I. Einführung

Wer zog wohin? Migranten in Deutschland und den Niederlanden

Dass die Geschichte der Zuwanderung in die Niederlande und nach Deutschland einen unterschiedlichen Anfang nahm, hat einen ganz simplen Grund: Das Königreich war eine große Kolonialmacht; Preußen als solche eher vernachlässigenswert. So kommt es, dass nach Schätzungen niederländischer Historiker schon im 17. Jahrhundert bis zu fünf Prozent Ausländer in den Niederlanden lebten: Hugenotten aus Frankreich; Juden aus Portugal und Südosteuropa – und Menschen aus den Kolonien, vor allem wohlhabende Bürger der Antillen, aus Surinam und aus dem späteren Indonesien.

Am Anfang kamen die Molukker

Ein regelrechtes Einwanderungsland wurden die Niederlande erst nach ihrem Ende als Kolonialmacht; und vor allem wegen den mit der Unabhängigkeit Indonesiens verbundenen Unruhen. Kurz nachdem die Kolonialmacht das aus 12.000 Inseln bestehende Land 1950 in die Unabhängigkeit entlassen hatte, riefen die Führer der christlichen Inselgruppe Molukken die Unabhängigkeit ihrer „Republik der Südmolukken“ (RMS) aus. Zehntausende molukkischer Soldaten hatten sich jahrelang mit ihren niederländischen Kollegen den Unabhängigkeits-Bestrebungen widersetzt – nun forderten sie im Gegenzug auch einmal Unterstützung; in ihrem Kampf um Autonomie. Weil die niederländische Regierung diese nicht liefern wollte, brachte sie mehr als 13.000 ehemalige Soldaten mit Familien in die Niederlande – vorübergehend, wie alle Beteiligten dachten. Doch kaum einer verließ die Niederlande wieder.

Die in abgeschotteten Stadtvierteln untergebrachten Molukker waren der erste Testfall für die niederländische Integrationsfähigkeit. Und: kein besonders geglückter. Über Jahrzehnte gab es kaum freundliche Kontakte zwischen Niederländern und den Neuankömmlingen. Dass ein paar junge Molukker in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts einen Zug entführten, machte die Lage der inzwischen 40.000-köpfigen Community nicht besser: ihre Kinder wurden von Lehrern und Mitschülern offen diskriminiert, molukkische Jugendliche taten sich schwer, eine Lehrstelle zu finden. Mit den Molukkern hat auch zu tun, dass die Niederlande später das europäische Zentrum antiindonesischer Aktivisten schlechthin – insbesondere im Kampf um die Unabhängigkeit Ost-Timors – wurden.

Nach der Unabhängigkeit Surinams in den 1970er Jahren stieg auch von dort die Zuwanderung an. Ab den 1990er Jahren, als sich die wirtschaftliche Lage in dem Karibikstaat immer mehr verschlechterte, zogen verstärkt Antillianer zu. Insbesondere unter ihnen waren auch viele, die schon in den Antillen benachteiligt waren und die sich nun auch in den Niederlanden schwer taten, Fuß zu fassen. Bis in das 21. Jahrhundert galten antillanische Jugendliche als größte Problemgruppe; erst der 11. September verschob den Fokus hin zu Jugendlichen aus islamisch geprägten Ländern.

Ende der Kolonialzeit – Anfang der Gastarbeiter-Ära

Wie Deutschland standen auch die Niederlande in den 1960er Jahren vor einem dramatischen Arbeitskräftemangel – und genau wie Deutschland deckten sie diesen mit Gastarbeitern, die zunächst aus Südeuropa und später auch aus entfernteren Ländern stammten. Wie Deutschland entschlossen sich die Niederlande – nach solchen mit den Ländern Südeuropas – zu einem Gastarbeiter-Abkommen mit der Türkei; später folgten solche mit Marokko und Tunesien. Aus Marokko, das macht sich in den Niederlanden bis heute bemerkbar, zogen wesentlich mehr Menschen in die Niederlande als nach Deutschland. Als die Ölkrise in beiden Ländern den Import von Arbeitskräften beendete, lebten in Deutschland 2,6 Millionen Ausländer, in den Niederlanden 180.000.

