II. Von Homosexualität sprechen

Worum geht es eigentlich, wenn wir über Homosexualität in den Niederlanden sprechen? Der Begriff „Homosexualität“ selbst tauchte 1872 zum ersten Mal in einem niederländischen Text auf, um eine Variation gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen, Gefühle und sexuellen Verlangens anzudeuten. Das Wort musste mit Begriffen wie „Uranismus“ und „Uranier“ konkurrieren, die ungefähr zur gleichen Zeit durch den deutschen Juristen Karl Heinrich Ulrichs  eingeführt wurden. „Uranismus“ wurde vor allem von Personen verwendet, die den angeborenen Charakter gleichgeschlechtlicher Gefühle betonen wollten. Ulrichs’ Theorie zufolge hatte derartiges Verlangen eine natürliche Ursache: Durch eine bestimmte pränatale Drüsenfunktion hatten manche Männer nun einmal eine weibliche Seele.[1]

Dass vor der Mitte des 19. Jahrhunderts keine Wörter im Umlauf waren, die sich speziell auf sexuelle Gefühle und den Verkehr zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen bezogen, bedeutet nicht, dass solche Handlungen und derartiges Verlangen in den Niederlanden nicht existierten oder unbekannt waren. Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen wurden im Mittelalter unter dem Begriff „Sodomie“ zusammengefasst, der sich auf die göttliche Verurteilung (Sodom und Gomorra) bezog. Der juristische Verstoß Sodomie bezeichnete sowohl Analverkehr (egal ob dieser mit Männern oder Frauen stattfand) als auch Sex mit Tieren. Sodomie wurde schwer bestraft: Man konnte dafür auf dem Scheiterhaufen enden.[2]

Nach der Reformation wurde Sodomie in der Republik der Vereinigten Niederlanden als eine solche Sünde betrachtet, dass sie nicht genannt werden durfte: Sie wurde ein crimen nefandum. Obwohl Verfolgungen aufgrund von Sodomie weitergingen, wurde die Existenz widernatürlicher Unzucht möglichst verschwiegen. Sodomie kam in den Niederlanden nicht vor, jedenfalls nicht bei der protestantischen Mehrheit. Sie war eher eine katholische Sünde. Dieses Schweigen wurde 1730 gebrochen: Ein ausgedehntes „Sodomiten“- Netzwerk wurde zerschlagen. Die Obrigkeit reagierte mit einer groß angelegten Verfolgung, um Sodomie ein für allemal auszurotten.[3]

Diese Jagd auf „Sodomiten“ im 18. Jahrhundert stand im scharfen Gegensatz zur rechtlichen Situation 1811. Nach der Annexion durch Frankreich gab es keinen juristischen Grund mehr, sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen zu verfolgen. Der französische Code Pénal kannte derartige strafrechtliche Bestimmungen nicht, und diese fehlten auch im späteren niederländischen Strafgesetzbuch. In der Praxis wurden „Sodomiten“ immer noch verfolgt. Das war aufgrund der Verletzung der öffentlichen Sitte oder wegen Unzucht mit Minderjährigen immer noch möglich. Vorschläge, spezielle antihomosexuelle Bestimmungen in das niederländische Strafrecht aufzunehmen, scheiterten von Mal zu Mal. Politiker fürchteten, dass die Bekanntheit dieser Sünde möglicherweise schädlicher sein könnte als die Sünde selbst.

Beendet wurde diese Situation 1911. Von katholischer Seite wurde das crimen nefandum beim Namen genannt und zum Thema parlamentarischer Debatten gemacht. Als Teil einer allgemeinen Verschärfung der Sittengesetzgebung hielt der katholische Justizminister Robert Regout 1910 ein flammendes Plädoyer für eine neue, antihomosexuelle Gesetzgebung. Regout stellte einen Gesetzesartikel vor, durch den sich Volljährige strafbar machten, wenn sie gleichgeschlechtlichen sexuellen Kontakt mit Heranwachsenden (Jugendliche unter 21 Jahre) hatten. Und das, während die Altersgrenze für Heterosexuelle bei 16 Jahren belassen wurde. Regout fand nämlich, dass der Regierung die Aufgabe zukam, verletzbare Jungen vor Homosexualität zu beschützen. Genau wie manch anderer jener Zeit war der Minister davon überzeugt, dass „Homosexualität“ übertragbar war, wenn man mit ihr in Berührung kam. Homosexuelle Männer würden normale, heterosexuelle Jungen zu widernatürlicher Unzucht verleiten können, wonach die jungen „Opfer“ entarten und homosexuell werden könnten. Aufgrund dieser Verführungstheorie, auch Draculathese genannt, argumentiert Regout, dass der Staat die Pflicht hat, Jugendliche in ihren verletzlichen Jahren zu beschützen. Nach Vollendung des 21. Lebensjahres würden Jugendliche – so die Überlegung – homosexuellen Verführungen nicht mehr so schnell nachgeben. Obwohl sich die Debatte vor allem um Jungen zu drehen schien, galt der Artikel auch für Frauen. Und wie es sich nach dessen Einführung zeigte, wurden manchmal auch Frauen wegen angeblicher sexueller Kontakte zu Frauen unter 21 Jahren verfolgt.


[1] Vgl. Hekma, Gert: De medische fundering van een luchtkasteel, Homojaarboek 1. Artikelen over emancipatie en homoseksualiteit, Amsterdam 1981. & Vgl. Meer, Theo van der: Jonkeer mr. Jacob Anton Schorer, Een biografie van homoseksualiteit 1866-1957, Amsterdam 2007, S. 28.
[2] Vgl. Tielman, Rob: Homoseksualiteit in Nederland, Amsterdam/Meppel 1982, S. 38.
[3] Vgl. Meer, Theo van der: Jonkeer mr. Jacob Anton Schorer, Een biografie van homoseksualiteit 1866-1957, Amsterdam 2007, S. 16/41.

Autorin: Elise van Alphen
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: April 2012