VIII. Gesellschaftsreform

Die Vorstellung, dass die Gesellschaft schädlichen Einfluss auf die Psyche des Individuums haben könnte, brachte ab Mitte der 1960er Jahre vor allem die (gebildete, weiße) junge Generation zur Überzeugung, dass die gegenwärtige Gesellschaft die Freiheit des Individuums einschränkte. Mehr oder weniger radikale Gesellschaftsreformen wurden in vielen sozialen Bewegungen und Jugendbewegungen die Devise. Neomarxistische Denker wie Marcuse lenkten das Verständnis der Reformen in Richtung Kampf gegen „Verfremdung“ des eigenen, authentischen Selbst. Große gesellschaftliche Strukturen unterdrückten den Menschen und formten ihn zu einem ökonomisch effektiven und politisch ungefährlichen Individuum. Auf der Agenda stand, den Menschen von derartigen, unterdrückenden Machtstrukturen zu befreien. Die Empfänglichkeit der Niederlande für dieses (internationale) gesellschaftskritische Denken liefert eine wichtige Erklärung für die wachsende Toleranz in der Bevölkerung gegenüber Homosexuellen. Auch von fortschrittlichen Parteien wurden Homosexuelle immer mehr als unterdrückte Minderheit betrachtet.

Die Bewegung hatte also ab Mitte der 1960er Jahre Rückenwind. Der jungen homosexuellen Generation zufolge nutze das COC jedoch die Einfallsluken noch viel zu wenig, die in religiösen und politischen Kreisen entstanden. Dem COC wurde von den Studenten kräftig auf die Finger geklopft: Die Vereinigung war ihnen zu konservativ, zu vorsichtig und passte sich der Gesellschaft zu stark an, indem sie sich versteckte. Die Vereinigung sollte sich den Studierenden zufolge ein Beispiel an der Nederlandse Vereniging voor Seksuele Hervorming (Niederländische Vereinigung für Sexuelle Reform) nehmen, die die Vollendung der sexuellen Revolution  forderte. Dies bedeutete so viel, wie, dass die Gesellschaft so reformiert werden musste, dass jeder Mensch sich sexuell frei entfalten konnte – ohne Einmischung anderer. Nicht der oder die Homosexuelle musste sich verändern, um akzeptiert zu werden, sondern die Gesellschaft musste angepasst werden, damit Homosexuelle und Heterosexuelle hineinpassen konnten. Die anderen sollten einsehen, dass an Homosexuellen nichts Abnormales war. Mehr noch, die Gesellschaft müsste so reformiert werden, dass der Unterschied zwischen hetero- und homosexuell überhaupt keine Rolle mehr spielte. Es ging den Studenten immerhin darum, eine Gesellschaft zu schaffen, in der jeder er oder sie selbst sein konnte, ungeachtet der sexuellen Ausrichtung. Die Studentinnen und Studenten führten auch ihre eigenen Aktionen durch, um die Gesellschaftsreform zu bewerkstelligen. Sie tanzten zum Beispiel in Gastgewerbebetrieben für Heterosexuelle. Andere Jugendliche wollten der Gesellschaft die (ihrer Meinung nach) große Zahl homosexueller Opfer im Zweiten Weltkrieg bewusst machen, indem sie am Volkstrauertag einen Kranz niederlegten. Obwohl die Kranzniederlegung durch homosexuelle Jugendliche 1970 noch verhindert wurde, resultierte dieses Plädoyer jedoch schließlich im Recht auf Rente für homosexuelle Verfolgungsopfer und in der Errichtung des Homomonuments  in Amsterdam im Jahr 1989.

Das COC konnte sich zum Teil mit den Wünschen der Studenten anfreunden. Eine Reihe der Studenten gelangte in den Vorstand und der COC verfolgte ab 1971 offiziell eine andere Strategie: Es war keine homophile Vereinigung für die Wahrnehmung der Rechte homophiler Mitglieder mehr, sondern wurde eine Organisation von Heterosexuellen und Homosexuellen, die an der Integration von Homosexualität zusammenarbeiteten. Fortan sollte das COC demzufolge auch den Zusatznamen „Die Niederländische Vereinigung für die Integration Homosexueller“ tragen.

Das Jahr 1971 war auch das Jahr, in dem der Anlass für die Gründung der ersten Organisation für die Rechte Homosexueller schließlich beseitigt wurde: Der verhasste Artikel 248bis wurde endlich abgeschafft. Mit dem Antritt des progressivsten Kabinetts der Niederlande 1973 wurde das COC – 27 Jahre nach seiner Gründung – als juristische Person anerkannt. Die Haltung des Staats schien sich umgekehrt zu haben: Von einer repressiven Regierung, die Initiativen von Homosexuellen am liebsten unterdrücken wollte, wurde der Staat zunehmend zu einem Förderer der Emanzipation Homosexueller (und anderer Minderheiten). Die feministische Aktionsgruppe Man Vrouw Maatschappij (dt. Mann Frau Gesellschaft) fand es an der Zeit, Lobbyarbeit für ein Gesetz zu betreiben, das Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und sexueller Vorliebe verbot, ein Ziel, das das COC Mitte der 1970er Jahre auch aktiv verfolgte. Obwohl es in den 1970er Jahren möglich schien, alles anders zu machen, dauerte es schließlich bis 1994, dass das Algemene wet op gelijke behandeling (dt. Gesetz zur Gleichbehandlung) verabschiedet wurde.


Autorin: Elise van Alphen
Übersetzung: Susan Fittkau
Erstellt: April 2012