder, der in die Niederlande will, schon in der Heimat pauken muss: Seit März 2006 muss jeder Einwanderungswillige – unter ihnen viele Ehepartner von in den Niederlanden lebender Migranten – schon in der niederländische Botschaft einen Test absolvieren. Das Examen findet am Telefon statt und fragt sowohl Sprachkenntnisse als auch Wissen über das ferne Land ab. Darunter sind einige für niederländische Identität unverzichtbare Fragen wie die nach der Bedeutung Wilhelm von Oraniens, die allerdings kaum einem Ausländer besonders präsent sein dürfte. Und auch die Fragen nach der Entfernung von Amsterdam nach Enschede – eine, zwei oder drei Stunden – oder die, in welchen Müll das Frittierfett gehört, beantwortete sogar ein großer Teil der niederländischen Prominenten im Probelauf eines Fernsehsenders falsch.

Hohe Durchfallquoten trotz Goethe-Institute

Deutschland verschärfte 2007 das Zuwanderungsgesetz. Seither müssen auch hier Familiennachzügler bereits bei der Einreise Grundkenntnisse der deutschen Sprache vorweisen und dürfen somit nicht zu ihrem Ehepartner, solange sie in ihrer Heimat den entsprechenden Kurs nicht bestanden haben. Anders als Niederländisch wird Deutsch zwar zumindest in den Hauptstädten der potenziellen Auswanderungsländer – nämlich zumeist vom Goethe-Institut – wenigstens unterrichtet. Dennoch fällt ein gutes Drittel aller Teilnehmer durch den Test. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor, die die Berliner Tageszeitung taz kurz vor Ostern 2010 veröffentlichte. Demnach macht nur jeder fünfte Prüfling vor dem Test einen Deutschkurs – was ja auch eine Geldfrage ist; unter denen, die ihn nicht machen, fällt beinahe jeder zweite durch.


Autorin: Jeannette Goddar
Erstellt: April 2010