VII. Messbare Erfolge der zweiten Generation

Keine Erkenntnis der Bildungsforschung zieht sich so durchgängig durch sämtliche Vergleichsstudien der vergangenen Jahre wie diese: In keinem anderen vergleichbaren Industriestaat ist der Zusammenhang zwischen sozialer und kultureller Herkunft und schulischem Erfolg so eng wie in Deutschland. Das sagt die Grundschul-Lesestudie IGLU (deren internationaler Titel „Progress in International Reading Literacy Study“ lautet) ebenso wie der internationale OECD-Vergleich unter 15-Jährigen, PISA („Programme for International Student Assessment“), samt all seiner Sonderauswertungen. Laut IGLU erhalten Kinder deutscher Eltern mit mehr als viermal höherer Wahrscheinlichkeit eine Empfehlung für das Gymnasium als Migranten; Kinder aus oberen Schichten viermal eher als Arbeiterkinder. Und laut PISA 2006 liegen in Deutschland geborene Jugendliche von ausländischen Eltern mit ihren Leistungen auf der von der OECD gemessenen Kompetenz-Skala um 93 Punkte hinter „autochthonen“ Schülern. In Jahren macht das zwei Schuljahre Leistungsunterschied.

Analog dazu stellt sich die Verteilung der Schüler auf das dreigliedrige Schulsystem dar. Während die größte Gruppe der „urdeutschen“ Kinder inzwischen das Gymnasium besucht, kommt mehr als jeder dritte Schüler mit Migrationshintergrund über die Hauptschule nicht hinaus. Bundesweit verlässt zudem nahezu jeder fünfte ausländische Schüler die Schule ohne Abschluss. Allerdings sind Experten sich auch einig, dass Bildungserfolg wie auch Bildungsbewusstsein sich nicht entlang ethnischer Linien sortieren – sondern entlang sozialer. Und der Sozialstatus der Zuwanderer ist auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach Beginn der Gastarbeiter-Ära immer noch unvergleichlich niedriger als jener der deutschen Mehrheitsbevölkerung.

PISA-Sieger Niederlande – mit Abstrichen

Die Niederlande, die sich beim ersten PISA-Durchlauf 2000 mangels Teilnahme von genügend Schulen für die Wertung disqualifiziert hatten, standen beim zweiten Durchlauf als einer der großen Überraschungssieger dar. In der Haupttestdisziplin Mathematik kamen sie hinter Finnland und Südkorea auf den dritten Platz.

Bei genauerem Besehen zeigt sich aber: Auf das bessere Abschneiden der zweiten und dritten Generation ist der Erfolg nicht zurückzuführen. Wie in Deutschland und übrigens auch in Österreich schneiden Schüler aus Zuwandererfamilien auch in den Niederlanden deutlich schwächer ab als einheimische. Dass das nicht so sein muss, zeigt ein Blick auf einige Länder außerhalb Europas: In Kanada und Hongkong konnten die PISA-Forscher keinen Leistungsunterschied zwischen den Kindern je nach ihrer Herkunft feststellen. Inwieweit auch die Unterschiede in der Sozialstruktur der Zuwanderer dafür verantwortlich sind, konnte PISA allerdings nicht klären.

Schulabbrecher in beiden Ländern

Fest steht: Auch in den Niederlanden ist die Zahl der (nicht-westlichen) „allochtonen“ Jugendlichen, die die Schule abbrechen, doppelt so hoch wie die der Autochthonen. Und während beinahe die Hälfte aller autochthonen jungen Erwachsenen an einer Universität oder anderen Hochschule eingeschrieben sind, gilt dies nur für jeden vierten türkischen und marokkanischen Jugendlichen und für jeden dritten Abkömmling surinamischer und antillianischer Familien.

Allerdings: In Deutschland, wo die Studierquote insgesamt noch mehr als zehn Prozent niedriger ist als im Polderland, ist der Anteil der Zuwandererkinder noch deutlich geringer. Nach der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks von 2006 hatten 136.000 Studierende mit einem deutschen Schulabschluss einen Migrationshintergrund. Das ist ein Anteil von acht Prozent aller Studierenden. In beiden Ländern ist unstrittig, dass die Zahlen steigen – in den Niederlanden weiß man, dass die Zahl der studierenden marokkanischen und türkischen Jugendliche in den vergangenen zehn Jahren um zehn Prozent gestiegen ist.