Es folgte in beiden Ländern eine identische Reaktion: Insbesondere Arbeiter aus Nicht-EU-Ländern holten Familien nach: in Deutschland vor allem Türken; in den Niederlanden Türken und Marokkaner. Heute leben in den Niederlanden rund 300.000 Einwohner türkischer und etwa 260.000 Einwohner marokkanischer Herkunft oder Abstammung; in Deutschland 2,4 Millionen Türken oder Deutsche türkischer Herkunft (jeder dritte hat einen deutschen Pass). Aus beiden Ländern wandern, auch wenn das in der Öffentlichkeit wenig diskutiert wird, viele auch wieder aus: Im Polderland überstieg die Summe der Wegzüge 2003 erstmals die Zahl der Zuzüge; in Deutschland war das laut dem jüngsten Migrationsbericht der Bundesregierung erstmals 2008 der Fall.

In den Westen geflohen

In den 1990er Jahren nahmen die Niederlande wie Deutschland zahlreiche Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien auf. Auch der Irak und Afghanistan sind wichtige Herkunftsländer von Flüchtlingen. Es wird geschätzt, dass wegen der niedrigeren Kontrollquote – und beispielsweise der immer noch nicht eingeführten Pflicht, einen Pass mit sich zu führen – prozentual mehr Menschen ohne Pass in den Niederlanden als in Deutschland leben. Nach dem es lange relativ leicht war, als so genannter „weißer Illegaler“ mit Steuerkarte und Krankenversicherung in den Niederlanden zu arbeiten und versichert zu sein, ist das inzwischen nahezu unmöglich. Die Einführung des so genannten „Koppelingenwet“ (dt. Kupplungsgesetzes) 1998, das den Aufbau von Datenbanken von Institutionen wie Stadtverwaltungen, Steuerbehörden und Ausländerämtern ermöglichte, erschwerte sich das Leben weißer Illegaler immens. Die verstärkte Macht rechtsliberaler (VVD) bis latent rechtsextremer (LPF, PVV) Parteien in diesem Jahrtausend erschwerte die Bedingungen der Einreise wie des Aufenthalts in den Niederlanden weiter.

Allerdings wurden in Deutschland wie in den Niederlanden auch einige Verbesserungen erreicht: in Deutschland für so genannte langjährig geduldete Flüchtlinge, die wegen der dortigen Lage nicht in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden können; in den Niederlanden für Asylbewerber deren Anträge länger als fünf Jahre nicht abgearbeitet wurden. 30.000 Menschen, die bereits seit 2001 und länger im Land waren, wurden 2006 in einer einmaligen Aktion gleichsam „amnestiert“. Im Gegenzug wurde die Überprüfung der Ausreise, die lange nicht zwangsweise durchgesetzt worden war, drastisch verschärft. In beiden Ländern geht die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge auf Grund der verschäften Einreisebestimmungen und der EU-weiten Drittstaatenregelung seit Jahren zurück.

Woher die meisten Menschen kommen

Statistisch stellen 2009 die Indonesier mit 384.497 Menschen die größte Gruppe „allochtone“ (dt. allochthon = an anderer Stelle entstanden) in den Niederlanden. Es folgen 379.559 Deutsche, 378.330 Türken, 338.678 Surinamer und nahezu ebenso viele Marokkaner. In Deutschland stellen die Türken mit fast 1,6 Millionen die mit Abstand größte Ausländergruppe. Die nächst größeren Gruppen sind Italiener mit 517.474 Personen, die Polen mit 398.513 und die Griechen mit 278.063.

Größte Einwanderergruppen in beiden Ländern
Gruppen nach Staatsangehörigkeit, Zahlen aus dem Jahr 2009, Quelle: CBS und Statistisches Bundesamt.
Rang
Deutschland

Niederlande

1
Türkei 1.658.083 Indonesien 384.497
2
Italien 517.474 Deutschland 379.559
3
Polen 398.513 Türkei 378.330
4
Griechenland 278.063 Surinam 338.678
5
Kroatien 221.222 Marokko 341.528
6
Russische Förderation 189.326 Antillen und Aruba 134.774

