III. Durch Wissenschaft zu Gerechtigkeit

Auch dieses Mal stieß Regouts Vorschlag, beschrieben im Artikel 248bis, im Parlament auf Widerstand, da man fürchtete, dass das Gesetz genau den gegenteiligen Effekt haben würde. Jedoch kam der Gesetzesentwurf dieses Mal doch durch, wahrscheinlich weil inzwischen die politische Macht der Katholiken  und Reformierten gewachsen war.[1] Möglicherweise spielte auch die größere Aufmerksamkeit für Homosexualität und Uranismus eine Rolle. Dass um die Jahrhundertwende mehrere Begriffe gebräuchlich waren, um „abweichende“ sexuelle Verhaltensweisen, Gefühle und sexuelles Verlangen anzudeuten, zeigt bereits, dass das Phänomen schon lange nicht mehr totgeschwiegen wurde. Es war bereits ein Diskussionsthema geworden.

Obwohl die Verführungsthese die politische Debatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts  dominierte und Homosexualität als Sünde betrachtet wurde, waren auch andere Vorstellungen verbreitet. Gegenüber dem Gedanken, dass Homosexualität zum Beispiel durch das Fahrenlassen jeglicher Form der Selbstbeherrschung angekurbelt und angelernt werden konnte, stand die Idee, dass sie natürlich war. So führte der Berliner Arzt Magnus Hirschfeld in der Nachfolge Ulrichs aus, dass Homosexualität – oder besser gesagt Uranismus – als eine normale und angeborene Variation verstanden werden muss. Homosexuelle müssten seinen Erkenntnissen zufolge als ein drittes Geschlecht betrachtet werden, das zwischen heterosexuellen Männern und Frauen liegt. Homosexuelle Männer waren dieser Theorie zufolge stets feminine Männer (Uranier). In Anbetracht der Tatsache, dass Menschen immer einen Partner wollten, der sie ergänzt, würden feminine Männer sich nun einmal zu maskulinen (sprich: heterosexuellen) Männern hingezogen fühlen.[2]

Uranier konnten demnach auch nichts für ihr homosexuelles Verlangen. Obwohl die Theorie des dritten Geschlechts auch für Frauen galt, blieben Hirschfelds Analysen meist auf Männer beschränkt. Möglicherweise hatte das auch mit der Rechtslage in Deutschland zu tun, wo nur der Sex zwischen Männern verboten war.

Verstand Hirschfelds Theorie Homosexualität als etwas, das normal war und regelmäßig in der Natur vorkam, betonten andere Theorien vor allem das abweichende Element der Homosexualität, auch wenn es „natürlich“ war. Homosexualität wurde demnach als eine problematische Abweichung gesehen, als ein Fehler der Natur. Manche verstanden Homosexualität als eine Krankheit, die geheilt werden musste, während sie andere als eine Entwicklungsstörung betrachteten. In den Jahren zwischen den Weltkriegen fanden vor allem die psychoanalytischen Ideen des Psychiaters Sigmund Freud viele Anhänger. Er betrachtete Homosexualität als das Ergebnis einer gestörten Entwicklung in den ersten Lebensjahren eines Kindes.[3] Inwieweit Freud selbst glaubte, dass Homosexualität durch Therapie und Erziehung heilbar ist, bleibt unklar.

Für die niederländischen Vorkämpfer für homosexuelle Gleichwertigkeit war dieser Vorschlag jedenfalls Anlass genug, um zu psychoanalytischen Erklärungen Abstand zu halten. Die Theorie des dritten Geschlechts bot ihnen mehr Greifbares. Der Deutsche Hirschfeld setzte die Theorie sogar ein, um für die homosexuelle Sache zu kämpfen. Mit seinem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WHK) sammelte er Beweise für die angeborene Natur der Homosexualität, um damit für die Abschaffung des deutschen Antihomosexuellen-Artikels einzutreten.

Es waren die Ärzte Arnold Aletrino  und Lucien von Römer , die in den Niederlanden als erste der Theorie des dritten Geschlechts ihre Aufmerksamkeit widmeten und auf dessen Grundlage ein Plädoyer für eine gerechte Behandlung von Uraniern hielten. Die Einführung des diskriminierenden Artikels 248bis im Jahr 1911 war ein Grund für die niederländischen Aktivisten, um Hirschfeld nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis zu folgen. Die niederländischen Vorkämpfer gründeten einen niederländischen Zweig des WHK: das Niederländisches Wissenschaftlich Humanitäres Komitee (NWHK). Die Angst niederländischer Politiker, dass Antihomosexuellengesetze mehr Schlechtes als Gutes bringen würden, weil sie Homosexualität erst recht sichtbarer machten, hatte sich also als begründet erwiesen.[4] Der Artikel 248bis brachte die erste Organisation für Rechte Homosexueller in den Niederlanden hervor.


[1] Vgl. Meer, Theo van der: Jonkeer mr. Jacob Anton Schorer, Een biografie van homoseksualiteit 1866-1957, Amsterdam 2007. S.142-143.
[2] Vgl. Tielman, Rob: Homoseksualiteit in Nederland, Amsterdam/Meppel (1982) S. 80. &Meer, Theo van der: Jonkeer mr. Jacob Anton Schorer, Een biografie van homoseksualiteit 1866-1957, Amsterdam (2007) S. 118-119.
[3] Vgl. Tijsseling, Anna: : Schuldige seks. Homoseksuele zedendelicten rondom de Duitse bezettingstrijd, Utrecht 2009 (zgl. Dissertation Utrecht 2009) S. 153.
[4] Vgl. Koenders, Piet: Tussen christelijk reveil en seksuele revolutie. Bestrijding van zedeloosheid in Nederland. Met nadruk op repressie van homoseksualiteit, Amsterdam (1996) S.162.

Autorin: Elise van Alphen
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: April 2012