TIES vergleicht die Großstadtkinder

Einen Vergleich der zweiten Generation in Deutschland und den Niederlanden wird in Kürze das noch nicht abgeschlossene Projekt „The Integration of the European Second Generation“ (TIES) bieten. Die Studie untersucht die Lebensverhältnisse der zweiten Einwanderergeneration in 15 Großstädten in acht europäischen Ländern. Befragt wurden mehr als 10.000 18- bis 35-Jährige ohne Migrationshintergrund, aus türkischen, marokkanischen und jugoslawischen Elternhäusern. In Deutschland befragte das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) mit Sitz in Osnabrück junge Männer und Frauen in Frankfurt und Berlin, die alle hier geboren wurden oder ihre gesamte Bildungslaufbahn durchlaufen haben. In den Niederlanden widmete sich ein Forscherteam an der Universiteit van Amsterdam dem Nachwuchs in Amsterdam und Rotterdam.

Teilerkenntnisse, beispielsweise über die Lage türkischstämmiger Zuwandererkinder, wurden bereits 2009 veröffentlicht. Darin bestätigt TIES, dass die Konzentration von „allochtonen“ Kindern in Amsterdam und Rotterdam weit höher ist als in Frankfurt oder Berlin; aber auch, dass sowohl von so genannten „weißen“ wie „schwarzen“ Schulen weit mehr türkischstämmige Kinder eine akademische Ausbildung anstreben als in Deutschland. TIES sagt auch, dass eine späte Aufteilung auf verschiedene Schultypen „den Fähigkeiten von Zuwanderer-Kindern besser gerecht wird.“ Allerdings: Die Quote der Schulabbrecher unter jungen Türken ist in den niederländischen Städten noch höher als in Deutschland. Dort stellen sich viele Probleme erst nach der Schule: nämlich für jene, die mit dem immer wertloser werdenden Hauptschulabschluss keine Berufsausbildung bekommen.

Niederlande: Mehr Jugendliche auf der „langen Route“

Auf der Pro-Seite für die Niederlande vermerkt TIES auch: Mehr Migrantenjugendliche schaffen auf der „langen Route“ über eine niedrige Schul- und eine anschließenden Berufsausbildung doch noch den Weg in die Hochschule. Und: Auch (einstige) Risikojugendliche finden häufig ihren Weg; beispielsweise über so genannte „Training-on-the-Job“-Modelle. Tatsächlich stehen seit der Reform des „leerlingwezen“ (dt. duale Berufsausbildung) in den 1990er Jahren nicht mehr viele Jugendliche ganz ohne Eintrittskarte für den Arbeitsmarkt da. Statt einem bietet das niederländische Ausbildungssystem vier Abschlüsse. In sechs bis zwölf Monaten qualifizieren sich so genannte „Assistenten“ für einfache Tätigkeiten. In zwei bis drei Jahren schaffen Jugendliche die „Basis-“, in drei bis vier Jahren die „Fachausbildung“, die zum selbstständigen Arbeiten qualifiziert. Wer Stufe vier der Ausbildungsleiter erklimmt, ist „Allround-Fachmann und Spezialist“ und kann sich damit auch ohne Abitur an jeder Hochschule bewerben.

Deutschland: Keine lange Route, aber Jobs auch ohne Abschluss

Für Deutschland attestiert TIES: Die „lange Route“ in die Universitäten gibt es auch – aber kaum jemand nimmt sie. Dafür ist Deutschland in anderer Hinsicht eine löbliche Ausnahme: Es ist das einzige der verglichenen 15 Länder, in denen die Arbeitslosigkeit unter jungen Türken der zweiten Generation mit Ausbildung nicht höher ist als unter „Urdeutschen“. Das große Problem ist, dass zu viele keine Ausbildung bekommen – aber wenn sie sie haben, werden sie auf dem Arbeitsmarkt nicht (mehr) benachteiligt. Dies steht im Gegensatz zu der Erkenntnis, dass Deutschland das Land ist, in dem sich junge Türken am wenigsten willkommen fühlen.


Autorin: Jeannette Goddar
Erstellt: April 2010