In Deutschland ist der Anteil von Menschen ohne deutschen Pass an der Gesamtbevölkerung Deutschlands seit Mitte der 1990er Jahre nahezu unverändert und liegt bei 8,8 Prozent. Rund 20 Prozent haben einen so genannten Migrationshintergrund. In den Niederlanden leben demgegenüber 6,2 Prozent „Ausländer“ und ebenfalls rund 20 Prozent „allochtone.“ In beiden Ländern stammt mehr als jeder dritte mit Migrationshintergrund aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Die Niederlande zählen zudem „allochtone“ mit Wurzeln in einem „nicht-westlichen“ Land: nämlich 1,6 Millionen. Im Jahr 2020 werden es voraussichtlich 2,4 Millionen sein. Die meisten „nicht-westlichen allochtonen“ leben in Amsterdam, Rotterdam und Den Haag. Dort steigt ihr Anteil rasant: etwa in Amsterdam von 28 Prozent 1995 auf 34 Prozent in 2003. An Amsterdams Schulen stellen die Einwanderer längst die Mehrheit. In Deutschland tun sie das auch – allerdings lediglich in den Innenstädten.

Mehr Menschen aus Osteuropa in Deutschland

Eine wesentlich größere Rolle als in den Niederlanden spielen die Einwanderer Osteuropas in Deutschland. Die Zahl der Aussiedler belief sich zwischen 1988 und 2004 auf drei Millionen. Nach dem deutschen Staatsangehörigkeitsrecht haben Spätaussiedler samt Ehegatten und Kindern einen Anspruch auf Einbürgerung (Anspruchseinbürgerung). Spätaussiedler im Sinne des Artikels 116 des Grundgesetzes sind deutsche Volkszugehörige aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und anderer osteuropäischer Staaten. In den Niederlanden werden seit der Aufnahme Polens in die Europäische Union und der sukzessiven Abschaffung der Hindernisse für Arbeitsmigranten immer mehr polnische Arbeiter ins Land geholt; und auch, übrigens: Gastarbeiter aus den strukturschwachen Gebieten der neuen Länder in Deutschland.

Im Jahr nach der Verabschiedung des ersten Zuwanderungsgesetzes in Deutschland – das, anders als die Niederlande, jahrzehntelang nur sehr restriktive Regelungen für den dauerhaften Verbleib hatte, kommen dessen ungeachtet weniger Neuankömmlinge als zuvor. 216.000 Menschen aus anderen Ländern ließen sich 2006 noch in der Bundesrepublik nieder, 30.000 oder elf Prozent weniger als im Jahr zuvor. Auf dem gesamten Gebiet der 30 weltweit führenden Industriestaaten stieg die Zahl der Einwanderer in der gleichen Zeit um fünf Prozent. Noch weniger Zuzüge als Deutschland – im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl – hatten lediglich Japan, Portugal, Finnland und Frankreich zu verzeichnen. In den Niederlanden stieg die Zahl der Zuwanderer 2006 erstmals seit 2001 im Vergleich zum Vorjahr wieder an. Allerdings zogen fast ebenso viele Menschen – Allochtone wie „Ur-Niederländer“ – weg wie Neuankömmlinge kamen.

Im Wettbewerb um Akademiker

Beide Länder bemühen sich angesichts des verstärkten Wettbewerbs um kluge Köpfe weltweit um ausländische Wissenschaftler und Hochqualifizierte. Auf der „Pro“-Seite gegenüber Deutschland können die Niederländer verbuchen, dass sie dort auch den Ehepartnern unbürokratisch eine Arbeitserlaubnis erteilen. In beiden Ländern ist der Aufenthalt eng an das Vorhandensein einer Stelle gekoppelt – geht diese verloren, droht nach einem Jahr die Ausreise. Im globalen Wissens-Wettbewerb profitieren die Niederlande zudem von der wesentlich weiteren Verbreitung des Englischen als akademische Sprache – nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre.

In Deutschland steht im Jahr 2010 die erleichterte Anerkennung ausländischer Abschlüsse im Fokus des Bemühens um mehr Fachkräfte und eine bessere Integration der Zuwanderer. Im Dezember 2009 verabschiedete das Bundeskabinett Eckpunkte für einfachere Verfahren. Ab 2011 soll jeder Ausländer einen Rechtsanspruch auf die Prüfung seiner Qualifikationen innerhalb von sechs Monaten haben und zudem einheitliche Standards und Kriterien für die Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen gelten. Nach Schätzung der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), sollen rund eine halbe Million Menschen von der Neuregelung profitieren.


Autorin: Jeannette Goddar
Erstellt: April 2010